Reaktionen auf die Iglu-Studie Für jedes NRW-Grundschulkind soll es künftig feste Lesezeiten geben

Düsseldorf · Da ist sie: die nächste Bildungsstudie, die ein trauriges Ergebnis liefert. Schulministerin Dorothee Feller kündigt Änderungen ab dem kommenden Schuljahr an. Was Lehrervertreter, Politiker und Eltern zusätzlich fordern.

 Jedes vierte Grundschulkind in Deutschland kann nicht so gut lesen, wie es eigentlich nötig wäre, um die Schullaufbahn weiter zu bestreiten. Das hat die neueste Iglu-Studie ergeben.

Jedes vierte Grundschulkind in Deutschland kann nicht so gut lesen, wie es eigentlich nötig wäre, um die Schullaufbahn weiter zu bestreiten. Das hat die neueste Iglu-Studie ergeben.

Foto: dpa/Sebastian Gollnow

NRW-Schulministerin Dorothee Feller (CDU) kündigt Änderungen an Grundschulen an, um die Lesekompetenz der Kinder zu fördern. Die Formel dazu lautet: Drei mal 20 Minuten verbindliche Lesezeit pro Woche für alle Grundschulkinder. Die Regelung soll ab dem nächsten Schuljahr überall umgesetzt werden.

Verlässlichkeit, Verbindlichkeit und Regelmäßigkeit im Leseunterricht seien wichtig zur Sicherung der Basiskompetenzen. Insgesamt soll ein Auftrag zur „Stärkung des Leseunterrichts” nach den Sommerferien in Angriff genommen und in den kommenden Wochen und Monaten weiter konkretisiert werden, hieß es aus dem Ministerium. Die Schulen sollen fachwissenschaftlich erstellte Unterrichtsmaterialien und einheitliche, gut handhabbare diagnostische Instrumente bekommen. „Besonders das ‘Lesenlernen’ ist eine zentrale Voraussetzung für jeden erfolgreichen Bildungsverlauf“, sagte Feller am Dienstag.

Die Studie bescheinige Deutschland mit durchschnittlich 141 Minuten Lesezeit im Unterricht eine Platzierung unter dem Durchschnitt der OECD-Teilnehmer, der bei 205 Minuten liege, und der EU-Teilnehmer, der bei 194 Minuten liege. „Wir müssen hier also dringend etwas tun, denn Lesen ist die zentrale Schlüsselkompetenz für einen erfolgreichen Bildungsweg – daher setzen wir hier unsere erste Priorität”, sagte Ministerin Feller.

Zugleich hob sie hervor, dass das Lesenlernen ein komplexer Prozess sei: „Jedes Kind kommt mit anderen Lernvoraussetzungen in die Schule, und somit sind die Lehrkräfte als Expertinnen und Experten für den Leseerwerbsprozess mannigfaltig gefordert“, so Feller. „Hier müssen wir ansetzen, um diesen Entwicklungsprozess, der die Basiskompetenzen unserer Kinder stärkt, nicht zu einer weiteren Belastung unserer Lehrkräfte werden zu lassen. Wir werden uns dazu mit den Lehrkräften eng austauschen.”

Unterdessen wurden als Reaktion auf die Iglu-Erkenntnisse in Nordrhein-Westfalen Rufe nach deutlich weitergehenden Veränderungen in der Bildungslandschaft laut - vor allem nach besserer Finanzierung. In den meisten NRW-Grundschulen sei es nicht möglich, Lernrückstände in Kleingruppen aufzuholen, kritisierte etwa die Bildungsgewerkschaft VBE. „Dafür fehlen die Fachkräfte und oft auch die Räumlichkeiten.“

„Die Ergebnisse dieses internationalen Vergleichs der Lesekompetenz von Grundschulkindern sind das Ergebnis jahrelang verfehlter Personalpolitik im Schul- und Bildungsbereich“, sagte die VBE-Landesvorsitzende Anne Deimel. „Dass die Grundschulen in NRW seit Jahren den letzten Platz bei den Bildungsausgaben je Kopf belegen, macht angesichts der neuen Erkenntnisse fassungslos.“

„Wie lange wollen wir diese Nachrichten eigentlich noch nur zur Kenntnis nehmen“, fragte die bildungspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Landtag, Dilek Engin. „Investitionen ins Bildungssystem sind massiv zu erhöhen. Finanzierungsfragen zwischen Bund, Ländern und Kommunen sind endlich zu klären. Und Attraktivitätssteigerungen für den Lehrberuf dürfen keine Nebensächlichkeit mehr sein“, sagte sie.

Da die Erhebung im Jahr 2021 durchgeführt wurde, dürften sich Corona-Effekte auf die Ergebnisse ausgewirkt haben. Das geben auch die Autoren der Studie zu bedenken. „Eltern mussten in einem nicht geringen Anteil der Zeit die Lehrkräfte ersetzen“, erinnerte Birgit Völxen von der Landeselternschaft der Grundschulen. „Sie sollten machen, wozu sie nicht ausgebildet sind oder wozu sie gar nicht die Zeit hatten, weil sie berufstätig sind.“

Dennoch hätten die Pandemiebedingungen lediglich die grundlegenden Probleme in der Bildungslandschaft verschärft. „Der Lehrermangel trifft sämtliche Kinder, die 2021 in der vierten Klasse waren“, sagte Völxen. Das sorge zum einen für weniger und zum anderen für schlechteres Lernen: „Vertretungsunterricht durch nicht originär ausgebildete Lehrkräfte macht sich bemerkbar.“

Aus Sicht der Familien müsste sich überdies nicht nur die Unterrichtsversorgung bessern. Es müssten für Kinder mehr Gelegenheiten zum Lesen in der Freizeit geschaffen werden. „Stadtteilbibliotheken müssten wieder zu Zeiten geöffnet haben, an denen Eltern mit Kindern hingehen könnten“, appellierte Völxen. Viele Kommunen hätten beispielsweise die Öffnungszeiten an Samstagen eingeschränkt.

Die Autoren der Iglu-Studie kommen ferner zu dem Schluss, dass sich an der sozialen Ungerechtigkeit im Bildungssystem in den letzten 20 Jahren wenig getan hat. Nach wie vor hätten Kinder aus privilegierten Verhältnissen bessere Bildungschancen als andere. „Frustrierend“ nannte das die Landesvorsitzende der Bildungsgewerkschaft GEW, Ayla Çelik. „NRW muss bildungspolitisch aus dem Dornröschenschlaf erwachen und alles dafür tun, den Zusammenhang zwischen sozialer Ungleichheit und Bildungserfolg zu verringern. Dafür braucht es eine Initiative der Landesregierung. Bildungspolitik muss bei Schwarz-Grün Chefsache werden", forderte sie. Vor allem Schulen in schlechteren Lagen sollten nach Vorstellung der GEW mit deutlich mehr Geld ausgestattet werden.

Erst zum Jahreswechsel hatten die Ergebnisse der Bildungsstudie „IQB Bildungstrend 2021“ das Bundesland Nordrhein-Westfalen erschüttert. Demnach hatten sich die Kompetenzen von Viertklässlern in NRW in mehreren Bereichen drastisch verschlechtert, beim Lesen erreichten mehr als ein Fünftel der Kinder nicht den geforderten Mindeststandard, mehr als 23 Prozent verfehlten ihn beim Zuhören, fast ein Drittel der Kinder konnten die Mindestanforderungen im Fach Mathematik nicht erfüllen.

Schulministerin Feller versicherte am Dienstag, dass das Land das Fach Mathematik bei der Sorge um die Basiskompetenzen ebenfalls im Blick habe.

Die Iglu-Tests werden seit 2001 im Fünf-Jahres-Rhythmus durchgeführt. Bei der aktuellen Studie waren 2021 rund 4600 Schüler aus 252 vierten Klassen in Deutschland beteiligt. International nahmen rund 400.000 Schüler aus 65 Staaten und Regionen teil.

Den Spitzenplatz nach Punkten im Ländervergleich belegte Singapur mit 587 Punkten, ganz hinten steht Südafrika mit 288 Punkten. Deutschland landet mit 524 Punkten im Mittelfeld. Allerdings ist sein Punktwert nach anfänglicher Verbesserung Mitte der 2000er Jahre nun zum dritten Mal in Folge gesunken. Weit besser als in Deutschland sind die Lese-Leistungen zum Beispiel in England oder Polen.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort