Mit CDU-Kandidat Röttgen unterwegs: "Hallo, ich bin der Norbert"

Mit CDU-Kandidat Röttgen unterwegs : "Hallo, ich bin der Norbert"

Wie fühlt sich einer, dem das ganze Land einen Stempel aufdrücken will? Den das erbarmungslose Schubladendenken, das heute fast jeden Wahlkampf prägt, in die Rolle des kalten Analytikers drängt? In die Rolle eines begabten Polit-Profis, der aber nicht so gut mit den Menschen kann?

CDU-Spitzenkandidat Norbert Röttgen kann viel. Zum Beispiel bis auf die zweite Stelle nach dem Komma vorrechnen, welches Drama NRW mit der Schuldenpolitik von SPD-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft droht. "Unsere Kinder müssen dafür eines Tages bluten", sagt Röttgen.

Eines Tages. Aber eines Tages ist eben nicht heute. Ist eben nicht hier und jetzt in Essen, wo Röttgen an diesem sonnigen Nachmittag zwischen zwölf CDU-Straßenständen gegen Krafts Wohlfühl-Politik wettert. Gegen den "vollkommen inhaltslosen Wahlkampf" der rot-grünen Koalition in NRW, die es aber in einer Umfrage wenige Stunden zuvor trotzdem erstmals auf eine eigene Mehrheit gebracht hat.

Röttgen kann auch kurze Sätze

Es sind die politisch unentschiedenen Städte wie Essen, auf die es am Sonntag bei der Wahl ankommt. Der sozialdemokratische Oberbürgermeister Reinhard Paß regiert die einstige Arbeiterstadt zwar mit dünner Mehrheit. Aber gegen ein sehr starkes Bündnis von CDU, Grünen und FDP.

"Schulden sind unsozial", ruft Röttgen 200 Zuhörern auf dem Essener Domplatz zu. Ein Drittel trägt Namensschilder der CDU. Der promovierte Jurist lässt seine Zeigefinger-Faust auf den runden Stehtisch sausen, den die Essener Wahlhelfer mit einem gelben Spanntuch zum Rednerpult aufwerten wollten. "Schulden machen den Staat schwach. Und ein schwacher Staat kann Schwachen nicht helfen", sagt Röttgen.

Auch kurze Sätze kann er. Applaus. Dann lächelt Röttgen sehr lange in die Menge. Kunstpause. "Ich bin Berufspolitiker. Aber die meisten hier kämpfen in ihrer Freizeit. Das verdient auch mal ein Dankeschön." Wieder Applaus.

Weglächeln als Passion

Natürlich kennt der Berufspolitiker die neuesten Umfragen. Und auch die Interpretation der Kommentatoren: auf der einen Seite Kraft, die sanfte Landesmutter, die das Land mitfühlend in ihre Arme schließt. Das ist die Trumpfkarte in diesem Wahlkampf, in dem gespenstisch wenig um Themen gestritten wird. Auf der anderen Seite der Bundesumweltminister. Der Röttgen mit der Rückfahrkarte nach Berlin, der den Finger in die Wunden des Landes legt und die richtige Medizin verspricht.

"Wenn die Energiewende gelingen soll, brauchen wir auch neue Kohlekraftwerke", sagt Röttgen in Essen, der Hauptstadt der Kumpel, in der die Zentralen des Kraftwerksbauers Steag und des Energieriesen RWE in den Himmel ragen. "Nicht irgendwelche Kraftwerke", sagt Röttgen, "sondern die besten. Die schaden der Umwelt nicht, und die können wir dann auch verkaufen."

Aber weil er die Umfragen kennt und die Analysen der Kommentatoren, schiebt er erst mal wieder eine Lächel-Pause ein. Ein Parteifreund streckt ihm ein kleines Kind entgegen. Röttgen unterbricht seine Rede. "Wer bist du denn?" "Das ist der Philipp." Röttgen streichelt Philipp den Kopf. Applaus. Röttgen: "Guck mal. Das ist Dein Applaus, Philipp."

Ein Herz. Wie jeder Mensch.

Kraft verzichtet in ihrem Wahlkampf weitgehend auf Bühnen und will mit dem Bad in der Menge punkten. Röttgen will in Essen zeigen, dass auch er das kann. Nach der Rede bummelt er durch die Stadt. "Hallo, ich bin der Norbert", spricht er zwei Schülerinnen an, "und wer seid ihr?" Während die Pressefotografen ihre Kameras rattern lassen, kniet er sich neben einen Rollstuhlfahrer.

Röttgen ist freundlich. Röttgen ist mitfühlend. Röttgen hat Herz. Natürlich. Wie jeder anständige Mensch. Aber der Wahlkampf hat ihm nunmal diesen Analytiker-Stempel aufgedrückt. Deshalb wollen viele in Röttgens Herzlichkeit nur einen Trick sehen - obwohl es dafür gar keine Anzeichen gibt. Aber es gibt diesen Stempel. Wie fühlt sich einer, der einen Stempel weglächeln muss, den ihm ein ganzes Land aufdrücken will?

(pst)
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