Franz Müntefering im Interview: "Hannelore Kraft ähnelt Johannes Rau"

Franz Müntefering im Interview : "Hannelore Kraft ähnelt Johannes Rau"

Die Niederlage der SPD im Stammland bei den Landtagswahlen 2005 war für den damaligen SPD-Vorsitzenden Franz Müntefering eine der schlimmsten politischen Niederlagen seines Lebens. Heute ist der 72-Jährige hoffnungsvoll, dass Hannelore Kraft die SPD zu einer stabilen Regierungsmehrheit an Rhein und Ruhr führen kann. Über die Herzkammer für die Genossen und die Ähnlichkeiten von Hannelore Kraft mit Johannes Rau sprach Müntefering mit unserer Redaktion.

Ist NRW noch die Herzkammer der Sozialdemokratie?

Müntefering Ja, aber das war nicht immer so. Nach dem Krieg war das Ruhrgebiet katholisch und strukturell konservativ geprägt. Die SPD ist da hineingewachsen. Mitte der 60er Jahre hat sich die SPD mit dem Erstarken der Gewerkschaften zunehmend als klassische Arbeitnehmerpartei in den industriell geprägten Regionen verankert. Diese Bindungen haben durch den Strukturwandel abgenommen. Aber NRW ist immer noch der Gradmesser für die SPD als Volkspartei.

Die Arbeitswelt hat sich dramatisch verändert. Langfristige Bindungen nehmen ab. Trifft das die SPD nicht besonders stark?

Müntefering Es gibt keinen Automatismus mehr hin zur SPD. Wenn sie als Fabrikmitarbeiter früher in die Waschkaue gingen, dann waren sie in der Gewerkschaft und dann ging man auch zur SPD. Das gibt es heute nicht mehr. Deswegen muss sich die SPD auch öffnen zu den neuen Dienstleistungsbranchen, den Kreativ- und Wissenschaftszentren.

Können die Genossen Macht im Bund immer nur über die Macht in NRW erhalten?

Müntefering In der Vergangenheit war es oft so. Der Erfolg der SPD bei Bundestagswahlen wurde meist mit Erfolgen auf kommunaler und dann auf Landesebene vorbereitet. Die sozialliberale Koalition im Bund ab 1969 wurde in NRW vorbereitet. 1995 bildete Johannes Rau in Düsseldorf eine rot-grüne Koalition die für uns 1998 Vorbild war. NRW strahlt immer auf den Bund ab. Und Nordrhein-Westfalen sozialdemokratisch regiert zu sehen, ist für uns immer etwas Besonderes. Ich war persönlich selten so enttäuscht wie im Mai 2005, als wir gegen Jürgen Rüttgers‘ CDU in NRW verloren haben.

Heute gehen die Spitzenkandidaten der großen Parteien, Hannelore Kraft und Norbert Röttgen, ziemlich höflich miteinander um. Eine große Koalition schließen beide nicht aus. Ist der Lagerkampf in NRW Vergangenheit?

Müntefering Hannelore Kraft definiert sich weniger durch Polarisierung und Konfrontation, sondern durch ihren eigenen Stil. Das macht sie im Land so beliebt. Persönliche Attacken und Anfeindungen werden vom Wähler nicht honoriert. Hannelore Kraft hat die große Fähigkeit, Vertrauen bei den Menschen zu gewinnen. Da ähnelt sie Johannes Rau. Für einen Politiker ist es das Wichtigste, Vertrauen bei den Menschen hervorzurufen. Das hat Hannelore Kraft auf beeindruckende Weise geschafft.

Klingt nach einer idealen Kanzlerkandidatin?

Müntefering Da hat sich Hannelore Kraft ja selbst deutlich zu geäußert. Sie steht dafür nicht zur Verfügung und damit ist das Thema erledigt. Sie steht für NRW.

Politiker wie Kraft, Scholz oder Thomas de Maizière sind das Gegenmodell von lauten Macho-Typen wies es Gerhard Schröder war. Ist das ein neuer Politiker-Typ?

Müntefering Man muss da unterscheiden. Gerhard Schröder hat sich von unten hochgekämpft, er wollte es allen beweisen und hat irgendwann am Zaun des Kanzleramts gerüttelt. Das ist ein Mentalitätsunterschied. Hannelore Kraft würde nie irgendwo rütteln. Das ist ein anderer Politikstil. Man muss in der Politik aber beides können, sammeln und führen. Nur sammeln geht nicht, weil das Land Führung braucht. Wer nur voran läuft und die Fahne für die Truppen dahinter nicht mehr zu sehen ist, kann auch nicht gewinnen. Das ist die Kunst. Hannelore Kraft kann beides ganz gut.

Länderchefs wie Winfried Kretzschmann, Olaf Scholz, David McAllister und Hannelore Kraft sind zufrieden in der Landespolitik. Gibt es eine Renaissance der Provinz?

Müntefering Die Bundesrepublik hat immer von guten Landespolitikern gelebt. Es war ja auch bei der Gründung der Bundesrepublik so, dass die Bundesländer sich einen Bund geschaffen haben und nicht umgekehrt. Im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen ist dieser Stolz naturgemäß besonders ausgeprägt. Johannes Rau hat mit seinem Slogan "Wir in NRW" diesen Landespatriotismus wesentlich erzeugt, immerhin war das Land ein Kunstgebilde. Heute geht ohne das Votum der NRW-SPD auf einem SPD-Bundesparteitag wenig. Hinzu kommt: Die Bevölkerungs- und Wirtschaftsstruktur in Nordrhein-Westfalen ist so differenziert wie in der gesamten Bundesrepublik. Wer in NRW politisch Erfolg hat, kann auch im Bund erfolgreich sein.

Entscheidet sich der Volksparteistatus der SPD am 13. Mai in NRW?

Müntefering Eine Volkspartei messe ich nicht an prozentualen Ergebnissen, sondern daran, ob sie Gesamtverantwortung übernimmt. Also Politik macht für möglichst viele gesellschaftlichen Gruppen. Das tun wir. Wir sind Volkspartei und bleiben das auch. Ein Erfolg der SPD in NRW wird dem 2009 nach der Niederlage bei der Bundestagswahl begonnenen Wiederaufbau der Partei einen wichtigen Schub geben.

Die SPD-Troika hat sich neulich gemeinsam in Schleswig-Holstein präsentiert. Welchen Kanzlerkandidaten favorisieren Sie eigentlich?

Müntefering Ich lege mich derzeit nicht fest. Alle drei stehen auf dem Treppchen und haben ihre Stärken. Am Ende muss es derjenige machen, der auch großes Vertrauen in der Bevölkerung hat. Entscheidend ist, dass sich die drei auch nach der Entscheidung unterhaken und gemeinsam in den Bundestagswahlkampf ziehen.

Sie sind 72 Jahre alt, wirken fit und dynamisch. Hat Ihnen die Rückkehr in die zweite Reihe der Politik gut getan?

Müntefering Ich genieße es, mehr Zeit zu haben, mich in Themen grundsätzlich einzuarbeiten, eine Position über Wochen zu entwickeln und viel zu lesen. Als Parteivorsitzender hat man diese Muße meist nicht.

Werden Sie kommendes Jahr wieder für den Bundestag kandidieren?

Müntefering Das weiß ich noch nicht. Ich habe ja noch ein paar Monate Zeit, darüber nachzudenken. Aber abgeschlossen habe ich mit der Politik nicht.

Hier geht es zur Bilderstrecke: NRW-Wahl 2012: Elefantenrunde in Mönchengladbach

(csi/jco/csi/sap/rm)
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