Wüst ist CDU-Spitzenkandidat Mit 99,1 Prozent den Unterschied machen

Essen · In der Essener Grugahalle wählt die Landesvertreterversammlung der NRW-CDU ihre Landesliste. Spitzenkandidat mit nur zwei Gegenstimmen wird Hendrik Wüst. Eine Kampfkandidatur gegen seinen Chef der Staatskanzlei sorgt für Aufsehen – und bringt den Ministerpräsidenten in eine schwierige Situation.

 Hendrik Wüst (CDU, M.), Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, streckt die Arme in die Luft nach der gewonnen Wahl zum Spitzenkandidaten.

Hendrik Wüst (CDU, M.), Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, streckt die Arme in die Luft nach der gewonnen Wahl zum Spitzenkandidaten.

Foto: dpa/Fabian Strauch

Die Überhöhung des Events erfolgt direkt zu Beginn. Der Generalsekretär der NRW-CDU, Josef Hovenjürgen, schlägt gleich mal die große Brücke zu einem Event, das an selber Stelle im April 2000 stattgefunden hatte: die Wahl von Angela Merkel zur Bundesvorsitzenden der CDU. „Wichtige Entscheidungen nehmen hier ihren Anfang“, sagt Hovenjürgen. Tatsächlich geht es an diesem Samstag aber erst einmal „nur“ um die Reserveliste für die Landtagswahl im Mai. Aber sie ist schon nach dem durchaus ja konkurrenzbehafteten Kampf um den Führungsanspruch in der NRW-CDU nach dem Abgang von Armin Laschet ein Stimmungstest für den Ministerpräsidenten und Landesvorsitzenden Hendrik Wüst.

Der wird gleich mal mit einem kämpferischen Wahlspot begrüßt. Mit dem Mountainbike radelt der 46-Jährige durchs Münsterland, springt sportlich - das Rad über der Schulter - über einen Wassergraben. „Herausforderungen annehmen, Hindernisse überwinden und auch mal den unbequemen Weg gehen“, hört man Wüst aus dem Off sagen.  

Für den Landesvorsitzenden ist es an diesem Morgen ein Balanceakt. „Für Polarisierung haben die Menschen kein Verständnis. Das Wichtigste ist, gut aus dieser Phase der Pandemie zu kommen“, hatte er kurz zuvor im Interview mit unserer Redaktion gesagt. Doch auch wenn die Wahl noch 85 Tage hin ist, will das Publikum, darunter zahlreiche Jung-Unionisten mit grün-weißen „Team Wüst“-Kapuzenpullis, auf die anstrengenden Wahlkampftage eingestimmt werden.

Wüst probiert es, indem er sich in Abgrenzung übt. Jeder wisse, in welcher Stimmung die Partei war, als er angetreten sei. Seitdem habe man einen Rückstand von 13 Punkten aufgeholt. „Mit uns ist wieder zu rechnen“, ruft Wüst. Es mache eben den Unterschied aus, wenn die CDU regiere, dieser Satz wird der rote Faden seiner Rede sein. Etwa bei der inneren Sicherheit. Wüst skizziert die Bilanz der rot-grünen Vorgängerregierung: Kölner Silvesternacht, Clan- und Rockerkriminalität, Rekordzahlen bei den Einbrüchen und ein sozialdemokratischer Innenminister Ralf Jäger, der vor allem durch seinen Blitzermarathon aufgefallen sei. Dem gegenüber die Bilanz des beliebten CDU-Innenministers Herbert Reul, dem selbst einmal Ambitionen auf Wüsts Posten nachgesagt wurden. Es gilt als ausgemacht, dass die NRW-CDU mit Reuls „Null Toleranz“-Politik im Wahlkampf punkten will.

Den Unterschied zu Rot-Grün in der Bildungs-, Verkehrs- und Gesundheits-, der Wirtschafts- und Finanzpolitik – all dies skizziert Wüst in seiner Rede. „Wir haben viel erreicht, aber es liegt noch viel vor uns: Wir müssen gut raus aus der Pandemie und dann durchstarten“, sagt der Ministerpräsident. Die größte Herausforderung sei der Schutz des Klimas. Das müsse aber ein Versöhnungsprojekt sein, dass die Bürger nicht finanziell bei Heiz- und Mobilitätskosten überfordere und dafür sorgen, dass NRW Industrieland bleibe.

Die Rede quittieren die Zuhörer mit freundlichem, Applaus und einem fulminanten Ergebnis: 99,1 Prozent stimmen für Wüst auf Platz eins der Liste. Damit könnte die Spannung für den Landesvorsitzenden raus sein, doch Landesvertreterversammlungen folgen oft eigenen Gesetzmäßigkeiten. Als Hovenjürgen Name für Name die weiteren Kandidaten verliest und zu Platz zwölf, Nathanael Liminski, kommt, regt sich Widerspruch: Deniz Güner, stellvertretender Vorsitzender der CDU Duisburg-Marxloh und Senior-Internal-Audit-Manager bei einem amerikanischen Konzern, wirft unabgesprochen seinen Hut in den Ring.

Die Vertreterversammlung reagiert überrascht. Erwartet worden war eine Kampfkandidatur erst ab Platz 20. Liminski, der mit einem vorderen Listenplatz seinen wackeligen Direktwahlkreis in Köln absichern muss, drängt spürbar in die erste Reihe der Politik. Doch an diesem Tag ist er in Essen gar nicht anwesend. Der Chef der Staatskanzlei ist an Corona erkrankt und deshalb in Isolation.

An seiner Stelle muss also noch einmal der Ministerpräsident in den Ring, um für den Listenvorschlag des Vorstands zu werben. Doch weil es alphabetisch zugeht, bekommt zunächst Güner das Wort. Und er nutzt den Auftritt geschickt, verweist beispielsweise auf Wüsts Wahlkampfvideo und den dort formulierten Satz, man müsse manchmal für seine Überzeugungen den unbequemen Weg gehen. Güner erzählt, wie er 1998 in die CDU eingetreten sei und Freunde ihn dafür ausgelacht hätten. „Du als Deutsch-Türke in der CDU? Das wird nie funktionieren.“ Aber er sei dabei geblieben. Güner verweist allerdings auch darauf, die CDU sei in ihrer Entwicklung stehengeblieben. „Lassen Sie uns einen Unterschied machen in einem Bundesland, in dem ein Drittel der Bevölkerung einen Migrationshintergrund hat.“

Für Wüst ist es eine unangenehme Situation, als er an Stelle des erkrankten Liminski ans Rednerpult tritt, weiß er doch, dass er ihn trotz seines berechtigten Anliegens abräumen wird. Er dankt Güner für dessen Kandidatur. Er werde ihn im Kampf um das Direktmandat unterstützen. „Ich komme gerne zu Ihnen nach Marxloh. Mit so einem starken Kandidaten kann man auch solch einen Wahlkreis gewinnen.“ Mit Listen löse man nicht Glück und Freude aus, sagt Wüst. Dann lobt er seinen Staatskanzlei-Chef als den maßgeblich Verantwortlichen dafür, dass in NRW so geräuschlos regiert werde. „Diese Reibungslosigkeit ist durch seine tolle Arbeit möglich. Er kümmert sich genau um das, was uns hier stark macht“, ruft Wüst. Während die Auszählung noch läuft, verlässt Wüst die Bühne und schlendert zum Ende des Saals. In der letzten Reihe sitzt Güner. Eine kurze Begrüßung per Faustschlag, ein paar freundliche Worte. Am Ende stimmen die Vertreter mit 79 Prozent für Wüsts Kandidaten Liminski.

Für den Spitzenkandidaten wird die heiße Phase des Wahlkampfes nach Ostern starten. Dann wird sich entscheiden ob er in den kommenden fünf Jahren einen Unterschied machen kann, oder ob er als der Ministerpräsident mit der kürzesten Amtszeit in die Geschichtsbücher eingehen wird.

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