Hohes Armutsrisikio: Forscher fordern mehr Unterhalt für Alleinerziehende

Hohes Armutsrisiko : Die Nöte der Alleinerziehenden

Das höchste Risiko zu verarmen tragen alleinerziehende Mütter und Väter. In Nordrhein-Westfalen ist fast jeder Zweite von ihnen armutsgefährdet. Experten fordern im Landtag weitreichende Reformen.

Olivia Richardt ist Studentin. Sie ist auch alleinerziehende Mutter zweier Kinder. Und sie arbeitet als Beraterin für Studierende. Trotz ihrer drei Jobs zählt sie zu einer Risikogruppe. Ihre Wahrscheinlichkeit zu verarmen ist statistisch betrachtet doppelt so hoch wie für den Rest der Bevölkerung. Wie es sich als Alleinerziehende in NRW lebt, darüber will sie den Politikern im Düsseldorfer Landtag am Donnerstag im Rahmen einer Anhörung auf Antrag der SPD-Fraktion berichten. Ihre Schlussfolgerungen sowie die Analysen und Forderungen der Wissenschaftler und anderer Experten liegen unserer Redaktion vor.

Die Zahlen sind alarmierend. 45 Prozent der Alleinerziehenden in NRW sind nach einer Auswertung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) auf Hartz IV angewiesen. Dabei handelt es sich keinesfalls um eine Randgruppe: In fast jeder fünften Familie (rund 18 Prozent) in NRW wie auch im Bund lebt nur ein Elternteil mit einem oder mehreren Kindern in einem Haushalt. Knapp 90 Prozent der Alleinerziehenden sind Frauen, die meisten geschieden oder getrennt lebend. Zwei Drittel streben eine Ausweitung ihrer Arbeitszeit an. Doch das gelingt nur selten, vor allem wenn mehrere Kinder im Haushalt leben.

Eine wichtige Ursache für die prekäre Lage vieler Alleinerziehender ist aus Sicht der Bertelsmann-Stiftung das 2008 reformierte Unterhaltsrecht. Seither haben Geschiedene mit Kindern über drei Jahren in der Regel keinen Anspruch mehr darauf, dass ihr Ex-Partner ihnen Betreuungsunterhalt zahlt, sobald das jüngste Kind drei Jahre alt ist. Diese Reform, so urteilen die Wissenschaftler, eile der gesellschaftlichen Realität voraus. „Mangelt es doch weiterhin sehr deutlich an guten Möglichkeiten zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf wie auch qualitativ hochwertigen ganztägigen Bildungs- und Betreuungsangeboten für Kinder“, heißt es dort. Die Mütter seien die Haupt-Leidtragenden dieser Reform, weil sie zuvor für die Kindererziehung beruflich zurückgesteckt und damit oft hohe Einkommensverluste in Kauf genommen hätten. Dagegen wirke sich das Vaterwerden auf die Lebenserwerbseinkommen von Männern bisher nicht aus.

In der Reform und der aktuellen Rechtsprechung zum Unterhaltsrecht spiegele sich eine Geringschätzung von „Fürsorgearbeit“ wider – Kindererziehung werde als Sache behandelt, die sich am Wochenende und am Abend nebenbei erledigen lasse. Das Unterhaltsrecht müsse der Gesetzgeber daher dringend noch einmal überarbeiten, so die Bertelsmann-Stiftung.

Ähnliches gelte für Unterhaltszahlungen säumiger Elternteile. Etwa die Hälfte der Alleinerziehenden erhalte vom Ex-Partner gar keinen Unterhalt für die gemeinsamen Kinder. Und wiederum nur die Hälfte davon erreiche die vorgeschriebene Mindesthöhe. Zwar springe dann der Staat für die säumigen Partner ein. Dieser Unterhaltsvorschuss werde aber allzu häufig mit anderen Sozialleistungen verrechnet, sodass sich nicht wenige Alleinerziehende am Ende sogar schlechterstellten. Auch hier müsse der Gesetzgeber nachbessern.

Die Arbeiterwohlfahrt (Awo) in NRW fordert mehr Unterstützung für Alleinerziehende im Alltag, etwa bei Behördengängen, der Suche nach Kitaplätzen, Wohnungen oder dem Schreiben von Bewerbungen. Auch müssten Arbeitsagentur, Familienhilfe, Gesundheitswesen und Schuldnerberatung enger zusammenarbeiten. In jeder NRW-Stadt beziehungsweise in jedem Viertel einer Großstadt müsse es mindestens eine Kita mit erweiterten Öffnungszeiten geben. Die Awo schlägt vor, das aus ihrer Sicht erfolgreiche Landesprogramm „Teilzeitberufsausbildung“ auszubauen und dabei das wirtschaftliche Existenzminimum zu gewährleisten. Alleinerziehende müssten überdies zusätzliche Freistellungen für Kinderkrankentage bekommen.

Der Sozialverband fordert die Landesregierung zu einer Initiative auf, die Jobcenter verpflichten soll, jedem Alleinerziehenden zweimal im Jahr ein qualifiziertes freiwilliges Angebot zur beruflichen Reintegration zu unterbreiten. 77 Prozent der alleinerziehenden Mütter verfügen über einen mittleren bis hohen Bildungsstand, also mindestens die Mittlere Reife. Dennoch nehmen sie überproportional häufig Minijobs an.

Um all das weiß auch Olivia Richardt. Sie hofft, dass es bald mehr Angebote gibt wie jenes des Verbandes alleinerziehender Mütter und Väter. Der bietet im Rahmen des Modellprojekts „Sonne, Mond & Sterne“ in Essen eine Kinderbetreuung außerhalb der regulären Zeiten an. Aber nicht in einer Einrichtung, sondern zu Hause. Und wie zu hören ist, findet dieses Angebot bei Alleinerziehenden sehr großen Anklang.