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Düsseldorf: Die neue Schulpolitik von Rot-Grün

Düsseldorf : Die neue Schulpolitik von Rot-Grün

Längeres gemeinsames Lernen und die Gemeinschaftsschule: Das sind die beiden schulpolitischen Kernvorhaben, die der Koalitionsvertrag skizziert. Rot-Grün sucht den Konsens – auch, um dem Zorn der betroffenen Eltern zu entgehen. Dennoch drohen NRW unruhige Zeiten.

Nicht weniger als elf Seiten umfasst das Kapitel "Bildung" im rot-grünen Koalitionsvertrag für Nordrhein-Westfalen. Es steht am Kopf der Kapitelfolge mit den einzelnen Vorhaben, die Rot-Grün bis 2015 verwirklichen will. Die Bildungspolitik ist das Herz dieses Programms. Die Lektüre der elf Seiten legt nahe: Den NRW-Schulen stehen unruhige Jahre bevor.

Ziel sei "die Beste Bildung für alle", heißt es im Einleitungskapitel – Beste Bildung mit großem B, einmalig wie Schwarzwälder Kirschtorte und Französische Revolution. Kein anderes Kapitel des Koalitionsvertrags ist stärker werturteilsgeleitet – negativ gesagt: von Ideologie geprägt – als dieses.

Man verstehe "die Schule der Zukunft nicht nur als vielseitigen Lern-, sondern auch als anregungsreichen Lebensort, den eine Kultur der Wertschätzung und Ermutigung prägt", heißt es entsprechend blumig. Zwei Projekte stehen für diesen Anspruch: das längere gemeinsame Lernen und die Gemeinschaftsschule.

"Längeres gemeinsames Lernen gerechter"

Kinder sollen mindestens sechs Jahre nicht in Leistungsgruppen aufgeteilt werden. "Längeres gemeinsames Lernen macht unser Bildungssystem gerechter und leistungsstärker", heißt es. Zweifellos eine schöne Vorstellung – praktisch oder theoretisch zweifelsfrei fundiert ist sie nicht. Im Gegenteil gibt es reichlich gegenläufige Studien. "Unübersehbar zeigen sich deutliche Leistungsvorteile der Gymnasiasten aus den Bundesländern mit vierjähriger Grundschule", schrieben etwa 2008 die Bildungsforscher Jürgen Baumert und Olaf Köller.

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Mittel zum Zweck soll die Gemeinschaftsschule als bevorzugte Schulform sein – gemeinsamer Unterricht bis mindestens Klasse 6, danach Möglichkeit, aber nicht Zwang zur Differenzierung in Gymnasial-, Realschul- und Hauptschulklassen. 30 Prozent der weiterführenden Schulen sollen bis 2015 Gemeinschaftsschule werden.

Auch hier bewegt sich Rot-Grün eher auf dem Feld der begründeten Vermutung – der Frontverlauf im Gutachterkrieg um die "Einheitsschule" (so nennen sie ihre Gegner) ist unübersichtlich; entscheidende Geländegewinne hat zuletzt keine Seite erzielt. Eine Schlussfolgerung daraus könnte sein: Strukturen sind nicht entscheidend für die Unterrichtsqualität, die laut Koalitionsvertrag "im Zentrum" der rot-grünen Bemühungen steht.

Der rot-grüne Ansatz ist ein anderer: Bildungspolitik ist Sozialpolitik. "Wir dürfen kein Kind zurücklassen", heißt es im Koalitionsvertrag. Dahinter wie hinter dem Aus für die verbindlichen Grundschulgutachten nach Klasse 4 steht der Glaube, die Undurchlässigkeit des Schulsystems von unten nach oben könne durch Strukturreformen verbessert werden.

Volksentscheid imi Jahre 1975

Auch das wird von Fachleuten keineswegs einhellig zurückgewiesen. Eine ganze Reihe von Studien schreibt allerdings einem gegliederten Schulsystem eine höhere Fähigkeit zur Wissensvermittlung zu. Schüler an Gesamtschulen haben demnach einen Leistungsrückstand von bis zu zwei Jahren gegenüber Gymnasien. Dass jede Schule künftig sämtliche Schüler auch zum Abschluss führen muss, dürfte dieses Problem eher verschärfen.

Schon die Durchsetzung dieser Kernvorhaben wird für die rot-grüne Minderheitsregierung schwer genug: Der Linken, die sich schon allein mit ihrer Schulpolitik das Etikett "extremistisch" redlich verdient, geht es nicht weit genug. Der CDU, für die bereits der punktuelle Aufbau von Verbundschulen aus Haupt- und Realschule ein Kraftakt war, geht es zu weit. Am ehesten, freilich nur unter großen Mühen, wären noch die Schulkonzepte der FDP anschlussfähig. Das wissen auch die Verfasser des Koalitionsvertrags: Dort heißt es, man wolle "mit allen Fraktionen und allen beteiligten Akteuren" einen "Konsens in der Schulpolitik" erzielen.

Dass Rot-Grün ganz ausdrücklich über das Rund des Landtags hinausblickt, hat seinen guten Grund: Der Zorn betroffener Eltern ist nicht zu unterschätzen. In Hamburg droht am 18. Juli per Volksentscheid der Plan des schwarz-grünen Senats zu scheitern, die Grundschule um zwei Jahre zu verlängern und die Zahl der weiterführenden Schulformen von vier auf zwei zu reduzieren: Gymnasium und "Stadtteilschule".

Einschlägige Erfahrungen hat aber auch schon Nordrhein-Westfalen, hat auch schon die SPD gemacht. Im sozialliberalen Koalitionsvertrag wurde 1975 festgeschrieben, in der "Kooperativen Gesamtschule" – kurz: Koop-Schule – Hauptschule, Realschule und Gymnasium zusammenzuführen und so das gegliederte Schulsystem praktisch zu kassieren. 3,6 Millionen Bürger erzwangen einen Volksentscheid; am 1. März 1978 scheiterte das Vorhaben krachend. Ein halbes Jahr später trat SPD-Ministerpräsident Heinz Kühn zurück.

(RP)