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Sylvia Löhrmann im Interview: "Auf unsere Lehrer lasse ich nichts kommen"

Sylvia Löhrmann im Interview : "Auf unsere Lehrer lasse ich nichts kommen"

Die NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann warnt im Interview mit unserer Redaktion vor einem "allgemeinen Lehrer-Bashing". Bei der Reform des "Turbo-Abiturs" setzt sie auf klarere Regeln für die Schulen.

Nordrhein-Westfalen will den Krankenstand der Lehrer erfassen. Mancher Bürger hat den Verdacht, es gebe da auch viel Blaumacherei. Sollte ein Direktor schlechte oder faule Lehrer einfach rauswerfen können?

Löhrmann Man wirft nicht einfach jemanden raus. Lehrer zu entlassen ist nicht unser Ansatz. Wenn es Verfehlungen gibt, muss dem natürlich nachgegangen werden, aber nicht im Sinne eines "Shame and blame", sondern mit Unterstützung und Stärkung, damit die Lehrer ihren wichtigen Beruf verantwortlich und erfolgreich ausüben können.

Aber die Schule wird einen schlechten Lehrer nicht los.

Löhrmann Bitte kein allgemeines Lehrer-Bashing! Ich lasse auf unsere Lehrer nichts kommen. Es gibt in jedem Beruf Menschen, die das nicht ganz so toll können wie andere. Die müssen wir stärken. Mit dem Gros unserer Lehrer lässt sich aber gute Schule machen. Eine "Hire and fire"-Mentalität macht Schule nicht besser.

Sie sind jetzt seit neun Monaten Präsidentin der Kultusministerkonferenz der Bundesländer. Die meisten Eltern haben vor allem eine Erwartung an die KMK: mehr Einheitlichkeit in der Schule. Sind die alle ein bisschen naiv?

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Löhrmann Nein, natürlich nicht. Ein Grundsatz muss aber viel stärker in das allgemeine Bewusstsein rücken: Gleichwertigkeit bedeutet nicht Gleichartigkeit.

Warum versteht das Volk das nicht?

Löhrmann Viele glauben nicht, dass man Aufgaben gleichwertig stellen kann, ohne dass es genau dieselben Aufgaben sind. Entscheidend ist doch, dass alle jungen Menschen, die bei uns Abitur machen, anhand ihrer Kompetenzen fair bewertet werden und überall studieren können.

Aber daran glauben die Eltern nicht.

Löhrmann Dafür sorgt aber die KMK, indem wir vergleichbare Standards setzen und Kompetenzen definieren, die erreicht werden müssen. Seit den Pisa-Studien geht es nicht mehr um die reine Orientierung an Stoff und Wissen. Viele erwarten aber genau das, auch weil sie das selbst noch so erlebt haben.

Diese Kompetenzen haben den schlechten Ruf, viel zu schwammig zu sein, so dass am Ende die Umsetzung doch nicht vergleichbar ist.

Löhrmann Diese Kritik halte ich für unbegründet. Die Kompetenzen sind klar definiert. Und übrigens: Bei der beruflichen Bildung wird genau das eingefordert — Gleichwertigkeit. Ich finde, zu Recht.

Kann denn zum Beispiel eine Familie mit zwei Oberstufenschülern von Hamburg nach Düsseldorf ziehen?

Löhrmann Natürlich. Wenn es da Probleme gibt, hat das nichts mit dem Föderalismus zu tun, sondern mit unterschiedlichen Angeboten in den verschiedenen Schulen, selbst innerhalb einer Kommune. Möchten Sie etwa, dass jede Oberstufe völlig identisch ist?

Nein. Aber die Unterschiede zwischen den Schulen sind doch oft aus der schieren Not geboren und werden dann zu Schwerpunkten erklärt.

Löhrmann Oder aus der Größe der jeweiligen Oberstufe. Das ist kein Problem des Föderalismus. Entscheidend ist am Ende, dass das Abitur überall gleich schwer ist. Das muss der Föderalismus leisten.

Und dass ich zwischen allen Ländern die Schule wechseln kann.

Löhrmann Ja, und das können Sie auch, weil die Anforderungen vergleichbar sind. Unterschiedliche Profile der Schulen aber werden Sie immer haben. Die Sehnsucht nach einem politischen Wumms ist groß — danach, dass der Bund in den Schulen durchregiert. Es ist aber eine Illusion zu glauben, dadurch würde alles besser. Ob ein Kind nach einem Umzug an einer Schule gut aufgehoben ist, hat viel mehr mit der inneren Kultur einer Schule zu tun als mit den Vorgaben der KMK.

Die Gymnasialdirektoren haben neulich erst von einem "Strukturchaos" in der Bildungspolitik gesprochen. Ist das also ein Ablenkungsmanöver, weil die Schulen ihrer Aufgabe nicht nachkommen?

Löhrmann Manche Organisationen haben eine Sehnsucht nach stärkerer Vereinheitlichung. Bei der Tagung evangelischer Schulen ereilte mich drei Tage später der Ruf nach mehr Freiheit. Das zeigt: Die Vorgaben der KMK halten die Balance und sind eine gute Voraussetzung für Vergleichbarkeit.

Teil des Bildungsföderalismus sind die offenbar unaufhörlichen Rankings. Nehmen Sie die noch ernst?

Löhrmann Ja, aber wir müssen auch fragen, ob nur bekannte Daten zusammengewürfelt werden...

… wie im "Bildungsmonitor", bei dem NRW auf Platz 15 der 16 Länder landete …

Löhrmann NRW steht nicht überall auf Platz 15!

Im Gesamtergebnis schon.

Löhrmann Die Gewichtung der Faktoren dort entspricht aber nicht den Ansprüchen, die andere Untersuchungen anlegen.

Peinlich bleibt es.

Löhrmann Es ist bedauerlich, dass wir dort gelandet sind, ja. Unter Schwarz-Gelb haben wir da aber auch schon mal gestanden. Wir holen auf, beim Ganztag, bei der Studierendenquote — und beim Übergang Schule-Beruf oder bei der Inklusion brauchen wir uns im Ländervergleich nicht zu verstecken.

Wie ist der Stand der Beratungen zur Reform des "Turbo-Abiturs"? Ursprünglich hieß es, bis zu den Herbstferien sollten Ergebnisse vorliegen. Jetzt ist vom Jahresende die Rede.

Löhrmann Es gibt derzeit intensive Diskussionen in den drei Arbeitsgruppen. Bald tagt der gesamte runde Tisch, und wir tragen alle Empfehlungen zusammen. Dann ist das Parlament am Zug und soll sich 2014 auch noch damit beschäftigen.

Und die Reise geht in Richtung Reform statt Abschaffung des G 8?

Löhrmann Das ist noch nicht abschließend geklärt. Aber die meisten Organisationen am runden Tisch wollen keine Rolle rückwärts.

Müsste die Schulministerin nicht den Mut haben zu sagen: An manchen Schulen wird das G 8 gut umgesetzt, an vielen aber schlecht?

Löhrmann Die Verbindlichkeit, mit der verabredete Maßnahmen umgesetzt werden, wird einer der Schlüssel für die Akzeptanz von G 8 in Nordrhein-Westfalen sein. Ich kann mir gut regionale Qualitätszirkel vorstellen, die die Schulen begleiten und beraten. Wir müssen auch Instrumente besser zur Anwendung bringen, zum Beispiel die Mitwirkung der Schüler und Eltern in der Schulkonferenz.

Haben Sie den Gymnasien in den vergangenen Jahren in Sachen G 8 zu viele Freiräume gelassen?

Löhrmann Grundsätzlich nicht — Überzeugen und Werben ist erfolgreicher als Verordnen. Und die Erlasse zu den Hausaufgaben beispielsweise sind eindeutig. Jetzt kommt es vor allem darauf an, verabredete Änderungen verbindlich umzusetzen, und das wissen auch alle.

Frank Vollmer und Stefan Weigel führten das Gespräch.