Bertelsmann-Studie zu Armut: Gelsenkirchen ist NRW-Schlusslicht

Bertelsmann-Studie : NRW-Städte in der Armutsfalle

Armut ist in Deutschland nach wie vor ungleich verteilt. In den Großstädten ist das Problem größer als im Bundesdurchschnitt. Insbesondere Nordrhein-Westfalen droht den Strukturwandel zu verpassen.

Der frühere Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit prägte 2003 einen Satz, der noch lange, nachdem er ihn gesagt hatte, in der Hauptstadt widerhallte: Berlin ist arm, aber sexy. Die Arbeitslosenquote erreichte kurz darauf bis dato mit 19 Prozent ihren Höhepunkt. Vielen Menschen ging es schlecht, aber man hatte ja Berlin, die Stadt, das Nachtleben, die Kultur, das Lebensgefühl. So meinte es Wowereit. Die meisten der sozial Schwachen empfanden ihr Dasein in Berlin allerdings überhaupt nicht als sexy. Heute ist die Stadt immer noch in vielerlei Hinsicht arm – wie einige andere.

Insgesamt ist die Armutsquote in deutschen Großstädten größer als in Deutschland. Das geht aus einer am Dienstag in Gütersloh veröffentlichten Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung hervor. Demnach betrug der Anteil der Sozialleistungsempfänger 2016 bundesweit 10,1 Prozent der Gesamtbevölkerung. In Städten mit über 100.000 Einwohnern lag er dagegen bei 14 Prozent. In den einwohnerstärksten Städten wie Berlin, Hamburg oder München stagniert die Armutsquote.

In den ostdeutschen Großstädten haben sich die Lebensverhältnisse im Laufe der Jahre weiter an das Westniveau angeglichen. Da aktuell nur Daten bis 2016 vorliegen, konnten die Auswirkungen der starken Zuwanderung ab 2015 auf die Armutssituation in den Großstädten nur zum Teil erfasst werden, hieß es.

Unter den Kommunen, in denen die Armut besonders zugenommen hat, befinden sich alle 13 Großstädte des Ruhrgebiets, so die Autoren der Studie. Das sei mit dem dort noch nicht vollständig bewältigten Strukturwandel zu erklären, sagt Henrik Riedel, einer der Projektleiter der Studie. Maßeinheit für die Armutsquote war die Zahl der Sozialhilfeempfänger nach SGB II und XII. Landesweites Schlusslicht ist Gelsenkirchen, wo im Jahr 2016 jeder vierte Einwohner (26 Prozent) auf Stütze angewiesen war. Die Langzeitarbeitslosigkeit an der Ruhr ist mit die höchste bundesweit. Gelsenkirchen etwa besitzt eine Arbeitslosenquote von 12,5 Prozent, davon sind 40 Prozent länger als ein Jahr ohne Job. Eine höhere Erwerbstätigkeit würde das Armutsproblem reduzieren, sagen Experten.

So ist die Armutsquote in NRW-Großstädten:

Gelsenkirchen 26 Prozent (21 Prozent, 2007)

Essen 21 Prozent (18)

Dortmund 20 Prozent (18)

Duisburg 20 Prozent (18)

Herne 20 Prozent (16)

Mönchengladbach 20 Prozent (18)

Wuppertal 19 Prozent (16)

Recklinghausen 19 Prozent (16)

Hagen 19 Prozent (16)

Krefeld 17 Prozent (15)

Mülheim an der Ruhr 17 Prozent (13)

Bochum 16 Prozent (13)

Remscheid 15 Prozent (12)

Inwieweit auch die Mieten für ein erhöhtes Armutsrisiko eine Rolle spielen, wurde nicht explizit untersucht. Hohe Mietpreise führen in der Regel zu mehr Armut. „Interessant ist aber, dass die Armutsquoten in besonders teuren Städten vergleichsweise niedrig ist“, sagt Riedel. Es sei möglich, dass immer mehr Einkommensschwache die jeweilige Stadt verlassen und dann nicht mehr in der Statistik auftauchen.

Die Bevölkerung nimmt die steigende Armut übrigens wahr, heißt es in der Studie. 46 Prozent der Großstädter waren im Jahr 2018 der Meinung, dass die Armut in ihrer Stadt in den vergangenen zehn Jahren gestiegen sei. Dies ergab eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Kantar Emnid im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung. Von allen Bürgern in Deutschland meint dies nur gut ein Drittel (34 Prozent). Das Armutsproblem wird für umso dringlicher gehalten, je mehr Einwohner der Wohnort hat.

Der Deutsche Städtetag appellierte an Bund und Länder, strukturschwache Städte und Regionen stärker zu fördern. „Armut zu bekämpfen, ist gerade in einem wohlhabenden Land wie Deutschland ein Muss“, forderte Präsident Markus Lewe in der „Welt“. Dazu müssten zum Beispiel die Mittel der „Gemeinschaftsaufgabe Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur“ deutlich ausgeweitet werden. Projektleiter Riedel fordert von den Kommunen mehr Transparenz. „Wir müssen wissen, wie sich die Armut in einer Kommune verteilt.“ In einigen Städten fehlten dazu Erhebungen. Dementsprechend müsse dann auch die Sozialraumorientierung angepasst werden, bei der es darum geht, die Lebensbedingungen aller Menschen in einem Stadtteil, Viertel oder einem ähnlichen Sozialraum zu verbessern.

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