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Heinz Mack: "Erinnerung ans Dritte Reich ist unvermeidlich"

Heinz Mack zum Verkauf der WestLB-Kunst : "Erinnerung ans Dritte Reich ist unvermeidlich"

Der international geschätzte Künstler wirft NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) falschen Umgang mit landeseigener Kunst vor.

Heinz Mack ist empört. Der Künstler ist so aufgebracht, dass er keinen Schlaf findet. Am Tag, bevor der Runde Tisch tagt, um die künftigen Kunstverkäufe von Werken aus dem Besitz der WestLB, heute Portigon, zu diskutieren, beklagt sich Mack im Gespräch mit unserer Zeitung über eine fruchtlose Auseinandersetzung mit NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) zu diesem Thema. In einem Brief an Kraft hatte der international hoch geschätzte Künstler harte Vorwürfe in Bezug auf die geplanten Kunstverkäufe formuliert und gleichzeitig historisch problematische Vergleiche angestellt. Mack (83) ist sich im Klaren darüber, dass seine Vergeleiche mit den Vorkommnissen im Dritten Reich in der aktuellen Kunstdebatte zu Missverständnissen führen können. Am Mittwoch trafen wir ihn in seinem Atelier in Mönchengladbach.

Herr Mack, Sie sind der erste Künstler, der sich zu den Kunstverkäufen in NRW äußert. Warum haben Sie Frau Kraft geschrieben?

Mack Anlass war der Verkauf der zwei Warhol-Bilder aus dem Aachener Spielcasino in New York. Denn damit besitzt unser Bundesland zwei wichtige Bilder nicht mehr. Finanzminister Norbert Walter-Borjans folgte der Devise: Anstatt ein Bild an der Wand lieber Geld in der Hand - in der öffentlichen Hand.

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Die Kunstszene protestierte vereint gegen diesen Verkauf, aber viele Menschen können auch nachvollziehen, dass das Land Kunst veräußern will.

Mack Wenn die Sozialdemokraten sich entschließen, das Tafelsilber der Christdemokraten zu verkaufen, weil man auch mit Blechlöffeln gut speisen kann, hat das eine politische Stringenz, der ich mich nicht bedingungslos anschließe. Wenn in einer Kulturpolitik die Ökonomie dominiert, dann wird die Kunst ins Abseits gedrängt und ebenso kommerzialisiert. Dann gibt man ihr erstes Gut - ihre Freiheit - auf.

Müssen nicht in Zeiten von Insolvenzabwicklungen in Milliardenhöhe alle Quellen angezapft werden?

Mack Europa möchte sich als wachsende Wirtschaftsmacht gestalten und scheint bereit zu sein, die Kultur dem monetären Machtstreben zu opfern. Dabei ist die Kultur das Eigentliche, was Europa verbindet. Dies alles mit Schweigen hinzunehmen, fällt mir schwer.

Sie erheben einen schwerwiegenden Vorwurf, indem Sie die geplanten Verkäufe der Landesregierung mit den ebenso menschenverachtenden wie kunstmissachtenden Aktionen der Nationalsozialisten vergleichen, die die Werke ihnen verhasster und vor allem auch jüdischer Künstler als "entartet" diffamierten und diese Künstler verfolgten.

Mack Das ist mir klar. Wahrscheinlich entspringt diese Assoziation einem Komplex, unter dem meine Generation lebenslang leidet. Die Erinnerung ans Dritte Reich ist unvermeidlich. Ich will eines vor allem zum Ausdruck bringen: Der Staat soll doch bitte sehr vorsichtig, subtil, zurückhaltend und wohlüberlegt handeln, wenn er Einfluss nimmt auf die Kunst. Und dass eine Tragik oder eine Katastrophe für die Kunst entsteht, wenn der Staat nicht bereit ist, ihr ein positiver Partner zu sein, dann kann es leicht zu dem kommen, was im Dritten Reich passiert ist. Das habe ich miterlebt und werde es nie vergessen.

Sie beziehen sich auch auf den früheren Wirtschaftsminister und Bundeskanzler Ludwig Erhard, der die Vision hatte, dass Ökonomie nie reiner Selbstzweck sein dürfe, sondern die gesellschaftliche Aufgabe habe, Freiraum für Kultur zu geben.

Mack Die meisten sehen in Erhard nur den Erfinder der D-Mark und der Sozialen Marktwirtschaft. Aber Erhard war gerade in seinen letzten Lebensjahren der Meinung, dass Ökonomie letztlich die Voraussetzung schafft, so dass die Gemeinschaft in Frieden miteinander lebt und eine Kultur entwickeln kann. Erhard hat es als Tragik empfunden, dass dieser Aspekt immer mehr verloren ging, weil die Macht der monetären Wirtschaft schon zu seinen Zeiten immer größer wurde.

Sie beklagen den "makabren Ausverkauf" der Kunst - damals wie heute.

Mack Es sind staatliche Institutionen, die sich das Recht nehmen, zu ventilieren, ob nicht das ein oder andere Werk, das ihnen nicht passt, verkauft wird. Das ist Ausverkauf.

Es geht auch um die Zerstörung Ihres Werkes, das einst im Aachener Spielcasino aufgebaut war. Sie haben unserer Zeitung einmal gesagt, dass es mit Ihrer Zustimmung entsorgt worden war. Frau Kraft haben Sie geschrieben, dass man Ihr Werk ohne Ihre Einwilligung entsorgt habe.

Mack Das Einzige, was ich über dritte Personen erfahren habe, war, dass man seinerzeit Probleme hatte im laufenden Betrieb. Meine Lichtskulptur, die heute mehr als eine Million Euro wert wäre, hätte mit den Spiegelungen die Damen in der Rezeption bei der Arbeit gestört. Das Zweite, was ich erfuhr, war, dass man einen Umbau plante. Eines Tages teilte man mir mit, dass man das Werk demontiert und schon erheblich zerstört habe. Und ob ich Interesse hätte, es zurückzunehmen. Das empfand ich als unverschämt.

Glauben Sie, dass der Runde Tisch das Klima für Kunst verbessert?

Mack Ich bezweifle das, weil das Gros der Diskutanten Menschen aus dem Bereich der politisch-bürokratischen Strukturen sind. Die Nüchternheit des Finanzministers und des Portigon-Chefs erschrecken mich. Selbst Staatsministerin Grütters fühlte sich beleidigt durch den Ton, der in diesem Verfahren angeschlagen wird. Dies alles ist hochsymptomatisch für eine bürgerliche Gesellschaft, die nicht mehr imstande ist, das Handeln von Politikern zu überblicken oder zu beeinflussen. Politiker haben eine Autonomie und Eigendynamik entwickelt, die sie zu unverantwortlichen Taten verleitet.

(RP)