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Lehrer in NRW sollen Wirtschaft statt Sozialwissenschaften studieren

Debatte um Schulfach : Lehrer sollen Wirtschaft statt Soziologie studieren

Als einziges Bundesland hat NRW ein Schulfach Wirtschaft/Politik eingeführt und damit die fast 50-jährige Tradition des Faches „Sozialwissenschaften“ beendet. Nun soll auch in der Lehrerausbildung die Wirtschaft stärker betont werden. Das finden vor allem Unternehmensverbände gut.

Der Bedeutungsverlust der Sozialwissenschaften in der Lehrerausbildung und in den Schulen in NRW trifft auf heftigen Widerstand. „Sozialwissenschaften lassen sich nicht durch das Fach Wirtschaft/Politik ersetzen, wie es das Bildungsministerium aktuell plant - und das in Zeiten, in denen antidemokratische Parteien erstarken und die politische Bildung in den Schulen bereits schwächelt“, kritisierte die Landesschülervertretung. Dem Fach Wirtschaft/Politik fehle ohne die Sozialwissenschaften ein wichtiger Blickwinkel, sagte Moritz Bayerl vom Landesvorstand der Landesschülervertretung. Eine Umfrage habe schon 2018 gezeigt, dass nur 32 Prozent des Politikunterrichts am Gymnasium politischen und nicht wirtschaftlichen Themen gewidmet sei. „In Zukunft wird es nicht nur noch weniger Politikunterricht geben, er wird auch schlechter sein, da den Lehrkräften der Zusammenhang, die Sozialwissenschaft, fehlen wird“, so Bayerl.

Mit Beginn des aktuellen Schuljahres 2020/21 wurde in NRW an allen weiterführenden Schulen der Sekundarstufe I das Schulfach Wirtschaft eingeführt beziehungsweise stärker gewichtet. In der Folge will das FDP-geführte Schulministerium nun auch die Lehrerausbildung entsprechend anpassen. Lehrer mit dem Fach Sozialwissenschaften können nun eine Fortbildung absolvieren, um nicht gegenüber den künftigen Uni-Absolventen ins Hintertreffen zu geraten. Notwendig sei dies aber nicht, hieß es im Schulministerium.

Der Protest gegen die geplanten Änderungen ist auch unter Studierenden groß: „Die Soziologie ist essenziell für einen kritischen Blick auf die Gesellschaft und für den Weg der Schüler und Schülerinnen hin zur Mündigkeit“, sagte Tobias Zorn vom Landes-Asten-Treffen NRW, der Studierendenvertretung. Unter den Studierenden des Faches führe die Ankündigung zu großer Verunsicherung.

Die Fortbildungen für Lehrer mit dem Fach „Sozialwissenschaften“ werden einer Antwort der Landesregierung zufolge unter anderem von Universitäten, von der Deutschen Bundesbank, aber auch von verschiedenen Verbänden und Stiftungen angeboten. „In diesen Fällen entscheiden die Schulen eigenverantwortlich darüber, ob eine Teilnahme für sie in Betracht kommt und ob sie das ihnen zur Verfügung stehende Fortbildungsbudget hierfür einsetzen“, heißt es in der Antwort der Landesregierung auf eine kleine Anfrage der SPD.

Unternehmensverbände hingegen begrüßen das größere Gewicht der Wirtschaft im Unterricht als vorbildlich für andere Bundesländer. „Um Wirtschaft verständlicher zu machen sowie Vorurteilen zu begegnen, muss bei der ökonomischen Bildung der Schülerinnen und Schüler angesetzt werden. Der Anspruch muss sein: Die junge Generation ökonomisch und politisch klüger machen!“, sagte Thomas Rick vom Verband „Die Familienunternehmer“.

(kib)