Fachkräftemangel ist die größte Hürde NRW bräuchte über 50 Prozent mehr Betreuungsplätze für unter Dreijährige

Düsseldorf · Viele Kitaplätze fehlen in NRW, man stoße beim Ausbau an Grenzen, kündigen die Kommunen an. Die SPD warnt vor sozialer Ungerechtigkeit. Welche konkreten Auswirkungen Städte jetzt befürchten.

 Für die Kleinsten findet sich in NRW viel zu oft kein Betreuungsplatz. (Symbolbild)

Für die Kleinsten findet sich in NRW viel zu oft kein Betreuungsplatz. (Symbolbild)

Foto: dpa/Uwe Anspach

Angesichts des Mangels an Betreuungsplätzen für Kinder unter drei Jahren in NRW erwarten die Kommunen noch wachsende Schwierigkeiten. „Die Nachfrage nach U3-Plätzen steigt von Jahr zu Jahr“, sagte Christof Sommer, Hauptgeschäftsführer des Städte- und Gemeindebunds, unserer Redaktion. „Die Kommunen tun, was in ihren Kräften steht, um hinterherzukommen.“ Sie hätten in den vergangenen Jahren Zehntausende Plätze geschaffen und Mitarbeitende eingestellt. Aber: „Wir stoßen absehbar an unsere Grenzen. Hohe personelle Standards können wir uns bald nicht mehr erlauben.“ Das Land sei in der Pflicht: „Wir brauchen einfachere Quereinsteigermodelle, aber auch mehr Ausbildungskapazitäten sowie eine schnellere Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse.“

Eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) hat ergeben, dass in NRW, Kita- und Tageselternangebote zusammengefasst, 87.400 Betreuungsplätze für unter Dreijährige fehlen. „Für 16,8 Prozent aller unter Dreijährigen in NRW besteht Betreuungsbedarf, aber es ist kein Platz vorhanden“, fasste Studienautor Wido Geis-Thöne zusammen: „Man bräuchte gut die Hälfte mehr U3-Plätze, als derzeit vorhanden sind – genau 54,3 Prozent mehr, um die Nachfrage zu decken.“

Im Vergleich aller 16 Bundesländer liegt NRW mit seiner Betreuungslücke auf dem viertschlechtesten Platz. Wobei sich die Lage schon verbessert hat: 2019 fehlten den IW-Erhebungen nach noch fast 104.000 U3-Betreuungsplätze in NRW. In den nächsten Jahren aber werde der Fachkräftemangel, angeheizt durch den Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung in der Grundschule, die Situation beim Kita-Angebot verschärfen, vermuten die Kommunen.

Der familienpolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, Dennis Maelzer, warnte vor gesellschaftlichen Folgen. „Wir wissen, dass gerade die Familien aus sozioökonomisch schlechteren Verhältnissen geringere Chancen haben, einen Kitaplatz zu erwischen“, sagte er. Die gegenwärtige Lage sei „unter dem Aspekt der Chancengleichheit ein dramatisch schlechter Befund“.

„Die Herausforderungen in der frühkindlichen Bildung sind unbestritten groß“, räumte Landesfamilienministerin Josefine Paul (Grüne) ein. Sie betonte, dass das System kontinuierlich ausgebaut worden sei: „Trotz dieser Bemühungen ist aber seit Jahren absehbar, dass der Bedarf das Angebot übersteigt.“ Als größte Hürde beschrieb auch Paul den Mangel an Fachkräften. Gegensteuern will das Land etwa mit mehr Kita-Helfern in den Einrichtungen, flexibleren Einstellungsmöglichkeiten und Erleichterungen für den Einsatz von Mitarbeitenden aus dem Ausland. An weiteren Maßnahmen, „beispielsweise zum qualifizierten Quereinstieg“, arbeite man.

Die Opposition mahnt mehr Investitionen an. Sie beklagt, dass der Zuwachs von neuen U3-Plätzen in NRW seit Jahren zu gering sei. „Auch für das nächste Jahr ist im Haushalt nur Geld für den Ausbau von ein paar Tausend Plätzen vorgesehen“, sagte Dennis Maelzer. Das Land müsse die Förderung für Neubauten und Mieten deutlich erhöhen.

Wido Geis-Thöne vom Institut der deutschen Wirtschaft gibt etwas Weiteres zu bedenken: „NRW nimmt bei der U3-Betreuung eine absolute Sonderrolle ein. In den meisten Ländern wird die U3-Betreuung über Kitas organisiert. In NRW ist etwa ein Drittel der Kinder bei Tageseltern.“ Das sei ein Nachteil, so seine Einschätzung: „Wir haben da eine etwas geringere Qualitätssicherung als in den Kitas.“