Brauchen wir 2018 mehr verkaufsoffene Sonntage in NRW?

Pro und Kontra: Brauchen wir mehr verkaufsoffene Sonntage in NRW?

Die Landesregierung plant, die Zahl der verkaufsoffenen Sonntage in NRW zu verdoppeln und Öffnungszeiten zu verlängern. Unsere Autoren liefern ihre Argumente gegen und für die Ausweitung der Shopping-Tage.

Der Streit um die Sonntagsöffnung gleicht einem Glaubenskampf. Seit' an Seit' stehen die Gewerkschaften und Kirchenvertreter gegen den innerstädtischen Handel, der sich (übrigens nicht nur zur Weihnachtszeit) volle Läden wünscht und mit verkaufsoffenen Sonntagen seine Kassen füllen will. Die Kaufleute glauben nur bedingt an die Heiligkeit des Sonntags, weil auch die meisten Bürger zwar die Sonntagsruhe schätzen, sie aber kaum noch für den Kirchgang nutzen.

Horst Tho­ren ist stell­ver­tre­ten­der Chef­re­dak­teur der Rhei­ni­schen Post. Foto: endermann

Das Bibelgebot "Am siebten Tage sollst du ruhen" wird in unserer Freizeitgesellschaft schon lange durchbrochen - durch vielfältige Events und Aktivitäten, durch zahlreiche Berufsaufgaben, die auch am Wochenende (mitunter auch zum Wohle der Allgemeinheit) erledigt werden müssen. Der unsägliche Streit um die verkaufsoffenen Sonntage, häufig auch vor Gericht ausgetragen, muss ein Ende haben. Auch im Interesse vieler Verbraucher, die gern mal in sonntäglicher Entspanntheit shoppen gehen wollen.

Daher ist es überfällig, dass die Landesregierung an diesem Punkt Klarheit schafft. Sie tut dies mit Blick auf jene Städte und Gemeinden, die mit den verkaufsoffenen Tagen den stationären Handel fördern wollen, weil dieser nicht nur zur Attraktivität ihrer Innenstädte beiträgt, sondern auch gern gesehene Gewerbesteuern in die öffentlichen Kassen spült. Gerade in Zeiten wachsender Online-Geschäfte ist diese Unterstützung dringend notwendig. Dem schnellen Klick-Kauf rund um die Uhr (auch am Sonntag!) steht der Erlebniskauf in der City gegenüber. Wenn da nicht zumindest ab und an auch sonntags Einkaufen möglich ist, wandern die Kunden gänzlich in die Internetshops ab. Die bieten zwar kaum Beratung, sind aber 24 Stunden erreichbar.

Wer das Los der Verkäuferinnen und Verkäufer beklagt, die einen Tag mehr arbeiten müssen, vergisst dabei, dass statt des Sonntags ein anderer freier Tag gewährt wird und nicht selten Sonntagszuschläge gezahlt werden. Zudem sichert wirtschaftlicher Erfolg auch Arbeitsplätze. Wer den Händlern das "Sonntagsgeld" als wichtige Zusatzeinnahme nimmt, muss sich nicht wundern, wenn Läden am Ende schließen müssen und Jobs verloren gehen.

Natürlich kann nicht allein das Einnahmeplus verkaufsoffener Sonntage notleidende Geschäfte retten. Die Verkaufssonntage mit ihrem teilweise beachtlichen Publikumsandrang helfen aber, die Attraktivität des stationären Handels zu erhöhen.

Wer deshalb aber fordert, künftig jeden Sonntag zu einem Einkaufstag zu machen, geht zweifellos zu weit. Richtig ist, dass eine allgemeine Freigabe der Sonntage keinen Sinn hat, weil damit jede Zusatzattraktivität verloren ginge und der angestammte Wochenrhythmus gänzlich durchbrochen wäre. Aber ab und an - und insbesondere zur Vorweihnachtszeit - sind verkaufsoffene Sonntage wichtig. Nicht zuletzt können sie eine Bereicherung für die ganze Familie sein, zumal dann, wenn Weihnachtsmärkte und andere Events in die Innenstädte locken. Deshalb möge es durchaus häufiger auch an einem Sonntag heißen: Ihr Käuferlein kommet.

Die Sonntagsruhe ist von so großer Bedeutung, dass sie im Grundgesetz verankert ist: "Der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt", heißt es in Artikel 140. Der freie Tag soll gläubigen Christen den Kirchgang ermöglichen und grundsätzlich jedem die Möglichkeit zum inneren Ausgleich geben. Wie wichtig dies ist, zeigt die steigende Zahl psychischer Erkrankungen.

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Für die meisten Familien ist der Sonntag nach wie vor der einzige Tag der Woche, an dem sie vollzählig zusammenkommen können. Bedauerlich genug, dass es schon jetzt viele Berufe gibt, die ohne Sonntagsarbeit nicht auskommen. Meist gibt es dafür aber einen guten Grund: Dass Ärzte, Polizisten und Krankenpfleger auch am Sonntag arbeiten müssen, versteht sich von selbst.

Kirsten Bialdiga ist Chefkorrespondentin für Landespolitik. Foto: krebs

Aber wie lautet die Begründung für die Verkäuferin in einem Kaufhaus? Besteht etwa ein übergeordnetes öffentliches Interesse daran, dass Menschen ausgerechnet auch noch am Sonntag shoppen können? Wer etwas einkaufen will, hat dazu doch ohnehin montags bis samstags jeweils von neun oder zehn Uhr bis mindestens 20 Uhr die Möglichkeit.

Manch ein Arbeitgeber wendet ein, dass es gerade Mütter seien, die gern sonntags arbeiten möchten, etwa weil die Väter dann für die Kinder da sein könnten. Dies allerdings unterstreicht nur, wie wichtig es ist, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf endlich zu ermöglichen. Ein Argument für mehr verkaufsoffene Sonntage kann es sicher nicht sein.

Hinzu kommt: Wenn der Einzelhandel auf dem Gebiet der Öffnungszeiten mit dem Onlinehandel konkurrieren will, hat er schon verloren. Wer online bestellen will, kann das rund um die Uhr tun. Dann müssten also die Geschäfte in den Innenstädten an den sieben Wochentagen 24 Stunden geöffnet sein. Der Vorteil des stationären Handels gegenüber dem Internet liegt vielmehr in besserem Service und kompetenter Beratung. Es ist fraglich, ob Aushilfskräfte auf Stundenbasis, die an Sonntagen vermutlich verstärkt zum Einsatz kämen, dies leisten können.

Die Befürworter mögen nun einwenden, dass es der NRW-Landesregierung doch nur um acht verkaufsoffene Sonntage im Jahr gehe, die nicht weiter ins Gewicht fielen. Das mag in einem ersten Schritt auch so sein. Doch schon melden sich in der aktuellen Diskussion Händler zu Wort, die eine völlige Freigabe des Sonntags als Verkaufstag fordern. Am Ende könnte von der gesetzlich geschützten Sonntagsruhe nicht viel übrig bleiben.

Auch sind es vor allem die großen Händler, die Kaufhäuser und Ketten, die eine Ausweitung der Sonntagsöffnung fordern. Für kleine und mittelständische Geschäfte hingegen stehen Aufwand in Form von mehr Personal und zusätzliche Verkaufserlöse oft in keinem Verhältnis. Wenn die kleineren Betriebe aber nicht Marktanteile verlieren wollen, müssten sie wohl oder übel mitziehen. Sie haben bereits die Erfahrung gemacht: Die Ausweitung der Öffnungszeiten führte seinerzeit insgesamt auch nicht zu höheren Umsätzen.

(RP)