Duisburg: Juso-Chef Sebastian Ackermann wechselt zu den Grünen

Duisburger Juso-Chef geht zu den Grünen : „Ich kann einfach nicht mehr“

In der früheren SPD-Hochburg Duisburg wechselt der Juso-Vorsitzende zu den Grünen. Er habe es in der SPD nicht mehr ausgehalten, sagt Sebastian Ackermann. Kann man die Partei wechseln wie den Arbeitgeber?

Irgendwo ist immer ein Bierstand. Auch im Februar 2012. Die Duisburger hatten gerade wegen der Loveparade-Katastrophe ihren Oberbürgermeister aus dem Amt gejagt. Viele sahen in dem CDU-Politiker Adolf Sauerland einen der Hauptschuldigen. Die Duisburger gewannen gegen ihn, und Sebastian Ackermann gewann mit ihnen. Siege muss man feiern, und Sozialdemokraten feiern mit Bier. Nach ein paar König-Pils trat Ackermann in die SPD ein. So lief das lange Zeit im Ruhrgebiet, der sozialdemokratischen Hochburg: Mitgliederakquise am Bierstand.

Die Selbstverständlichkeit, mit der die SPD das Ruhrgebiet dominierte, ist verschwunden. Bei der Europawahl 2014 stimmten 40 Prozent der Duisburger für die SPD, 2019 waren es nur noch 24 Prozent. Die Welt hat sich weitergedreht, die SPD ist stehengeblieben. So sieht das Sebastian Ackermann, 32, zuletzt Juso-Vorsitzender in Duisburg. Sieben Jahre nachdem er am Bierstand Mitglied wurde, verlässt er die SPD wieder. „Ich habe meine Ideale. Und dafür möchte ich mich nicht verbiegen“, sagt er. Ackermann wechselt zu den Grünen. Das ist in Duisburg, trotz allem, eine kleine Gruppe von 310 Mitgliedern. Die SPD hat 4000.

Aber die grüne Gruppe wächst. Wäre die Parteizugehörigkeit ein Modetrend, könnte man sagen: Grün ist das neue Rot. Fragt man die Grünen in NRW, wie viele Sozialdemokraten schon zu ihnen gekommen sind, erhält man keine Zahl. Da eine frühere Parteimitglied­schaft nicht abgefragt werde, gebe es keine Übersicht. „Wir heißen jedes Neumitglied gleichermaßen willkommen“, sagt eine Sprecherin. 1600 Bürger sind seit der Europawahl Ende Mai Mitglied bei den Grünen in NRW geworden, 17.000 sind es jetzt insgesamt. Zum Vergleich: Die SPD in Nordrhein-Westfalen hat noch immer etwa 109.000 Mitglieder.

Ackermann ist nicht der einzige Sozialdemokrat, der zu den Grünen geht. Aber er ist ein symbolträchtiger Sozialdemokrat, der zu den Grünen geht. Juso-Vorsitzender, und dann auch noch in Duisburg. Nur, warum geht er? Und: Kann man die Partei wechseln wie den Arbeitgeber?

Auf dem Tisch vor Sebastian Ackermann liegt ein Kugelschreiber, der aussieht wie ein Baumstamm. Bei den Schreibgeräten wirkt er schon grün, sonst sagt er noch oft „Wir Jusos“. Hinterzimmerpolitik, ausbleibende Debatten, fehlender Mut, Intransparenz, Opportunismus, kein Interesse an Veränderungen – Ackermanns Vorwürfe in Richtung seiner alten Partei sind hart. Sie richten sich zwar auch an den Bundesvorstand. Wenn er seinen Austritt begründet, nennt er aber nicht zuerst Andrea Nahles, sondern seinen Duisburger Unterbezirk.

„Die SPD hier ist im Kern strukturkonservativ“, sagt Ackermann. Das liege auch am Alter. Die Partei habe es versäumt, sich zu öffnen und dadurch für junge Leute attraktiv zu werden. Ortsvereine, die überwiegend aus 60- bis 80-Jährigen bestünden, hätten kein Interesse mehr an Veränderungen. „Für mich steht die SPD eigentlich für Progressivität, für Weiterentwicklung, für Vorwärts – doch genau das fehlt mir in dieser Partei zusehends“, sagt Ackermann, der im öffentlichen Dienst arbeitet.

Hier finden Sie das Interview mit dem Duisburger Juso-Chef Sebastian Ackermann.

Hätte dann nicht er, der 32-Jährige, daran arbeiten können, genau das zu ändern? Über Jahre habe er diese Fahne in der SPD hochgehalten, sagt Ackermann: „Doch mittlerweile kann ich einfach nicht mehr. Die Summe der Rückschläge war irgendwann zu groß.“ Er erzählt, wie er zwei Tage nach der Europawahl auf einer Veranstaltung mit seinen Duisburger Genossen über das desaströse Ergebnis diskutieren wollte. Sein Wunsch sei abgeschmettert worden, sagt Ackermann. Danach habe er seinen Wechsel zu den Grünen beschlossen.

Verlässt da einer das sinkende Schiff? Gewissensbisse quälten ihn, sagt Ackermann. Aber ein Karrierist will er selbst nicht sein. In der SPD hätte er größere Chancen gehabt, 2020 in den Stadtrat einzuziehen, als bei den Grünen. „Ich gebe einiges auf, um mir politisch treu zu bleiben“, sagt er. Die politische Karriere habe ihn daher nicht zu den Grünen getrieben. Er sagt: „Ich habe keine gezielten Ambitionen, aber einen sicheren Job im öffentlichen Dienst, in dem ich alt werden kann.“

(her/th)
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