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Politik macht Landarzt-Mangel zum Thema: CDU fordert Recht auf Arzt vor Ort

Politik macht Landarzt-Mangel zum Thema : CDU fordert Recht auf Arzt vor Ort

Immer weniger Mediziner haben Lust, auf dem Land zu arbeiten. Der Job des Allgemeinmediziners ist vielen Absolventen nicht attraktiv genug. Die CDU macht Problem jetzt zum Thema im Landtag.

Michael Wefelnberg ist einer von zwei Hausärzten im Zentrum von Hünxe. Seit 20 Jahren leitet er seine Praxis, oft behandelt er mehr als 150 Patienten am Tag. Wenn er an die Zukunft denkt, wirkt der 53-Jährige nachdenklich. "Obwohl ich selbst ausbilde, ist damit keineswegs garantiert, dass ich damit in gut zehn Jahren auch einen Nachfolger finde", sagt der Mediziner. Denn im ländlichen Bereich drohe ein massiver Hausärztemangel. "Viele Kollegen haben Probleme, einen Nachfolger zu finden. Viele Medizinstudenten finden den Job als Landarzt unattraktiv", sagt er.

In NRW wird es künftig wohl keine flächendeckende Hausarztversorgung mehr geben. Rund 65 Prozent der Allgemeinmediziner sind älter als 50 Jahre. Statistiker haben berechnet, dass mehr als ein Drittel der Hausärzte in NRW in den kommenden zehn Jahren ihre Praxen aufgeben und womöglich keine Nachfolger finden werden. Gleichzeitig steigt mit der älter werdenden Bevölkerung der Bedarf an hausärztlicher Versorgung.

Rudolf Henke, Präsident der Ärztekammer Nordrhein, warnt vor den Folgen dieser Entwicklung: "Die Hausärzte haben eine zentrale Funktion in unserem Gesundheitswesen. Viele kennen die Patienten und ihre Familien über viele Jahre hinweg. Er muss zum Beispiel bei Magenproblemen keine Spiegelungen und Blutuntersuchungen durchführen, weil er weiß, dass die Ursache die Trennung vom Partner ist." Vor allem in den ländlichen Bereichen genießt der Hausarzt meist ein hohes Ansehen an seinem Wirkungsort. Ihm vertrauen die Patienten. Das persönliche Gespräch hat für den Hausarzt oft einen höheren Wert als der Einsatz von teurer Apparatemedizin.

Vorurteile an der Uni

Obwohl der Bedarf an wohnortnaher Betreuung durch den demografischen Wandel immer größer wird, droht der Beruf in den nächsten Jahren auszusterben. "An den Universitäten kursiert das Vorurteil, dass Landärzte nur Schnupfen und alte Leute behandeln", sagt Michael Wefelnberg. Auch die Erwartung der Patienten, dass ein Hausarzt 24 Stunden erreichbar sein müsse, schreckte viele Absolventen ab. "Vor allem Frauen befürchten, sie könnten die hohe Arbeitsbelastung nicht mit der Familie vereinbaren und ziehen eine Beschäftigung als Angestellte in einer Klinik mit halbwegs geregelten Arbeitszeiten vor", so Wefelnberg. Zudem sei der Job mitunter wenig lukrativ. "Für einen Hausbesuch kann man nur 20 Euro abrechnen. Da zahlt man oft schon wegen der hohen Spritkosten drauf", sagt der Landarzt.

Das Interesse junger Menschen am Medizinstudium ist seit Jahren ungebrochen groß. Im Wintersemester 2012/2013 gab es für jeden Medizinstudienplatz im Schnitt 4,8 Bewerber. Von den acht Medizinischen Fakultäten in NRW gibt es aber nur zwei (Düsseldorf und Witten-Herdecke) mit einem Schwerpunkt Allgemeinmedizin.

Kommunen schlagen Alarm

In Ostwestfalen ist der Hausarztmangel besonders hoch. Doch auch im Westen des Landes schlagen mehrere Kommunen Alarm. Laut NRW-Gesundheitsministerium ist unter anderem in Alpen, Engelskirchen, Gangelt, Isselburg, Jüchen, Kalkar, Kerken, Kürten und Rhede die hausärztliche Versorgung gefährdet.

Die CDU-Fraktion im Düsseldorfer Landtag will dem drohenden Notstand jetzt mit einer parlamentarischen Initiative entgegenwirken. "Hausärztliche Versorgung in allen Landesteilen sicherstellen", lautet der Titel eines Antrags, der nächste Woche im Plenum beraten werden soll. CDU-Fraktionschef Karl-Josef Laumann war selbst früher Gesundheitsminister von NRW. "Wir wollen den Arzt vor Ort", sagt der Unionspolitiker. Die rot-grüne Landesregierung müsse dafür sorgen, dass mehr Allgemeinmediziner an den Hochschulen ausgebildet werden. "Es würde auch Sinn machen, ein Stipendienprogramm zu konzipieren, bei dem die Unterstützung an eine hausärztliche Tätigkeit im ländlichen Raum gekoppelt ist", sagt Laumann.

Susanne Schneider, gesundheitspolitische Sprecherin der FDP-Landtagsfraktion, forderte die Landesregierung auf, ihre "Hausaufgaben" zu machen. "Um junge Mediziner für eine Hausarzttätigkeit im ländlichen Raum zu gewinnen, müssen Perspektiven geboten werden. Insbesondere die Vereinbarkeit von Familie und Beruf muss verbessert werden", betont die Liberale. Gesundheitsministerin Barbara Steffens weist den Vorwurf, den drohenden Ärztemangel nicht ernst zu nehmen, mit Nachdruck zurück.

Nicht das Land, sondern der Bund habe die Regelungskompetenz bei der Sicherstellung der Versorgung, sagt die Grüne. "Die amtierende Bundesregierung hat sich bisher beharrlich geweigert, den Ländern ausreichend Instrumente zur Planung und Steuerung der ambulanten ärztlichen Versorgung an die Hand zu geben", kritisiert Steffens. Schon jetzt werden in NRW pro Jahr 100 Allgemeinmediziner weniger zugelassen als benötig werden, um die Schließungen zu kompensieren.

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(RP)