Blühstreifen gegen Insektensterben: Erste Artenschutzkonferenz in NRW

Artenschutzkonferenz tagt in Düsseldorf : Blühstreifen gegen das Insektensterben

Immer mehr Landwirte verzichten auf die Nutzung von Randstücken ihrer Felder. Das reiche nicht, um das Insektensterben zu stoppen, sagen Experten. Die Landesregierung räumt Versäumnisse beim Artenschutz ein.

Die Idee, die Insekten vor dem Aussterben retten soll, klingt einfach: Ackersäume sollen nicht landwirtschaftlich genutzt werden, stattdessen wachsen Kornblumen, Steinklee, Löwenzahn und Büschelschön, die dort ausgesät wurden. Etwa 4000 Hektar Blühstreifen und -flächen gab es 2014 im Land, vier Jahre später waren es bereits 5700 Hektar. In diesem Jahr dürfte die Zahl weiter wachsen, schätzt Bernhard Rüb von der Landwirtschaftskammer NRW.

Mehr Fläche für Wildpflanzen gleich mehr Insekten, so die einfache Rechnung. Denn die gibt es immer weniger: Seit 1989 hat die Biomasse von Fluginsekten an manchen Orten in NRW um 70 Prozent abgenommen. Das ergab eine Studie des Entomologischen Vereins Krefeld, die 2017 weltweit für Aufsehen sorgte. Nicht nur Insekten sind betroffen, sondern auch andere Tiere und Pflanzen. Der Weltbiodiversitätsrat geht davon aus, dass etwa eine Million von acht Millionen Tier- und Pflanzenarten bedroht ist. Eine der Hauptursachen: die Landnutzung durch den Menschen.

„Im Zuge der Intensivierung der Landwirtschaft wurden Bäume oder Hecken an Ackersäumen immer seltener“, sagt Ralf Bilke vom Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) NRW. Mehr Monokulturen, weniger Platz für Wildpflanzen. Pestizide und gereinigtes Saatgut sorgen dafür, dass nichts dort wächst, wo es nicht wachsen soll. „Die Landschaft wurde immer aufgeräumter“, sagt Agrarreferent Bilke.

Das soll sich nun ändern. Landwirte setzen bei der Schutzmaßnahme neuerdings auch auf die Verbraucher. Für einen bestimmten Betrag kann man Pate für einen Blühstreifen werden. „Jeder Einzelne kann mitmachen und sich so am Naturschutz beteiligen“, sagt Andrea Hornfischer vom Rheinischen Landwirtschaftsverband. Im Rheinland beteiligen sich bereits etwa 50 Betriebe.

Für Bernhard Rüb von der Landwirtschaftskammer NRW reicht das aber nicht: „An sich ist der Blühstreifen eine gute Sache. Artenschutz in der Landwirtschaft ist aber weit mehr.“ Die langjährige Stilllegung von Flächen gehöre ebenso dazu wie extensive Grünlandnutzung und Erosionsschutzstreifen.

Auch für Ralf Bilke sind Blühstreifen nur „ein Baustein von ganz vielen“. Die Anbindung an Schutzgebiete sei besonders wichtig, damit Insekten nicht auf ‚wilde Inseln’ in ansonsten lebensfeindlichen Gebieten gelockt werden. „Schutzgebiete müssen außerdem besser gepuffert werden“ – zum Schutz vor den Umweltfolgen konventioneller Landwirtschaft. „Allen voran“, so Bilke, „brauchen wir aber ein Umsteuern in der Landwirtschaft.“ Denn Pestizide bekämpfen nicht nur Schädlinge, sondern treffen auch andere Insekten. „Gerade Neonicotinoide – sehr hoch dosierte Insektizide – beeinträchtigen langfristig den Orientierungssinn und die Reproduktion von Fluginsekten“, erklärt Bilke.

Die Landwirtschaft leidet auch deshalb unter einem Imageproblem. „Bauern sollen an allem schuld sein, sie befinden sich in einer Akzeptanzkrise, dabei haben viele Landwirte große wirtschaftliche Probleme“, sagt Bernhard Rüb. „Durch Aktionen wie Blühpatenschaften werden Bauer und Bürger wieder zusammengebracht.“ Langfristig müsse sich auch der Verbraucher umstellen, sagt er. „Der Verzicht auf Pestizide und Insektizide bedeutet auch größere Ernteausfälle. Ökologische Landwirtschaft ist darum teurer als konventionelle“, sagt Insektenkundler Karl-Heinz Jelinek, der den Einsatz von Neonicotinoiden krisiert. „Wir als Verbraucher müssen bereit sein, mehr für unsere Lebensmittel zu zahlen.“

Auch die Landespolitik will das Insektensterben schärfer in den Blick nehmen. NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) räumte am Montag bei einer Artenschutzkonferenz in Düsseldorf – der ersten überhaupt in NRW – Versäumnisse der Politik bei diesem Thema ein. „Unsere Partei hat da besonderen Nachholbedarf, die Bedeutung des Themas zu erkennen“, sagte Laschet selbstkritisch vor rund 300 Experten aus Politik, Wissenschaft, Kommunen und Forstwirtschaft. Gleichwohl müsse die Politik den ökologischen Wandel in einer Form gestalten, „dass die Menschen auch mitgehen“, so Laschet. In einem Industrieland wie NRW sei es besonders wichtig, auch die Sorgen der Menschen um ihre Arbeitsplätze zu berücksichtigen.

Der BUND-NRW-Landeschef Holger Sticht übte deutliche Kritik an der Landesregierung. Eine zentrale Rolle spiele der ungebremste Flächenverbrauch. Dadurch würden Lebensräume zerstört, und der Artenschwund werde forciert. Auch der Beschluss, keinen zweiten Nationalpark auf dem artenreichen Truppenübungsplatz Senne anzustreben, stehe im Widerspruch zu einem glaubwürdigen Bemühen um Erhalt von Wildnis und Artenvielfalt.

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