Schul-Erfolg für Jungen „Eltern müssten ihr Erziehungsverhalten ganz bewusst reflektieren“

Düsseldorf · Mädchen kommen in der Schule im Schnitt besser zurecht als Jungen. Eine Expertin erklärt, woran das liegt, was Lehrkräfte anders machen und Eltern leisten müssten, um für mehr Chancengleichheit zu sorgen.

 Kinder in der Grundschule (Symbolbild). Hier werden Weichen für den Bildungserfolg gestellt.

Kinder in der Grundschule (Symbolbild). Hier werden Weichen für den Bildungserfolg gestellt.

Foto: dpa/Marcel Kusch

Beim Abi in NRW sind mehr Jungen als Mädchen durchgefallen, die Mädchen hatten den besseren Notenschnitt. Das ist das jüngste Beispiel für ein bekanntes Phänomen: Die gesamte Bildungskarriere hindurch und bei all ihren Abzweigungen schneiden Mädchen in den Statistiken im Schnitt besser ab als Jungen. Sie erreichen häufiger Fachhochschulreife und Abitur, gehen häufiger zur Uni, erzielen die besseren Abschlüsse. Schon in der Kindheit werden mehr Mädchen vorzeitig eingeschult, später geht es bei einem Schulformwechsel für sie öfter aufwärts, also etwa von der Realschule zum Gymnasium, und sie brechen Berufsausbildungen seltener ab. Die Soziologin Annette von Alemann, Professorin an der Uni Duisburg-Essen mit dem Schwerpunkt Arbeit, Geschlecht und soziale Ungleichheit, wirft einen Blick darauf, woran es liegt und was sich ändern müsste für mehr Chancengleichheit im Bildungssystem.

Woran liegen Unterschiede im Lernverhalten?

Einflüsse kommen durch die Familie, die Schule, Gleichaltrige, und sie können sehr subtil sein, erklärt Annette von Alemann. Eltern loben Töchter beispielsweise mehr für Fleiß und Söhne eher dafür, dass sie das Handy so gut erklären können – also für technisches Verständnis – oder für sportliche Leistungen. Sitzt das Mädchen als Bücherwurm zu Hause, wird das anerkannt. Jungen werden eher mal dazu animiert, rauszugehen und zu toben. Die ungleiche Behandlung ist nicht unbedingt Absicht: „Vieles passiert völlig unbewusst. Die Welt ist geprägt von geschlechterstereotypen Verhaltensweisen – im Umfeld, in den Medien, in Lehrbüchern. Darin sind Eltern selbst aufgewachsen. Eltern müssten ihr Erziehungsverhalten also ganz bewusst reflektieren“, sagt von Alemann.

Auch Lehrkräfte reagieren unterschiedlich auf Schülerinnen und Schüler. „Jungen werden häufiger herausgefordert: ,Du kannst aber mehr, streng dich an, du schaffst das.‘ Mädchen werden mehr für ihre Anstrengungen gelobt, oder für soziales Verhalten, das zu einer guten Atmosphäre im Klassenzimmer beiträgt“, führt die Soziologin aus. Auch die Lehrenden täten das nicht unbedingt absichtlich. „Lehrkräfte müssten das von Anfang an reflektieren lernen. Die Frage ist also: Wie verändern wir das Bewusstsein von Lehrkräften dafür, was sie tagtäglich tun?“

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Foto: dpa/Rolf Vennenbernd

Besseres Lesen macht (fast) alles besser

Während Jungen in Erhebungen in Mathe im Schnitt leicht vorn liegen, haben Mädchen in der Lesekompetenz, also beim Lesen und Verstehen von Texten, einen ganz deutlichen Vorsprung. Sie geben auch häufiger an, in der Freizeit aus Spaß zu lesen – so in der jüngsten Iglu-Studie zu den Lesefähigkeiten von Grundschulkindern. Unter Forschenden ist es Konsens, dass das ein Sprungbrett zum Erfolg in allen Fächern ist. Annette von Alemann verweist zudem auf Erkenntnisse aus der Corona-Pandemie: „Da zeigte sich, dass Mädchen, die es gewöhnt sind, außerhalb der Schule zu lesen, außerhalb der Schule auch eher gelernt haben. Weil sie es einfach gewöhnt waren, auch in der Freizeit Dinge zu tun, die mit Schule assoziiert werden.“

 Professorin Annette von Alemann lehrt und forscht an der Universität Duisburg-Essen.

Professorin Annette von Alemann lehrt und forscht an der Universität Duisburg-Essen.

Foto: Frank Preuß / Universität Duisburg-Essen

Aus Unterschieden an den Schulformen lernen

An den Gesamtschulen in NRW gab es in diesem Jahr keinen Geschlechterunterschied bei der Durchfaller-Quote. Das ist ein statistischer Ausreißer; normalerweise scheitern auch an Gesamtschulen mehr Jungen. Trotzdem bestätigt das Erfahrungen von Annette von Alemann: „Lehrkräfte an Gesamtschulen sind stärker geschult, auf Unterschiede einzugehen, weil sie eine extrem heterogene Schülerschaft haben. Sie sind es gewöhnt und haben im Studium aber auch mehr Kompetenzen dafür erworben. Auch die Ausbildung von Gymnasiallehrkräften müsste stärker auf den Umgang mit Heterogenität im Klassenzimmer eingehen“, regt sie an.

Was können Eltern ganz praktisch tun?

Das eigene Erziehungsverhalten hinterfragen. Den Spaß am Lesen fördern, wo es geht: Bücher schenken, vorlesen zelebrieren. Wenn Eltern spüren, dass Söhne sich beim Lernen schwertun, sollten sie gezielt unterstützen, sie für ihre Anstrengungen loben. Und sie sollten um einen psychologischen Mechanismus wissen: „Es ist durch Studien belegt, dass Jungen, die fortwährend Misserfolgserlebnisse haben, in die Rebellion gehen. Sie könnten weiter lernen, haben aber das Gefühl, es lohnt sich eh nicht. Dann bringen sie sich durch störendes Verhalten um den Abschluss“, sagt Annette von Alemann. Schon bevor es so weit kommt, können Jungen sich innerlich vom Lernen zurückziehen und geringe Ansprüche an den eigenen Bildungsweg entwickeln. „Eltern sollten dann mit ihren Söhnen über lohnenswerte Ziele und Lernstrategien sprechen. Allerdings sind Eltern damit auch vielfach überfordert, da sind auch die Lehrer gefragt.“

Mehr Männer ins System

Je jünger die Kinder, desto mehr haben sie im Bildungssystem mit Frauen zu tun. In Kitas und Grundschulen sind Betreuerinnen und Lehrkräfte weit überwiegend weiblich, bundesweit sind fast 90 Prozent der Lehrkräfte in Grundschulen Frauen. „Wir brauchen gute männliche Vorbilder“, fordert die Soziologin. „Es macht einen Unterschied, ob eine Lehrerin einen Jungen für ein Verhalten lobt, das nicht als stereotyp männlich gilt, etwa für ganz stilles Lernen oder besonders gutes Sozialverhalten, oder ob das ein Lehrer tut. Es macht auch einen Unterschied, ob immer Frauen diejenigen sind, die vorlesen, oder auch Männer. Wir brauchen mehr Grundschullehrer und mehr Erzieher in Kindergärten.“

Und was ist mit der Biologie?

Für viele Menschen ist eindeutig, dass gewisse Unterschiede im Lernverhalten und in den fachlichen Vorlieben von Mädchen und Jungen schlicht biologisch begründet sind. Demnach haben Jungen eben mehr Neigung zu Mathe und Naturwissenschaften, Mädchen zur Sprache. „Über solche Annahmen wird viel diskutiert. Aber von der soziologischen Geschlechterforschung wird das eher zurückgewiesen“, sagt Annette von Alemann. Einiges spreche dagegen. „Generell gilt: Je höher das Niveau der Gleichberechtigung, desto geringer sind die Geschlechtsunterschiede in den Bildungsstudien“, führt sie aus. Und auch diese Ergebnisse müsse man differenziert betrachten. Mädchen schnitten im Identifizieren naturwissenschaftlicher Fragestellungen beispielsweise wieder besser ab als Jungen. Umgekehrt: Wenn bei der Lesekompetenz nicht nur fiktionale, durchgängige Texte betrachtet würden, wie sie im Schulunterricht häufig behandelt würden, sondern auch Sachtexte, Comics, Diagramme oder dergleichen, schrumpften die Unterschiede zwischen den Geschlechtern.

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