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Geschichtsunterricht in NRW: Auschwitz und Schule

Geschichtsunterricht in NRW : Auschwitz und Schule

Düsseldorf (RP). Der Holocaust ist durch Studienfahrten nach Auschwitz zu vermitteln, sagt das Land NRW. Neue Wege im Geschichtsunterricht tun not. Doch der Grat zwischen Bewältigung und Überforderung ist schmal.

Der Ort, an dem fast eine Million Menschen ermordet wurden, vergast wie Ungeziefer, ist eine Ruine — von den Gaskammern des deutschen Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau sind nur die Grundmauern übrig. Diese Steinhaufen soll, wenn es nach dem Willen der Landesregierung geht, jeder NRW-Schüler aus nächster Nähe sehen können — bei einer Studienfahrt. Das soll über eine Privatstiftung finanziert werden.

Ex-Regierungschef Jürgen Rüttgers (CDU), dessen geschichtspolitisches Vermächtnis diese Initiative werden könnte, sagte bei ihrer Vorstellung, die Auseinandersetzung mit dem Holocaust sei vor Ort am "wirkungsvollsten" — erst das Wissen über die Vergangenheit ermögliche eine friedliche Zukunft. Seine Nachfolgerin Hannelore Kraft (SPD) will die Initiative fortführen. Sie unterstütze die Stiftung, sagte Kraft unserer Zeitung: "Deshalb wird es auf jeden Fall weiterlaufen."

Rüttgers' Worte sind an jeder Gedenkstätte richtig, aber nirgends treffen sie wie in Auschwitz. Denn die Gaskammern sind der Nullpunkt der deutschen Geschichte — ihre größte Schande und zugleich die stärkste Quelle der politischen Kultur der Bundesrepublik, deren Credo seit 1949 ein einziges "Nie wieder Auschwitz" ist.

Die NRW-Initiative ist ein starkes historisch-moralisches Signal — der Besuch der Nachgeborenen im Zentrum des Bösen soll dem Guten dienen. Das Auschwitz-Projekt zeigt, wie sich seit etwa zwei Jahrzehnten der Geschichtsunterricht bereichert hat. Der Kölner Erziehungswissenschaftler Matthias Proske spricht von "Arbeitsteilung" zwischen Wissensvermittlung in der Schule und emotionaler Konfrontation außerhalb, die "natürlich zu begrüßen" sei: "Neue Lernzugänge sind möglich, die Perspektiven erweitern sich, Geschichtsvermittlung wird lebendiger."

Dennoch — auch dieser Versuch der Vergangenheitsbewältigung hat seine Tücken. "Das Thema Auschwitz ist für den Unterricht brisant", sagt Proske, "weil es keine erlaubte Position der Abweichung gibt." Soll heißen: Der Holocaust ist moralisch eindeutig — hier Täter, da Opfer. "Das schafft zwar klare Lernerwartungen und einen Läuterungsdruck. Gleichzeitig erhöht sich aber die Wahrscheinlichkeit, dass man es mit provokanten Positionierungen von Schülern gegen diese Erwartungen zu tun bekommt." 2009 zum Beispiel, als österreichische Gymnasiasten in Auschwitz antisemitische Sätze von sich gaben. Die Empörung war groß.

Proske fordert "pädagogischen Realismus", der die zeitliche Distanz zu den NS-Verbrechen einkalkuliert. "Meist waren selbst die Großeltern der heutigen Schüler in der NS-Zeit noch Kinder", sagt Proske: "Da muss der Zugang ganz neu erarbeitet werden." Das gilt für Schüler aus Migrantenfamilien erst recht. Das Lernen über den Holocaust wird schwieriger — was ist überhaupt ein Lernerfolg sei? persönliche Betroffenheit? Emotionale Überwältigung? Moralische Läuterung?

Eine historische Einordnung der NS-Verbrechen wäre schon eine ganze Menge, sagt der Historiker Frank Sobich: "Was haben die Deutschen davon gewusst? Gab es Widerstand? Warum gibt es immer noch Holocaust-Leugner? Solche Fragen müssen besprochen werden — vor, bei oder nach einem Besuch in Auschwitz." Der Holocaust verträgt kein bloßes theoretisches Abarbeiten — das macht ihn zu einem Stoff unter vielen; er verträgt aber auch keine moralische Überladung — die führt zur Blockade: "Wieso müssen wir uns jedes Mal dafür entschuldigen? Wir können doch gar nichts mehr dafür."

Der Satz ist der Ausspruch einer Neuntklässlerin — und der Titel einer Studie des Historikers Proske über den Holocaust im Geschichtsunterricht. Pädagogischer Realismus also, der Überforderungen vermeidet, ohne Auschwitz ganz den Historikern zu überlassen. Proske sagt es so: "Ganz ohne die moralische Ebene wird Geschichtsunterricht über den Holocaust nie funktionieren."

Hier geht es zur Bilderstrecke: Sehen, ohne zu sehen: Der Alltag neben Auschwitz

(RP)