„Schaufensterpolitik“ Eltern behinderter Kinder sind wegen Ferienbetreuung enttäuscht vom Land

Düsseldorf · Das Land macht Geld für die Ferienbetreuung behinderter Kinder locker. Allerdings so kurzfristig, dass sich ausgerechnet für die langen Sommerferien nichts mehr damit anfangen ließ. Eltern behinderter Kinder sind sauer über den Zeitplan des NRW-Schulministeriums.

 Endlich Ferien! Eigentlich eine schöne Zeit für Kinder. Für viele Familien ist die Betreuung aber eine Herausforderung. Umso mehr gilt das für Familien mit Kindern mit Behinderung.

Endlich Ferien! Eigentlich eine schöne Zeit für Kinder. Für viele Familien ist die Betreuung aber eine Herausforderung. Umso mehr gilt das für Familien mit Kindern mit Behinderung.

Foto: dpa/Patrick Pleul

Scheinbar passend zu den Sommerferien stellt das Land NRW erstmals Geld bereit, damit Ganztags-Förderschulen Ferienbetreuung für ihre Schützlinge organisieren können. Insgesamt 1,3 Millionen Euro können Förderschulen mit den Schwerpunkten „Geistige Entwicklung“ oder „Körperliche und Motorische Entwicklung“ abrufen. Allerdings: So schnell wird daraus nichts.

Die Regeln, nach denen die Gelder beantragt werden können, sind nämlich erst am 12. Juni in Kraft getreten. Für die Schulen war das viel zu spät, um für die lange Auszeit im Sommer noch etwas zu organisieren. Eltern behinderter Kinder sind darüber sauer.

„Ende letzten Jahres war man so weit, diese 1,3 Millionen Euro in den Haushalt einzustellen. Dass das Thema dann in den Prioritäten im Schulministerium so weit heruntergewandert ist, dass man ein halbes Jahr brauchte, um die Förderrichtlinien dafür zu erstellen, das ist für uns ein Mysterium“, sagte Elisabeth Linge von der Landeselternschaft der betroffenen Förderschul-Typen unserer Redaktion.

Frühestens im Herbst könnten die Schulen die Mittel jetzt verwenden. Den Sommer müssten die Familien wieder irgendwie überbrücken. Den meisten Menschen sei vermutlich nicht klar, was das bedeute. „Viele Eltern mit behinderten Kindern leben den chronifizierten Burnout“, so Linge. „Es ist notwendig, diese Kinder einen Großteil des Tages eins zu eins oder in kleinen Gruppen zu betreuen.“

Wenn Eltern nicht selbst dafür zu Hause bleiben könnten, bedeute das für die jungen Menschen improvisierte Versorgung und zu wenig soziale Kontakte, während die Familien völlig überfordert seien. Außerdem genüge die Summe - 8500 Euro Förderpauschale pro Schule – bei weitem nicht. „Das reicht nicht für mehr als für eine Woche für zirka zehn Kinder.“

Die SPD im Düsseldorfer Landtag schließt sich der Kritik an. Das Geld nütze überhaupt nichts, wenn es nicht rechtzeitig abgerufen werden könne, sagte die Inklusionsbeauftragte der SPD-Fraktion, Silvia Gosewinkel. „Offenbar hat Schulministerin Feller die zeitlichen Abläufe überhaupt nicht im Blick gehabt“, kritisiert sie NRW-Bildungsministerin Dorothee Feller (CDU). „So entlarvt sie die finanzielle Unterstützung für die Ferienbetreuung als Schaufensterpolitik gegenüber einer vermeintlich kleinen Zielgruppe.“

Das Land hält dagegen, dass die jetzt verabschiedete Förderrichtlinie insgesamt zwei Jahre gilt. „Die Förderung von Ferienangeboten ist also nicht auf die Sommerferien 2023 beschränkt“, hieß es aus dem Schulministerium. Außerdem hätten einige Schulen schließlich unabhängig davon Sommerferienangebote geplant. Sie könnten die Gelder nun als Beitrag zur Finanzierung nutzen.

Tatsächlich ist der Blick aus der Praxis differenziert. „Ich kann die Eltern mit ihren Positionen sehr gut verstehen“, sagte etwa Christoph Bünk, Leiter der Förderschule „Belvedere“ in Köln. Aber: „Dass überhaupt erstmals 1,3 Millionen Euro zu diesem Punkt im Haushalt stehen, das werte ich als Riesenerfolg der Eltern und Schulleitungen in den letzten zwei Jahren.“ Damit sei erstmals anerkannt worden, dass die Ferienbetreuung in der Schulpolitik ein wichtiger Baustein sei.

Es sei auch richtig, das die 1,3 Millionen Euro nicht ausreichten, aber es sei immerhin ein Anfang. „Es ist ein Spatz in der Hand“, sagte Bünk. Man plane nun für die kommenden Herbstferien mit den neuen Mitteln. Für die Sommerferien wiederum hat zumindest seine Einrichtung tatsächlich bereits vorgesorgt und finanziert eine Aktivität mit Mittel aus dem Programm „Aufholen nach Corona“.

Insgesamt gibt es in NRW 503 Förderschulen. Davon sind 423 öffentlich, 80 sind private Ersatzschulen. Die Konzentration der Finanzhilfe auf die Förderschultypen für Kinder mit geistigen oder körperlichen Behinderungen sei sinnvoll, „denn diese Schülerinnen und Schüler haben in der Regel nicht die Möglichkeit, an allgemeinen Ferienmaßnahmen teilzunehmen, da diese oftmals nicht über ausreichende Barrierefreiheit verfügen“, erläuterte ein Sprecher des Schulministeriums.

Wollten diese beiden Förderschultypen allerdings vergleichbar lange Ferien-Angebote auf die Beine stellen wie andere Einrichtungen – beispielsweise Grundschulen, die dies über den Offenen Ganztag regeln – müsse man wegen des besonderen Betreuungsbedarfs viele Millionen Euro in die Hand nehmen, schätzte Schulleiter Christoph Bünk.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort