Krachende Niederlage in Düsseldorf: Kann die CDU noch Großstadt?

Krachende Niederlage in Düsseldorf : Kann die CDU noch Großstadt?

Die krachende Niederlage von Dirk Elbers in Düsseldorf ist zum Teil selbstverschuldet. Sie wirft aber auch Fragen nach der Rolle der Landespartei auf. Die Union muss mehr auf das urbane Lebensgefühl eingehen.

Das Ergebnis der Stichwahl in Düsseldorf ist für die CDU ein Desaster weit über die Stadtgrenzen hinaus. Unter den zehn größten Städten der Bundesrepublik befindet sich seit gestern keine einzige mehr, in der die Union den Oberbürgermeister stellt. Nordrhein-Westfalen ist das bevölkerungsreichste und industriell bedeutsamste Bundesland. Seit 15 Jahren stand ein Unionspolitiker an der Spitze der NRW-Metropole - bis gestern. Jetzt ist Dresden die einzige Landeshauptstadt in ganz Deutschland, in der der OB das CDU-Parteibuch besitzt.

Die Gründe für die Niederlage von Dirk Elbers sind vielfältig. Zum Teil ist sie selbstverschuldet. Elbers hat sich in den letzten Jahren einige Eskapaden geleistet, die im Wahlkampf eine Eigendynamik entwickelt haben: Er hatte sich mit der Feuerwehr angelegt, ist erster Klasse geflogen, hat von einer städtischen Gesellschaft ein Champagner-Geschenk angenommen und hat schließlich von sich gegeben, dass er im Ruhrgebiet "nicht mal tot überm Zaun hängen" wolle. Das wurde dem oft dröge wirkenden Zwei-Meter-Mann als üble Arroganz angekreidet.

Ungeschickt war es auch, dass Elbers nach seiner Niederlage im ersten Wahlgang voreilig ein Bündnis mit den Grünen ankündigte und damit den langjährigen Partner FDP verprellte. Anders als im ersten Wahlgang konnte er diesmal nicht mit ihren Stimmen rechnen.

Das Aus für Elbers ist zugleich eine Niederlage für die nordrhein-westfälische CDU, die sich fragen lassen muss, was sie eigentlich getan hat, um Düsseldorf zu verteidigen. Seit dem ersten Wahlgang vor drei Wochen drängte sich einem nicht gerade der Eindruck auf, als liege der NRW-CDU das politische Schicksal der Landeshauptstadt sonderlich am Herzen. Aus der Parteizentrale an der Düsseldorfer Wasserstraße kam lediglich der laue Hinweis, dass man alle Kreisverbände bei der Stichwahl unterstützen werde, und das gelte "natürlich auch ganz besonders für die Landeshauptstadt Düsseldorf". Worin diese Unterstützung bestand, bleibt unerfindlich. Während SPD-Landeschefin Hannelore Kraft noch am Freitag mit Elbers-Herausforderer Thomas Geisel zu einem Fototermin zusammentraf, war ein gemeinsamer Auftritt von Parteichef Armin Laschet und Elbers wohl nicht vorgesehen.

Wahlsieger Geisel wird gefeiert

Der CDU-Sieg in Mönchengladbach war hauchdünn

In ihren besten Zeiten stellte die nordrhein-westfälische CDU nicht nur in Düsseldorf den Oberbürgermeister, sondern auch in Köln, Essen und Duisburg - zeitweise sogar im tiefroten Gelsenkirchen. Trotz des (hauchdünnen) Sieges am Montag von CDU-Kandidat Hans Wilhelm Reiners in Mönchengladbach verdichten sich die Zweifel, ob die CDU noch "Großstadt kann". Die Serie ihrer Niederlagen im Kampf um die Chefsessel in den Rathäusern ist ellenlang und zieht sich quer durch die Republik.

"Die CDU hat ein Großstadt-Problem", hieß es in den Medien nach jeder verlorenen OB-Wahl. Insider sehen das auch so. Der baden-württembergische CDU-Vorsitzende Thomas Strobl räumte 2012 nach dem Machtwechsel in Stuttgart ein: "Die großen Städte sind für die CDU ein schwieriges Pflaster geworden. Wir tun uns im Moment schwer, das Lebensgefühl der Menschen dort zu treffen." Der Berliner Zeitgeschichtler Paul Nolte analysiert ähnlich: "Großstädte sind Anziehungspunkte einer nicht unbedingt CDU-affinen Bevölkerung." Diese sei eben "linker, bunter, säkularer".

Die CDU, die traditionell im ländlichen Raum verankert ist, muss sich wohl stärker dem urbanen Lebensgefühl zuwenden. Dabei sind ihr jedoch Grenzen gesetzt: Wenn sie ihr eigenes Wertegerüst in Frage stellen würde, gäbe sie sich der Beliebigkeit anheim. Die Markenkerne der Union - das christliche Menschenbild, die soziale Marktwirtschaft und europäische Integration - geben ihr aber grundsätzlich genügend Spielraum, um städtische Milieus wieder stärker an sich zu binden. Anläufe dazu hat es immer wieder gegeben. In Nordrhein-Westfalen hat der damalige CDU-Landesvorsitzende Jürgen Rüttgers eine Wende eingeleitet. Er stimmte seine Partei auf externe frühkindliche Betreuungsformen (Kita) ein und betonte immer wieder, der Staat könne den Menschen nicht vorschreiben, wie sie zu leben haben. Die NRW-CDU schloss Frieden mit den Schulen des "längeren gemeinsamen Lernens" und führte neue Formen der Partizipation ein.

Doch das reicht offenbar nicht. Das Ruhrgebiet ist weitgehend rot. Gerade in den Großstädten, so heißt es in einer Analyse der CDU-Bundestagsabgeordneten Matthias Zimmer und Marcus Weinberg, verhalte sich die Union "allzu oft als Nachhut der öffentlichen Debatte, meist in defensiver Abwehr- oder Erklärungshaltung, ohne Themen zu setzen". Die öffentliche Wahrnehmung der CDU werde zudem oft hauptsächlich mit Sicherheit und Ordnung sowie mit einer konservativen Grundausrichtung in Verbindung gebracht, die vor allem ältere Wählerschichten anspreche.

Beide Autoren beklagen, dass die CDU trotz umfangreicher Leistungen nur unzureichend als Familienpartei wahrgenommen wird. Ihr dringender Rat: Die CDU müsse sich intensiver um Alleinerziehende und Single-Haushalte in den Großstädten kümmern und sich mehr als "Anwalt der kleinen Leute" verstehen. Vor allem aber brauche die Partei in den Städten politische Repräsentanten, die das urbane Lebensgefühl glaubhaft vertreten.

Genau das ist der entscheidende Punkt: In allererster Linie kommt es bei den personenzentrierten Oberbürger- und Bürgermeisterwahlen auf die Kandidaten an. Laschet wünscht sich in den Städten Politiker, die von den dort lebenden Menschen als "Kümmerer" wahrgenommen werden.

In Mönchengladbach ist das Reiners offensichtlich gelungen, während Elbers mächtig abgestraft wurde. War er in seiner Amtsführung zu abgehoben und nicht mehr nah genug bei den Bürgern? Oder haben sich gestern in der Landeshauptstadt die pure Lust am Wechsel und der Wunsch nach einem neuen Gesicht manifestiert? Wie auch immer: Die CDU hat ein Großstadt-Problem. Sie muss es lösen. Bereits im nächsten Jahr finden in einem Dutzend NRW-Großstädte OB-Wahlen statt, darunter auch in Nordrhein-Westfalens einziger Millionenstadt Köln.

(RP)