Corona und steigende Kosten In NRW ist das regionale Bier in Gefahr

Düsseldorf · Heftige Umsatzeinbrüche, steigende Kosten und große Zukunftssorgen: Kleinere und mittlere Bier-Brauereien sind von der Pandemie besonders gebeutelt und senden einen Hilferuf ab. Die Politik muss sich damit befassen.

 Michael Hollmann, geschäftsführender Gesellschafter der Bolten-Brauerei in Korschenbroich.

Michael Hollmann, geschäftsführender Gesellschafter der Bolten-Brauerei in Korschenbroich.

Foto: Reichartz,Hans-Peter (hpr)

Michael Hollmann, Vorsitzender des Brauereiverbands NRW und Inhaber der Privatbrauerei Bolten in Korschenbroich, wählt ein klares Wort für die Situation der Branche: „Brutal“ sei die Lage. Während der Corona-Pandemie waren Karnevalspartys, Schützen- und Straßenfeste abgeblasen, über Monate blieben die Kneipen zu. Auch jetzt noch gingen die Menschen zögerlich raus in die Gaststätten. „Das schlägt eins zu eins auf uns durch“, sagt der Unternehmer. Der Verkauf und Verbrauch von Fassbier war zeitweise fast komplett eingebrochen.

Zu den Verlusten kommen auch noch Kostensteigerungen: „Ob es Braumalz ist, ob es Kronkorken sind, Flaschen, Pappe, Leim, Etiketten, egal was – es ist alles deutlich teurer geworden“, schildert Michael Hollmann die Lage. Ganz zu schweigen von Strom und Gas: „Die Brauereien sind energieintensive Unternehmen.“ Im Hinblick darauf schwant ihm nichts Gutes. Man könne nur darauf setzen, „dass die Leute ab Ende März in Scharen wieder in die Gastronomie gehen“.

Besonders hart trifft die Situation die kleinen und mittleren Brauereien, die es in Nordrhein-Westfalen gibt. Denn speziell der Fassbier-Absatz ist für sie ein wichtiges Standbein, erklärt Heinz Linden, Geschäftsführer des Brauereiverbands. Die großen „Big Player“ in der Branche, die mit ihren Marken jeder aus der Werbung kennt, seien darauf weniger angewiesen: „Die liegen von sieben bis im allerhöchsten Fall an die 20 Prozent bei der Fassbier-Quote.“ Die kleinen und mittleren aber, die bis zu 200.000 Hektoliter Bier pro Jahr produzieren: „Die liegen bei einer Fassbier-Quote von 30 bis 40 Prozent plus.“ Manche noch sehr deutlich darüber.

Bei den Corona-Bundeshilfen seien viele dennoch durchs Raster gefallen. November- und Dezemberhilfen beispielsweise habe es nur bei Umsatzeinbußen ab 30 Prozent im Monat gegeben. Viele Betriebe hätten regelmäßig an dieser Grenze gekratzt mit einem Minus von 27 oder 28 Prozent. Das sei auf Dauer auch nicht zu überstehen.

Schon 2021 hätten diese Brauereien so hohe Verluste eingefahren, dass sie mehrere gute Jahre gebraucht hätten, um das wieder auszugleichen. „Und jetzt haben wir wieder einen Winter hinter uns, der katastrophal war“, sagt Heinz Linden. „Das sind Inhaber- und Familienbetriebe. Da streckt man nicht so schnell die Waffen. Da versucht man, irgendwie die Pandemie zu überstehen und weiterzumachen für die nächste Generation.“ Aber im Augenblick sei die Situation wirklich dramatisch.

Bereits 2021 hat sich der Brauereiverband an die Politik gewandt. Auf ein offenes Ohr ist er bei der SPD-Fraktion im Landtag gestoßen. Der Abgeordnete Ernst Wilhelm Rahe kümmert sich um das Thema. „Was wir besonders schützen wollen, sind die kleinen Brauereien der regionalen Bierkultur“, sagt er. „Wenn die pleite gehen, sind die weg und werden von Großen geschluckt. Ich habe Zweifel daran, dass wir danach noch die bunte Bier-Vielfalt in NRW haben, die wir jetzt haben.“

Die SPD schlägt vor, dass ein Rettungspaket von 22,5 Millionen Euro bereitgestellt wird. Das entspreche in etwa der Summe, die die kleineren und mittleren Brauereien in den Jahren 2020, 2021 und Anfang 2022 an Biersteuer gezahlt hätten: Dieses Geld würden sie praktisch zurückbekommen. „Wir haben einen Rettungsschirm von 25 Milliarden Euro. Im Pott ist noch genügend Geld, um unter anderem den Brauereien zu helfen“, so Rahe.

Zum Thema wird der SPD-Antrag im Haushalts- und Finanzausschuss des Landtages, der im März noch zwei Mal zusammentritt. Dort wird über alle Vorschläge für Ausgaben aus dem Rettungsschirm diskutiert und abgestimmt. Dabei dürfte es allerdings Gegenwind geben. Das Landesfinanzministerium weist darauf hin, dass es schließlich schon Maßnahmen zur Entlastung der Branche gegeben habe. So wurde für 2021 und 2022 eine befristete Absenkung von Steuersätzen veranlasst. Und zuletzt wurden Steuererleichterungen für die Herstellung von Bier-Misch-Getränken beschlossen. Speziell diese Bier-Limo-Mischungen haben die kleineren Brauereien aber auch weniger im Angebot als die große Konkurrenz. 

Ansonsten verweist die Landesregierung auf die unterschiedlichen Corona-Wirtschaftshilfen, die allen, also auch den Brauereien, zur Verfügung stehen. Und auf Härtefallfonds für „Einzelfälle“, die davon nicht profitieren könnten.

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