Nasse Felder, die nicht bestellt werden konnten, Getreide, das unter Wasser stand, Krautfäule auf den Kartoffeläckern und Spätfrost über der Obstbaumblüte: Das Jahr 2024 sei „herausfordernd“, sagte NRW-Landwirtschaftsministerin Silke Gorißen (CDU) am Donnerstag bei einer vorläufigen Erntebilanz. Sorge bereite der immer stärker spürbare Klimawandel. „Inzwischen können wir durchaus sagen, dass wir gar nicht mehr von ,Normaljahren‘ sprechen können“, sagte sie. In Vorjahren hatten Hitze und Trockenheit den Landwirten das Leben schwer gemacht, in diesem Jahr war es der viele Regen.
Im Supermarktregal dürften die Menschen nach Einschätzung der Landwirte selbst erst mal nicht viel davon bemerken, allenfalls bei einzelnen Produkten. Bei Kartoffeln hatte es mancherorts Totalausfälle gegeben. „Äpfel werden teurer, weil sie knapp sind“, sagte am Donnerstag der Präsident des Rheinischen Landwirtschaftsverbands, Bernhard Conzen. Spätfröste hatten den heimischen Ertrag nahezu halbiert. Insgesamt aber seien weder Engpässe noch Preissprünge zu befürchten: „Wir haben genügend Ware.“ Auch die Brötchen dürften nicht teurer werden, obwohl es beim Getreide enorme Ausfälle gab: „In unserer rheinischen Region haben wir fast keinen Backweizen ernten können“, sagte Conzen. Aber zum einen macht der Mehlpreis bei Backwaren nur einen geringen Anteil aus. Zum anderen wird er durch den Weltmarkt bestimmt, und anderswo habe es bessere Ernten gegeben, erklärte der Präsident der Landwirtschaftskammer NRW, Karl Werring.
Landwirtschaftsministerin Gorißen warb für mehr Toleranz für den Einsatz von Pestiziden und Dünger. Die diesjährigen Witterungsbedingungen hätten deren Bedeutung gezeigt: „Ohne die Anwendung von Pflanzenschutzmitteln, das muss man deutlich sagen, wären die Ertragseinbußen noch weitaus höher ausgefallen“, sagte sie. Man dürfe niemals nur ihre Risiken sehen, sondern müsse ihren „unverzichtbaren Nutzen“ abwägen. Auch bei der Düngung wolle man die Betriebe nicht bevormunden oder mit Kontrollen drangsalieren.
Zum Zwecke des Grundwasserschutzes, durchgesetzt durch die Europäische Union, dürfen viele Bauern inzwischen deutlich weniger Dünger ausbringen als früher. Außerdem verfolgt Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) mit einem „Zukunftsprogramm Pflanzenschutz“ das Ziel, die Verwendung von Pestiziden deutschlandweit bis 2030 zu halbieren.
Wegen Einschränkungen und Auflagen würden Höfe aufgegeben, warnte Silke Gorißen eindringlich. „Ernährung ist das Wichtigste, was wir sicherstellen müssten“, sagte sie. Blicke man auf den Klimawandel mit immer mehr Hitze und Dürre in südlichen Ländern, „dann wird sich in einigen Jahren die Frage stellen, wo Landwirtschaft auch tatsächlich noch gut betrieben werden kann“. In der Corona-Pandemie hätten Menschen sich um knapp gewordene, aber kaum lebenswichtige Güter wie Toilettenpapier gestritten. Man solle sich vorstellen, es gäbe irgendwann nicht mehr genügend heimisch produzierte Waren: „Dafür wollte ich nicht die Verantwortung tragen.“
Vertreter des Umweltschutzes reagierten alarmiert auf Gorißens Signale. „Das sind fatale Aussagen. Die intensive Landwirtschaft ist eine Hauptursache für den galoppierenden Artenschwund und damit ein Grund für das Wegbrechen unserer natürlichen Lebensgrundlagen“, sagte Dirk Jansen vom Bund für Umwelt und Naturschutz NRW. „Während Umweltminister Oliver Krischer das Artensterben beklagt, will die Kollegin Gorißen im Landwirtschaftsressort es wohl sogar noch anstacheln. Es gibt einen klaren Zusammenhang zwischen hohem Pestizideinsatz und Insektensterben.“ Eigentlich müssten solche Präparate zumindest in Naturschutzgebieten komplett verboten werden, und es brauche eine Umstrukturierung der Landwirtschaft, forderte Jansen: weniger Viehbestände, mehr Förderung für nachhaltige Methoden. Dann würden sogar Extremwetterereignisse besser überstanden: „Wenn Land schonend bewirtschaftet wird, rauscht nicht beim nächsten Starkregen die Bodenkrume ab und sorgt anderswo für Überschwemmungen.“
Unterdessen beklagte der Bauernverband auf Bundesebene am Donnerstag ebenfalls „politische Restriktionen“ bei Dünge- und Pflanzenschutzmitteln. „So können wir die Ernährung auf Grundlage heimischer Erzeugung nicht mehr absichern. Hier ist ein Umdenken notwendig“, sagte der Präsident der Lobbyorganisation, Joachim Rukwied.