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Düsseldorf: Gutachter sieht Versagen bei Warnung vor Hochwasser-Katastrophe

Untersuchungsausschuss im Landtag : Gutachter sieht Versagen bei Warnung vor Hochwasser-Katastrophe

Im Auftrag des Untersuchungsausschusses des Landtags hat ein Gutachter geprüft, ob es möglich gewesen wäre, die betroffenen Gebiete besser vor der Flutkatastrophe im Juli zu schützen. Er hat eine ganze Reihe von Kritikpunkten.

Ein wissenschaftlicher Gutachter hat den Behörden nach der Flutkatastrophe im vergangenen Juli Mängel und Versäumnisse attestiert. Vor allem habe es an einer konkreten, unmissverständlichen Warnung der Bevölkerung gefehlt, attestierte der vom Untersuchungsausschuss des Landtags beauftragte Sachverständige, Professor Robert Jüpner von der Technischen Universität Kaiserslautern. Der Wasserbau-Experte hat ein fast 100 Seiten starkes Gutachten erstellt, das der Deutschen Presse-Agentur vorliegt.

Eine konkrete Warnung vor der lebensbedrohlichen Gefahr des Hochwassers sei entweder gar nicht, oder nur unzureichend erfolgt, heißt es darin. Die meteorologischen Voraussagen seien zwar vergleichsweise präzise gewesen, die dabei verwendete Fachsprache für Betroffene und staatliche Stellen aber schwer verständlich.

Laut Gesetzeslage hätten die staatlichen Stellen sich auf extreme Hochwasserereignisse vorbereiten müssen. Dies sei an verschiedenen Stellen nicht geschehen, bemängelt der Gutachter. So habe das Land NRW aus den Hochwasserkatastrophen in anderen Regionen Deutschlands nur teilweise Konsequenzen gezogen.

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Außerdem habe es bei der Umsetzung der Niederschlagsprognosen in Hochwasser-Vorhersagen gehapert. Die nach den geltenden Vorgaben erstellten Hochwasser-Gefahrenkarten hätten die tatsächlich vorhandene Gefahr nicht vollständig abgebildet.

Die tatsächlichen Überflutungen könnten durch lokale Aufstau-Effekte, etwa durch Treibgut und Sediment, deutlich größer ausfallen als dies bei einer reinen Berechnung der Wassermenge der Fall sei.

Zudem sei den Talsperrenbetreibern zu wenig Vorlaufzeit geblieben, um den Wasserstand in den Talsperren zu verringern. Der Kollaps einer Talsperre, ein durchaus denkbares Ereignis, sei in den Notfallszenarien, Alarm- und Einsatzplänen nicht ausreichend berücksichtigt.

Hochwasserstände müssten künftig an deutlich mehr Pegeln gemessen und automatisch in Hochwasser-Warnsysteme eingespeist werden. Diese müssten dann automatisiert eine Warnung erstellen. Die Hochwasserwarnungen müssten auch für fachliche Laien verständlich sein und eine drohende Lebensgefahr eindeutig erwähnt werden.

Sinnvoll sei auch die Entwicklung von Vorhersage- und Prognosewerkzeugen, die bei plötzlichen Lage-Änderungen in Echtzeit die Daten erfassen und auswerten können.

Im Gegensatz etwa zu Brandkatastrophen entwickeln sich Hochwasserlagen mit einem gewissen Vorlauf. Damit könnten sich die Behörden auf konkrete Szenarien vorbereiten. Dies sei nicht im angemessenen Umfang erfolgt. Die Zusammenarbeit mit dem Katastrophenschutz zum Beispiel durch entsprechende Übungen sei deutlich verbesserungsbedürftig.

„Der Gutachter geht mit der Landesregierung hart ins Gericht, sagte SPD-Obmann Stefan Kämmerling am Freitag. Diese habe die Katastrophe unterschätzt und die Kommunen nicht ausreichend gewarnt. „Das von den Regierungsfraktionen als Entlastung gedachte Gutachten wird damit zur Abrechnung mit gravierenden Fehlern im Krisenmanagement der schwarz-gelben Landesregierung.“

Die CDU kommt zum entgegengesetzten Schluss: Der Gutachter habe bestätigt, dass sich alle staatlichen Behörden an die geltenden Gesetze und Erlasse gehalten hätten, teilte der Sprecher der CDU-Fraktion im Untersuchungsausschuss, Thomas Schnelle, mit. Diese stammten aus der Zeit der rot-grünen Vorgängerregierung und seien offensichtlich unzureichend.

Die Landesregierung habe bereits umfangreiche Verbesserungsvorschläge vorgelegt, die deutlich über die Empfehlungen des Gutachters hinaus gingen. Zuerst hatte der „Kölner Stadt-Anzeiger“ über das Gutachten berichtet.

Unwetter mit ungewöhnlich starken Regenfällen hatten Mitte Juli in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen eine Hochwasserkatastrophe ausgelöst. Ganze Landstriche wurden von den Wassermassen verwüstet. In NRW starben 49 Menschen, die Schäden wurden bei ersten Schätzungen auf etwa 13 Milliarden Euro beziffert.

Hier geht es zur Bilderstrecke: So sieht Hagen ein halbes Jahr nach der Flutkatastrophe aus

(chal/dpa)