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Gesundheitsämter sind überlastet

Vor der Ministerpräsidentenkonferenz : Gesundheitsämter sind überlastet

Angesichts der hohen Infektionszahlen sind die Behörden in vielen Fällen nicht mehr in der Lage, die Kontakte zu verfolgen. In NRW soll es keine Geisterspiele geben, sondern weniger Zuschauer. CDU-Fraktionschef: „Kein sicherer Ort als ein Stadtion.“ Grünen-Opposition spricht daraufhin von Realitätsverlust.

Einen Tag vor der Bund-Länder-Runde hat sich die Corona-Lage weiter zugespitzt. Die Vorsitzende des Bundesverbandes der Ärztinnen und Ärzte des öffentlichen Gesundheitsdienstes, Ute Teichert, zeichnete ein dramatisches Bild der Situation in den Gesundheitsämtern. Teichert sagte unserer Redaktion: „Die Gesundheitsämter sind absolut am Limit. Die Kontaktpersonennachverfolgung ist in vielen Ämtern aufgrund der schieren Masse ausgesetzt, auch die tagesaktuelle Eingabe der Fallzahlen wird teils nicht mehr bewältigt.“ Die Amtsärztechefin forderte alle, die jetzt in die Gesundheitsämter hineingehen könnten, wieder an Bord zu holen. „Das heißt eben auch die Bundeswehr. Das hat ja schon einmal gut geklappt. Wir brauchen zusätzlich Containment-Scouts, Studierende, Beschäftigte aus den anderen Verwaltungsbereichen – wie in den ersten drei Wellen.“

Der Präsident der Intensivmediziner-Vereinigung Divi, Gernot Marx, rechnet bundesweit mit 6000 Corona-Intensivpatienten bis Weihnachten. Zum Vergleich: Der bisherige Höchststand lag am 3. Januar bei 5745. Doch inzwischen gibt es wegen Personalmangels weniger Intensivbetten.

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Auch in NRW ist die Lage angespannt: Aktuell gibt es hier noch 531 freie Intensivbetten, das sind im Schnitt 1,8 Betten pro Standort, so Divi. Für Corona-Patienten sind in ganz NRW noch 192 Intensivbetten frei. Bei der Uniklinik Düsseldorf heißt es: „Es kann immer wieder vorkommen, dass wir keine zusätzlichen Patienten auf den Intensivstationen aufnehmen können.“

Marx forderte einen zeitlich begrenzten Lockdown, um die Kliniken „vor dem Kollaps zu bewahren". Teichert verlangte neben einer Reaktivierung der Impfzentren flächendeckende Kontaktreduzierungen. Das Virus verbreite sich unkontrolliert in der Bevölkerung, „und wir haben keinen Durchblick mehr, wo die Erkrankungen am meisten weiterverbreitet werden.“

Kontaktbeschränkungen und ein möglicher Lockdown sind an diesem Donnerstag auch Themen der Ministerpräsidentenkonferenz. NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst, zurzeit Vorsitzender des Gremiums,  stellte am Mittwoch im Landtag Kontaktbeschränkungen für Ungeimpfte in Aussicht. Er sprach sich für eine allgemeine Impfpflicht aus und kündigte die Schließung von Clubs und Diskotheken an sowie ab sofort auch die Wiedereinführung der Maskenpflicht im Klassenzimmer. In der Woche vor Weihnachten solle es in den Schulen zudem tägliche Tests geben. Kinder von fünf Jahren an sollen so schnell wie möglich eine Impfung bekommen.

Großveranstaltungen wie Fußballspiele sollen mit weniger Zuschauern stattfinden, aber nicht vor leeren Rängen wie in anderen Bundesländern. Die schwarz-gelbe Koalition entscheide sich „für eine signifikante Reduzierung der Zuschauerzahlen schon ab Samstag“, konkretisierte CDU-Fraktionschef Bodo Löttgen, zugleich Aufsichtsrat von Borussia Dortmund. In Dortmund spielt am Samstag Borussia Dortmund gegen Bayern München. Löttgen sagte im Landtag: „Es gibt in der Bundesrepublik keinen sichereren Ort als ein Stadion.“ Dort gebe es „knallharte Kontrolle“ und die An- und Abreise der Fans erfolge „schließlich in 3G-kontrollierten Verkehrsmitteln“.

Beim Spiel Köln gegen Mönchengladbach hatten zahlreiche Fans gegen die Maskenpflicht verstoßen. Auch bei der Fußballweltmeisterschaft hatten sich tausende Zuschauer im Stadion angesteckt. Grünen-Co-Fraktionschefin Verena Schäffer warf Löttgen „Realitätsverlust“ vor. Mit Blick auf die Wiedereinführung der Maskenpflicht sagte Schäffer, Wüst habe offenbar seine Richtlinienkompetenz nutzen müssen, um die FDP-Schulministerin  zu dieser Kehrtwende zu bringen.

SPD-Oppositionsführer Thomas Kutschaty warf Wüst mangelnden Mut vor, weil er das Fußballspiel zwischen Köln und Mönchengladbach vor 50.000 Zuschauern erst als vertretbar bezeichnet hatte, dann aber kritisiert hatte: „Wer nicht den Mut hat, 50.000 Zuschauer zu enttäuschen, der hat auch nicht die Fähigkeit, 18 Millionen Bürger durch diese Pandemie zu bringen.“

(kib)