Wer darf am Ende entscheiden? Große Unsicherheit über Anzahl der Klassenarbeiten in Stufe 7 und 8

Düsseldorf · Nach der Ankündigung von Schulministerin Feller, in den Klassen 7 und 8 weniger Klassenarbeiten schreiben lassen zu können, sind Schulgemeinschaften in NRW verunsichert, wer das letztendlich entscheiden darf. Dabei ist die Rechtslage eigentlich klar.

 Schülerin im Unterricht (Symbolbild). Für die Zeugnisnote sind die mündliche Beteiligung und Klassenarbeiten wichtig. Gibt es weniger Prüfungen, wächst der Druck bei jeder einzelnen.

Schülerin im Unterricht (Symbolbild). Für die Zeugnisnote sind die mündliche Beteiligung und Klassenarbeiten wichtig. Gibt es weniger Prüfungen, wächst der Druck bei jeder einzelnen.

Foto: dpa/Daniel Karmann

An weiterführenden Schulen in NRW wird darüber diskutiert, wie viele Klassenarbeiten nun in den Stufen 7 und 8 geschrieben werden sollen – und, wer im Zweifelsfall darüber beschließen darf. „Es gibt Schulleitungen, die die Anweisung gegeben haben, dass die Schulkonferenz darüber zu entscheiden hat oder zu beteiligen wäre“, sagte Sven Christoffer, Landesvorsitzende des Verbands Lehrer NRW. „Bei mir kommen dazu wirklich viele Anfragen an, es scheint große Unsicherheit zu herrschen.“

Nach Informationen unserer Redaktion erhielten Schulen in der Region Düsseldorf sogar eine fehlerhafte Auskunft ihrer zuständigen Schulaufsicht. Das letzte Wort habe die Schulkonferenz, heißt es in dem Schreiben, das unserer Redaktion vorliegt. „Es gibt auch Schulleitungen, die der Auffassung sind, dass sie selbst es zu bestimmen hätten“, ergänzte Sabine Mistler, Landesvorsitzende des Philologenverbands NRW. „Wir werden das Schulministerium bitten, dass es noch mal eine eindeutige Information an die Schulen herausgibt, wie sie zu verfahren haben.“

Dabei ist die Rechtslage eigentlich klar, wie das Bildungsministerium mitteilte: Laut dem Schulgesetz entscheiden die Lehrkräfte in ihren sogenannten Fachkonferenzen über die „Grundsätze zur Leistungsbewertung“. „Hierzu zählt auch die Festlegung, wie viele Klassenarbeiten im Rahmen der vorgegebenen Bandbreiten pro Fach und Jahrgangsstufe geschrieben werden“, hieß es aus dem Ministerium.

Schulministerin Dorothee Feller hatte den Schulen zum Start des Schuljahres freigestellt, in den Stufen 7 und 8 jeweils in den Hauptfächern eine Klassenarbeit weniger zu schreiben als bisher. Die Option ist ausdrücklich dafür da, die Kollegien von Korrekturarbeit zu entlasten.

Deshalb wäre es auch absurd, wenn nicht die Lehrerinnen und Lehrer selbst darüber das Sagen hätten, urteilte Lehrkräftevertreter Sven Christoffer: „Das würde ja glatt konterkariert, wenn die Schulkonferenz einfach das Gegenteil entscheidet.“ Während Schüler und Eltern in den Fachkonferenzen nur beratend dabei sind, sind die Schulkonferenzen zu jeweils einem Drittel von Vertretern der Schüler-, Eltern- und Lehrerschaft besetzt. Die Lehrkräfte könnten darin also einfach überstimmt werden.

Und gerade aus Eltern- und Schülerperspektive gibt es durchaus unterschiedliche Meinungen zur Sache. Gibt es weniger Prüfungen, wird jede einzelne umso bedeutender. „Man konzentriert den Leistungsdruck nur auf weniger Arbeiten“, erklärte Thaddäus Hildemann von der Landesschüler*innenvertretung. Eine Verbesserung sei das also eher nicht, zumindest nicht für die jungen Leute. Sie halten einzelne Stresssituationen wie Klassenarbeiten ohnehin für ungeeignet, um Leistungen gerecht zu bewerten. „Man müsste raus aus dem System, statt innerhalb des Systems herumzupfuschen“, so Hildemann.

Eltern wiederum fürchten, dass die verbleibenden Klassenarbeiten mit mehr Lernstoff vollgestopft werden, dass ihre Kinder sich umso mehr anstrengen müssen und dann auch noch weniger Chancen haben, eine schlechtere Note auszugleichen. „Bei zwei Klassenarbeiten im Halbjahr kann man sich keinen Ausrutscher mehr erlauben“, sagte Ismail Sönmez, Vorsitzender der Landeselternschaft der Realschulen. „Eigentlich finde ich es ein Unding, dass bei solchen Fragen die Schulpflegschaften kein Mitspracherecht haben.“

Mit dem Umstand, dass es über die Entscheidungswege für mehr oder weniger Prüfungen an den NRW-Schulen Unsicherheiten gibt, hatte man beim NRW-Schulministerium offensichtlich gar nicht gerechnet. Schließlich habe es auch früher schon Spielräume bei der Anzahl der Arbeiten in den Stufen 9 und 10 gegeben: „Deshalb haben Schulen hier bereits eine eingeübte Entscheidungspraxis“, hieß es. Womöglich, mutmaßten nun Lehrkräftevertreter, war die aber bislang nicht immer und überall korrekt. Oder sie werde nun erstmals infrage gestellt.

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