Vorgezogener Braunkohleausstieg in NRW Wissenschaftler sehen C02-Ersparnis „von nahezu Null“
Düsseldorf · Nach Rechnung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung bringt der vorgezogene Ausstieg aus der Braunkohle bis 2030 in NRW womöglich gar keinen Vorteil gegenüber dem ursprünglichen Ausstiegsplan bis 2038. Was die Landesregierung dazu sagt.
Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) widerspricht der Landesregierung bei der Darstellung, wie viel C02 durch den vorgezogenen Kohleausstieg eingespart werden wird. Nach Berechnungen des DIW würden durch den vorgezogenen Ausstieg im äußersten Fall 64 Millionen Tonnen Kohle eingespart. In einem „realistischeren“ Szenario gebe es tatsächlich gar keine Ersparnis gegenüber dem ursprünglichen Abschaltplan zum Ausstieg im Jahr 2038.
Land und Bund sprechen von 280 Millionen Tonnen Kohle, die durch den vorgezogenen Ausstieg nun nicht mehr abgebaggert und verfeuert würden. „Das erschließt sich uns nicht“, sagte Catharina Rieve vom DIW. „Auf diese 280 Millionen Tonnen kommt man nur, wenn die gesamte Kohlemenge zugrunde gelegt wird, die in dem ehemaligen Tagebaufeld inklusive der fünf Dörfer liegt. Wenn man also davon ausgeht, dass es überhaupt möglich gewesen wäre, das gesamte Tagebaufeld komplett aufzuschließen und die Kohle bis 2038 zu verbrennen.“
Nach ihren Berechnungen wäre das aber zumindest nach dem ursprünglichen Ausstiegsplan laut Kohleverstromungsbeendigungsgesetz bis 2038 gar nicht erfolgt. Man habe zwei Szenarien untersucht, so Rieve. In einem Szenario sei man davon ausgegangen, dass bis zu einem Ausstieg 2038 alle Kraftwerksblöcke planmäßig im Laufe der Jahre abgeschaltet würden, bis dahin aber unter Volllast gefahren würden. Sie würden damit maximal viel Kohle verbrauchen. Unter diesen Umständen würde durch die jetzige Planung für den vorgezogenen Ausstieg maximal 64 Millionen Tonnen Kohle eingespart, erklärt Rieve. Dabei sei man davon ausgegangen, dass auch bis zum Ausstieg 2030 die Leistungsfähigkeit aller Kraftwerke komplett ausgereizt würde.
„Wenn man aber realistischere Perspektiven zugrunde legt, dann haben wir eine Ersparnis von nahezu Null“, erläutert Rieve weiter. Das sei etwa der Fall, wenn man davon ausgehe, dass sich in den späten 30er Jahren kein Braunkohlestrom mehr verkaufen ließe und der Kohleausstieg ohnehin auf spätestens 2035 vorgezogen worden wäre. Damit hätten die Werke ihre Laufzeiten nicht bis maximal 2038 voll ausgeschöpft.
Catharina Rieve ist Hauptautorin mehrerer DIW-Studien, die zu dem Schluss kommen, dass die Kohle unter Lützerath nicht mehr für die Energieversorgung gebraucht würde und dass die Verbrennung die Klimaziele des Bundeslandes NRW gefährden würde.
Die Landesregierung bleibt allerdings bei ihrer Rechnung: Die erzielte Verständigung zwischen Bund, Land und dem Energiekonzern RWE sei „im Hinblick auf die klimapolitischen Bemühungen der Landesregierung ein wichtiger Meilenstein“. Dem verlängerten Betrieb von zwei Braunkohlenblöcken mit einer Gesamtleistung von 1,2 Gigawatt um 15 Monate stehe ein um über acht Jahre reduzierter Betrieb von drei Braunkohlenblöcken mit einer Gesamtleistung von 3 Gigawatt entgegen.
„Wie viel CO2 dabei letztlich eingespart wird, hängt auch davon ab, wie schnell wir die Erneuerbaren Energien ausbauen. Denn mit zunehmendem Ausbau der Erneuerbaren Energien, sinkt die Auslastung der verbliebenen Braunkohlekraftwerke“, hieß es aus dem Landeswirtschaftsministerium. „Aber klar ist: Durch den Kohleausstieg im Jahr 2030 wird nur noch die Hälfte des ursprünglich vorgesehenen Abbaufeldes im Tagebau Garzweiler II in Anspruch genommen. Hierdurch verbleiben gesichert insgesamt mindestens 280 Millionen Tonne Kohle im Boden. Dies entspricht zirka 280 Millionen Tonnen CO2, die dadurch nicht mehr emittiert werden können.“