Großveranstaltungen in Planung NRW will für die Fußball-EM die Nachtruhe lockern

Düsseldorf · Bis ein Uhr früh sollen Fußballfans in den Städten in NRW beim Public-Viewing feiern dürfen – und damit deutlich länger als üblicherweise. Gastronomen haben allerdings erstmal keinen Grund zum Jubeln.

 Das war 2014 in Recklinghausen. Auch in diesem Jahr soll es wieder ein öffentliches Fußballfest geben.

Das war 2014 in Recklinghausen. Auch in diesem Jahr soll es wieder ein öffentliches Fußballfest geben.

Foto: dpa/Marcel Kusch

Beim Public-Viewing während der Fußball-Europameisterschaft im Sommer soll auch zu später Stunde noch laut gejubelt werden dürfen: Die Landesregierung will die Regelungen zur Nachtruhe speziell dafür lockern. Bei Großveranstaltungen der Städte und Gemeinden im Zusammenhang mit dem Turnier soll es in neun Nächten bis ein Uhr nachts laut sein dürfen, in bis zu weiteren 13 Nächten bis Mitternacht.

Normalerweise ist lautes Treiben ab 22 Uhr verboten. Viele Spiele werden aber erst gegen 23 Uhr zu Ende sein, bei Verlängerung mit Elfmeterschießen gegebenenfalls erst gegen Mitternacht. Und nach einer Public-Viewing-Veranstaltung müssen die Gäste ja auch noch abreisen, was ebenfalls nicht geräuschlos passiert.

Schon zur Fußballweltmeisterschaft in Deutschland im Jahr 2006 hatte das Land deshalb eine vergleichbare Regelung geschaffen. Aus Sicht der schwarz-grünen Landesregierung hat sich das bewährt. „Angesichts des weitverbreiteten Interesses an diesen Sportveranstaltungen besteht häufig auch eine gesteigerte Bereitschaft, kurzfristige Beeinträchtigungen der Nachtruhe hinzunehmen“, heißt es in ihren Ausführungen zu Planung.

Grundsätzlich sollen Großveranstaltungen überall erlaubt sein, in Innenstädten, Wohn- oder Gewerbegebieten, in Freizeitparks oder Sportstätten. „In NRW schlägt das Herz des Fußballs“, sagte Patricia Peill von der CDU-Fraktion unserer Redaktion. Deshalb wolle man das Feiern in ganz NRW ermöglichen. „Wir sind offen für pragmatische Lösungen und machen diese rechtssicher. Damit schaffen wir es, ein tolles Miteinander im Sport und durch den Sport zu fördern“, so Peill.

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Die übrigen Parteien sehen es genau so. Die zuständigen Fachausschüsse des Landtages segneten die Regelung am Mittwoch einstimmig ab. Als „wahre Sportsfreundinnen und Sportsfreunde“ könne man nur zustimmen, hieß es aus der SPD. „Wir wollen, dass es ein Fest im Land wird“, sagte Dietmar Brockes (FDP). „Wir begrüßen ausdrücklich, wenn wir hier im Land wieder gute Gründe haben zu feiern.“

Um sicherzustellen, dass das Umfeld nicht zu sehr belastet wird, soll es zu den Fußballfeiern Lärmschutzkonzepte geben. Man werde darauf achten, die Nachtruhe und das öffentliche Interesse an den Spielen zu einem guten Ausgleich zu bringen, kündigte der Städte- und Gemeindebund an: „Für die Kommunen ist das bewährte Praxis, mit Großveranstaltungen haben sie regelmäßig zu tun“, erklärte ein Sprecher. „Die Städte und Gemeinden werden mitfeiern.“

Der Städtetag NRW würdigte die Weichenstellung durch die Landesregierung: Durch sie würden Fanfeste auf öffentlichen Straßen und Plätzen erst rechtssicher möglich. „Die geplante Regelung ist eine gute Abwägung“, sagte Geschäftsführer Helmut Dedy unserer Redaktion. „Der Lärmschutz für Anwohnerinnen und Anwohner gilt dann ab Mitternacht oder ein Uhr – das verhindert nächtliche Dauerpartys in den Gastgeberstädten.“

Für Gaststätten oder gewerbliche Veranstalter sollen während der EM allerdings die normalen Nachtruhezeiten gelten, mit den auch sonst üblichen Ausnahmemöglichkeiten. Der Hotel- und Gaststättenverband Dehoga NRW mahnt deshalb, die Gastronomen nicht zu vergessen. „Wir wollen ja alle, dass die Europameisterschaft, nicht nur sportlich ein Erfolg wird, sondern dass wir als gute Gastgeber wahrgenommen werden“, erklärte ein Sprecher. Deshalb seien große Public-Viewing-Angebote sicher sinnvoll. „Genauso wichtig ist es aber, dass neben den Großveranstaltungen auch das kleine Public-Viewing in der Kneipe oder im Biergarten ermöglicht wird. Wenn sich die Gemeinden also Gedanken machen, wie sie die EM im großen Stil supporten können, müssen sie auch die Gastronomie in den Blick nehmen.“

Unterdessen könnte nicht nur Torjubel für Lärm sorgen: Bürger befürchten, dass es wegen der EM zu massenhaft Nachtflügen kommen wird, die Anwohnende rund um Flughäfen belasten. Denn die UEFA hatte als Anforderung bei der Vergabe des Turniers an Deutschland festgelegt, dass Fußballteams und auch herumreisende Fangruppen nach dem Ende von Spielen praktisch die ganze Nacht über wieder wegfliegen dürfen. Flughäfen müssten „24 Stunden vor und nach den Spielen auch nachts in Betrieb bleiben“, heißt es. Das Vorfeld von Airports müsse zeitweise mehr als 100 zusätzliche Flugzeuge aufnehmen können.

Die Bürgerinitiative Kaarster gegen Fluglärm befürchtet dutzende Starts nach Mitternacht, die Bundesvereinigung gegen Fluglärm (BVF) warnt vor dieser Entwicklung an allen EM-Standorten. „Wir erwarten vom NRW-Verkehrsminister, dass er die geltende Nachtflugregelung während der EM nicht antastet“, sagte der Vorsitzende der Kaarster Gruppe, Werner Kindsmüller. „Einzelfluggenehmigungen außerhalb der Betriebszeit kommen nur infrage, wenn diese im öffentlichen Interesse sind. Für Fans und Mannschaften, gibt es kein öffentliches Interesse, nachts zu anderen Austragungsorten zu fliegen.“ Das Verkehrsministerium von Oliver Krischer (Grüne) erklärte am Mittwoch auf Anfrage lediglich, dass „wir als Land keine Genehmigungen für die Ausnahme vom Nachtflugverbot wegen der UEFA-Finalrunde erteilt haben“.

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