Die politische Landkarte: Das Ruhrgebiet wird wieder rot

Die politische Landkarte: Das Ruhrgebiet wird wieder rot

Nach der Abwahl von CDU-Oberbürgermeister Adolf Sauerland in Duisburg hofft die nordrhein-westfälische SPD, die größte Revier-Metropole zurückzuerobern. Auf der politischen Landkarte wäre dann ihre Wahlschlappe von 2004 getilgt.

Der Schrecken fuhr den Sozialdemokraten mächtig in die Knochen. Bei der Kommunalwahl im September 1999, bei der in NRW erstmals auch die Oberbürgermeister, Bürgermeister und Landräte von der Bevölkerung gewählt werden konnten, eroberte die Union die Spitzenpositionen in den vormals SPD-dominierten Großstädten Düsseldorf, Köln und Mönchengladbach. Doch nicht nur das.

Der CDU gelang ein geradezu historischer Einbruch in das traditionell rote Revier: In Gelsenkirchen übernahm der junge CDU-Politiker Oliver Wittke die Amtsgeschäfte als Oberbürgermeister. In Mülheim/Ruhr war es Jens Baganz und in Essen Wolfgang Reiniger (beide CDU). Auch in Hagen und Hamm musste die SPD die OB-Amtskette der Union überlassen.

Trotz dieses Wahldesasters gab der damalige SPD-Landeschef Franz Müntefering trotzig die Parole aus: "Die rote Sonne ist noch da". Aber die Genossen spürten genau, dass sie im Revier mächtig an Strahlkraft verloren hatten. Die politische Farbenlehre im Ruhrgebiet stimmte einfach nicht mehr. Überall gab es jetzt für die SPD weiße beziehungsweise politisch schwarze Flecken.

Gestandene Genossen, die jahrzehntelang das Revier gleichzusetzen pflegten mit Kohle und SPD, verstanden die Welt nicht mehr. Sie empfanden den (nicht zuletzt durch die Bundespolitik verursachten) Machtverlust als Schmach und Schande, die es bei der nächsten Wahl wettzumachen galt.

Sauerland durchbrach scheinbares Erbrecht

2004 konnte die SPD zwar tatsächlich Gelsenkirchen (zuvor bereits Mülheim) zurückerobern, doch dafür verlor sie ausgerechnet die Montanstadt Duisburg, deren Bürgermeister 56 Jahre lang — von 1948 bis 2004 — stets ein SPD-Parteibuch in der Tasche hatten. Der prominenteste von ihnen, Josef Krings, trug von 1975 bis 1997 die Amtskette des OB.

Adolf Sauerland durchbrach das scheinbare Erbrecht der Genossen auf den OB-Sitz in Duisburg. In einer Stichwahl setzte er sich gegen die Krings-Nachfolgerin Bärbel Zieling (SPD) durch und wurde dadurch auf einen Schlag landesweit bekannt. Eine der ersten Fragen auf seiner Pressekonferenz in Düsseldorf lautete, wie der 1955 in Walsum geborene Ex-Berufsschullehrer an seinen Vornamen gekommen sei. Sauerland zögerte nicht lange: Adolf hießen auch sein Vater und sein Großvater, sagte er trocken und hatte fortan damit Ruhe. Er selbst freilich hat die Tradition durchbrochen: "Keines meiner Kinder heißt so."

Zur Kommunalwahl 2009 schickte die SPD den früheren Beigeordneten Jürgen C. Brandt ins Rennen. Doch der populäre CDU-Politiker setzte sich klar gegen diesen Herausforderer durch. Für die SPD schien damit der Weg in das Duisburger Spitzenamt für lange Zeit versperrt zu sein — bis eben zu jenem verhängnisvollen 24. Juli 2010, an dem bei der Loveparade-Katastrophe 21 Menschen ums Leben kamen und Sauerland hernach selbstverschuldet immer stärker unter öffentlichen Druck geriet. Nach dem gescheiterten Versuch, den OB durch den Rat abwählen zu lassen, formierte sich in der Stadt ein Bündnis aus SPD, Grünen, Linken und Gewerkschaften. Es setzte sich zum Ziel, das massiv in Misskredit geratene Stadtoberhaupt aus dem Amt zu jagen.

Der Duisburger Lückenschluss

Ermöglicht wurde dies durch eine rot-grüne Gesetzesänderung von 2011, wonach der vom Volk gewählte (Ober-)Bürgermeister auch vom Volk wieder abgesetzt werden kann. Das klingt zwar nach einer Lex Sauerland, nach einem speziell gegen ihn gerichteten Gesetzesvorstoß, doch tatsächlich hatten sich die Minderheitsregierung aus SPD und Grünen schon in ihrem Koalitionsvertrag vom 12. Juli 2010 auf die Neuerung verständigt, also vor dem Unglück in Duisburg.

Adolf Sauerland hat bis zum Schluss seine Abwahl kaum für möglich gehalten. In seinem Lieblings-Fischlokal in Walsum hat er sich im Gegenteil zuversichtlich gezeigt, dass sich alles noch zum Guten für ihn wenden werde. Doch morgen, wenn der Wahlausschuss der Stadt das endgültige Abwahlergebnis verkündet, endet seine Amtszeit nach siebeneinhalb Jahren. Der Nachfolger oder die Nachfolgerin, das darf man vermuten, dürfte wieder das SPD-Parteibuch mit sich führen.

Die Parteienlandschaft im Ruhrgebiet, die sich seit der Kommunalwahl 2009 wieder deutlich zugunsten der NRW-SPD verfärbt hat, erführe damit den von den Genossen heiß ersehnten Duisburger Lückenschluss. Gewünschter Nebeneffekt: NRW-Innenminister Ralf Jäger, der Chef der Duisburger SPD, könnte sich einen Stern anheften, der ihm den Weg für höhere Parteiämter erleichtern könnte. SPD-Landeschefin Hannelore Kraft, so scheint es, sieht es mit Genugtuung und lässt ihm freie Hand.

(RP/das)