Laschets Nachfolger Aus der Abteilung Attacke in die Staatskanzlei

Düsseldorf · Läuft alles am Mittwoch nach Plan, wird Hendrik Wüst der zwölfte Ministerpräsident in der Geschichte Nordrhein-Westfalens. Der Münsterländer hat einen bemerkenswerten Wandel hinter sich.

 Hendrik Wüst, neuer CDU-Landesvorsitzender, nimmt nach der Bekanntgabe seines Wahlergebnisses den Applaus der Delegierten entgegen.

Hendrik Wüst, neuer CDU-Landesvorsitzender, nimmt nach der Bekanntgabe seines Wahlergebnisses den Applaus der Delegierten entgegen.

Foto: dpa/Bernd Thissen

Auch wenn die Junge Union Hendrik Wüst bei ihrem Deutschland-Tag in Münster jüngst wie einen Popstar feierte, gab es im Nachgang zu seinem Auftritt auch kritische Töne. Er sei etwas hölzern gewesen, sagt ein Teilnehmer der Veranstaltung. „Da war noch Luft nach oben.“ Ein anderer sagt etwas wohlmeinender, womöglich sei auch die Zeit der Bierzelt-Reden auf den Deutschlandtagen einfach vorbei.

Tatsächlich lag Hendrik Wüst früher die Bierzelt-Rede deutlich mehr. Schon kurz nachdem er im November 2000 Chef der Jungen Union in NRW wurde, schaltete der Münsterländer dermaßen auf Attacke, dass er am Ende ein wenig Bammel vor der eigenen Courage bekam. Es sei nicht hinnehmbar, dass die CDU die Fraktion mit dem höchsten Durchschnittsalter im Düsseldorfer Landtag stelle, polterte der damals 25-Jährige und attestierte seinem Landesverband „fehlenden Mut zur Erneuerung“ – ein bewusster Affront gegen den Chef der NRW-CDU, Jürgen Rüttgers. Unmittelbar nach seinem verbalen Rowdy-Auftritt steuerte der freche Neue auf dem Landesparteitag auf Rüttgers zu und ließ sich mit ihm gemeinsam fotografieren.

Hendrik Wüst - Landtagswahl NRW 2022 - CDU: Das ist NRW-Ministerpräsident
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Das ist Hendrik Wüst

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Foto: dpa/Marcel Kusch

Rüttgers scheint das imponiert zu haben. Schließlich machte er Wüst 2006 zum Generalsekretär der NRW-CDU. Dabei war Wüst inhaltlich nicht weniger als ein Gegenpol zu Rüttgers, der nicht ungern den Beinamen „Arbeiterführer von NRW“ trug und gegen die Hartz-Reformen austeilte. Wüst hingegen, der im Teenager-Alter in die CDU eintrat, entsprach dem Bild eines Wertkonservativen aus dem katholischen Münsterland. Rhetorisch schaltete er oft auf Angriff, etwa als er forderte, Arbeitslose könnten durchaus dazu eingesetzt werden, die Spielplätze von Hundekot, Unrat und Heroinspritzen zu säubern. Als der damalige niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff einen Komplettumzug der Regierung von Bonn nach Berlin anregte, ließ sich Wüst mit den Worten zitieren: „Herr Wullf hat unbestritten Ahnung von Krawatten und Frisuren, aber scheinbar nur wenig Sachkenntnis in dieser Frage. Sonst wäre ihm die Rechtslage bekannt.“

Doch 2009/10 geriet der Mann für die Abteilung Attacke selbst in die Defensive. Zunächst wurde die Videobeobachtung von SPD-Landeschefin Hannelore Kraft bekannt, die die CDU später stoppte. Dann gab es Berichte über doppelte Krankenkassenzuschüsse für Wüst. Am Ende stolperte er über die „Rent a Rüttgers“-Affäre, bei der die Partei ihren Sponsoren Gespräche mit dem damaligen Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers gegen Geld angeboten haben soll. Als dann die Wahl verlorenging, nahm Wüst als Generalsekretär seinen Hut.

Dass es mit der politischen Karriere dennoch nicht vorbei war, verdankt er auch dem Umstand, dass er seit 2005 seinen Landtagswahlkreis immer direkt gewonnen hat. Auch als der Volljurist Geschäftsführer des Zeitungsverlegerverbands wurde, behielt er trotz Kritik sein Mandat. So konnte er sich einen Namen als versierter Wirtschaftspolitiker machen, wurde Landesvorsitzender der einflussreichen Mittelstandsvereinigung und später nicht zuletzt dank dieser Funktion von Armin Laschet ins Kabinett berufen. Das Mandat war am Ende mitverantwortlich dafür, dass er für die Laschet-Nachfolge in Frage kam. Andere potenzielle Kandidaten wie NRW-Bauministerin Ina Scharrenbach oder NRW-Innenminister Herbert Reul verfügten nicht über das Amt und hätten nur über komplizierte Übergangslösungen den Weg in die Staatskanzlei antreten können.

Die Konzentration aufs Land hat sich für Wüst bezahlt gemacht und das Verhältnis zu einem anderen Münsterländer deutlich entspannt: Jens Spahn, inzwischen Bundesgesundheitsminister, und lange Zeit ebenfalls Aushängeschild der Jungen Union. Nachdem es zu Beginn zwischen beiden geknirscht haben soll, verständigten sie sich auf die klare Aufteilung „Spahn im Bund, Wüst in NRW“. Das Verhältnis gilt inzwischen als freundschaftlich. Spahn saß neben Wüst, als dieser am vergangenen Wochenende zum Landesvorsitzenden gewählt wurde. Das heißt im Übrigen nicht, dass Wüst nicht auch über die Landesgrenzen hinweg in der Partei über gute Drähte verfügt. Als langjähriges Mitglied des CDU-Bundesvorstands ist sein Handyspeicher voll mit Nummern aus allen Teilen der Republik.

Und auch in alle Teile seines Landesverbands. Wüst schaffte es, nicht nur die Bezirkschefs zu überzeugen, sondern bekam die Unterstützung der Chefs mehrerer Vereinigungen. Verbal hatte er sich da von seiner frechen Art schon weitestgehend verabschiedet. In seiner Bewerbungsrede riet er seiner Partei nach der krachend verlorengegangenen Bundestagswahl dazu, nicht die falschen Schlüsse zu ziehen. Man müsse die Wähler wiedergewinnen, die zu Grünen und SPD abgewandert seien. Und er verlangte, dass sich die CDU wieder stärker mit den Alltagsproblemen der Bürger beschäftigen und besser zuhören müsse.  Bei der Wahl am Mittwoch entscheidet sich dann, ob Wüst genügend Rückhalt in den eigenen Reihen hat, um den Wandel vom Provokateur zum Landesvater endgültig abzuschließen.

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