Mehr Tatverdächtige unter 14 Jahren Jugendkriminalität in NRW steigt deutlich – vor allem bei Kindern

Düsseldorf · Eine neue Auswertung zur Kinder- und Jugendkriminalität zeigt: 2022 gab es 41 Prozent mehr Tatverdächtige unter 14 Jahren. Es müsse dafür Ursachen geben, sagt Innenminister Herbert Reul. Wovor der Kinderschutzbund warnt und was er fordert.

 Die JVA Heinsberg ist mit 566 Plätzen die größte Jugendstrafanstalt in NRW und die zweitgrößte in Deutschland (Symbolbild).

Die JVA Heinsberg ist mit 566 Plätzen die größte Jugendstrafanstalt in NRW und die zweitgrößte in Deutschland (Symbolbild).

Foto: Dieter Meier

Nach neuen Auswertungen zur Kinder- und Jugendkriminalität zeigt sich Innenminister Herbert Reul (CDU) besorgt über die Entwicklung. Bei fast jeder fünften Straftat, die 2022 in NRW aufgeklärt wurde, gab es Tatverdächtige unter 21 Jahren. Insgesamt gab es dadurch 19 Prozent mehr Verdächtige aus dieser Altersgruppe als im Vorjahr. „Bei Kindern unter 14 Jahren sehen wir einen noch viel stärkeren Anstieg der Kriminalität: Im vergangenen Jahr gab es rund 20.950 Tatverdächtige unter 14 Jahren, im Jahr davor waren es rund 14.850. Das sind über 41 Prozent mehr“, sagte Reul unserer Redaktion. „Ich glaube, das Problem ist nicht vom Himmel gefallen, es muss dafür Ursachen geben.“

Nur teilweise lässt sich die Statistik mit dem pandemiebedingten Rückgang der Zahlen im Jahr 2021 erklären. So stieg die Zahl der Straftaten 2022 insgesamt über das Niveau des Vor-Corona-Jahres 2019, und dabei war das Plus bei Kindern und Jugendlichen besonders ausgeprägt. Beispielsweise gerieten 2019 noch weniger als 16.700 Kinder unter Tatverdacht. Auffällig sind die Zahlen bei der Kriminalität im Internet. In diesem Bereich waren 2022 über ein Drittel mehr Kinder, Jugendliche und Heranwachsende unter den Beschuldigten als 2021. Bei Verbreitung, Erwerb oder Besitz von Kinderpornografie gab es einen Zuwachs um fast 49 Prozent.

Auch in der analogen Wirklichkeit sei eine Veränderung zu spüren, sagte Michael Mertens, Landesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei. „Körperverletzungen, Diebstahl, Raubdelikte: Man merkt auf der Straße, dass junge Menschen häufiger straffälliger werden.“ Es gebe eine Verrohung der Gesellschaft und somit auch der Jugend – und zwar auch gegenüber Einsatzkräften: „Jugendliche hatten vor einigen Jahren noch großen Respekt vor der Polizei in Uniform. Heute ist das nicht mehr unbedingt so“, erklärte Mertens.

Allerdings dürften sich auch positive Entwicklungen in der Statistik niederschlagen. Im Kampf gegen Kinderpornografie gebe es mehr Ermittlungen, somit fielen auch mehr Taten auf. Außerdem gebe es auf allen Feldern der Kriminalität heute ein anderes Bewusstsein auf Seiten der Opfer: „Was früher mit vielen Schmerzen weggelächelt wurde, wird heute angezeigt. Und das ist etwas Gutes.“

Der weitaus größte Teil der jungen Verdächtigen waren Deutsche, gut 71 Prozent. Der Anteil nichtdeutscher Tatverdächtiger lag bei knapp 29 Prozent – was allerdings wiederum einen Anstieg um fast ein Drittel gegenüber 2021 ausmachte. Ein Umstand, den der Kinderschutzbund differenziert bewertet wissen möchte. Nicht nur seien zuletzt besonders viele junge Menschen durch Zuwanderung in die Gesellschaft gekommen – sie seien auch vielfach in schwierigen Lebenssituationen. „Man muss die rausholen aus Gemeinschaftsunterkünften, man muss ihren Bildungsangebote machen, für Integration sorgen, junge Erwachsene arbeiten lassen“, forderte die Landesvorsitzende Gaby Flösser.

Bei der Frage, ob das Alter der Strafmündigkeit abgesenkt werden sollte, zeigte Innenminister Herbert Reul sich zwiegespalten. Er selbst denke immer häufiger darüber nach. „Kinder haben heute mit 14 einen anderen Entwicklungsstand als früher. Das zeigen uns auch die Straftaten“, sagte er. „Aber ich glaube trotzdem, dass das Phänomen der Jugendkriminalität nicht nur ein polizeiliches oder ein juristisches Thema ist, sondern eines, das die ganze Gesellschaft betrifft: Kindergarten, Schule, Eltern, Medienpolitik. Da müssen wir mehr tun.“

Eindeutig ist die Position des Kinderschutzbundes in NRW: Eine Absenkung der Strafmündigkeit hielte man für keineswegs zielführend. „Die Gesellschaft hält Kinder für nur bedingt geschäftsfähig, wir lassen sie nicht wählen, aber bei der Strafmündigkeit glauben wird, sie seien entwickelt genug, Recht und Unrecht und alle Konsequenzen richtig einzuordnen?“, fragte die Landesvorsitzende Gaby Flösser. Ein Problem sei eine allgemeine Verrohung; Kinder würden zu Hause und in an anderen Kontexten mit gewalttätigem Verhalten konfrontiert. Der richtige Ansatz sei nun Prävention: „Wir müssen mit Kindern üben, dass man ohne körperliche Gewalt Konflikte lösen kann. Wir brauchen Aufklärung zur Medienkompetenz.“ Weil Kinder immer mehr Zeit in der Schule verbrächten, brauche es entsprechende Angebote im offenen Ganztag.

Die Taten der unter 21-Jährigen entfielen im vergangenen Jahr zu 26 Prozent auf Diebstahl, zu rund 17 Prozent auf Körperverletzungen, zu etwa 10 Prozent auf Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz, Taten gegen die sexuelle Selbstbestimmung machten rund sieben Prozent aus, Sachbeschädigungen sechs Prozent. Langfristig ist die Jugendkriminalität weniger geworden. So zeigt sich nach der Statistik des Innenministeriums im Zehnjahresvergleich ein Rückgang um fünf Prozent.

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