Pandemie-Vorsorge Abwassertests weisen Corona-Anstieg nach

Düsseldorf · Das Abwassermonitoring in den Klärwerken gilt als Frühindikator für Covid-Ausbrüche. Vergangene Woche zogen die Werte massiv an. Was nun Landespolitiker fordern.

Ein Mitarbeiter beschriftet eine Abwasser-Probe von der Kläranlage Mönchengladbach-Neuwerk

Ein Mitarbeiter beschriftet eine Abwasser-Probe von der Kläranlage Mönchengladbach-Neuwerk

Foto: Niersverband/Jens Perkiewicz

Eine vom Land veröffentlichte Auswertung des Abwassers belegt einen deutlichen Anstieg der nachgewiesenen Sars-Cov-2-Viren. Das geht aus dem Abwassermonitoring des Landeszentrums Gesundheit hervor. Am Mittwoch stieg auch erstmals nach einer Phase der Beruhigung die Sieben-Tage-Inzidenz wieder um 3, auf 242,4. Die Proben werden zweimal die Woche im Rahmen eines Forschungs- und Pilotvorhabens in derzeit zehn Kläranlagen genommen, darunter in Aachen, Dinslaken, Dortmund, Duisburg, Eschweiler und Mönchengladbach. Damit seien knapp 20 Prozent der NRW-Bevölkerung abgedeckt. Perspektivisch sollen weitere Kläranlagen unter anderem in Bonn, Borken, Düsseldorf und Köln hinzukommen.

Die Niederlande, Österreich und die Schweiz setzen schon länger auf eine systematische Prüfung ihres Abwassers, das als ideales Frühwarnsystem gilt. Bereits mehrere Tage, bevor ein Schnelltest überhaupt positiv anschlägt, scheidet ein infizierter Mensch Viren aus. Das Abwasser-Monitoring gilt als präzise und kostengünstig. Steigt der Virusanteil in einem Stadtteil, könnte eine Gemeinde früh reagieren, etwa mit gezielten PCR-Tests der Anwohner. Infektionsketten könnten so verhindert werden.

 Anstieg beim Abwassermonitoring.

Anstieg beim Abwassermonitoring.

Foto: Grafik: Ferl

Das NRW-Gesundheitsministerium warnte vor einer Überinterpretation. Der aktuelle Anstieg im Abwassermonitoring lasse sich wegen fehlender Datenlieferungen von vier Anlagen und aufgrund der Regenfälle noch nicht sicher einschätzen, sagte eine Sprecherin: „Daher sind daraus aktuell keine direkten Rückschlüsse auf die allgemeine Infektionsentwicklung abzuleiten.“ Mit Blick auf die allgemeine Corona-Entwicklung sprach sie von einem seitwärts bewegenden Trend: „Aus der Entwicklung der Inzidenzwerte ergibt sich weder ein Hinweis auf relevant sinkende noch auf steigende Fallzahlen zum momentanen Zeitpunkt.“ Die Zahl stationär behandelter Covid-Patienten steige im Vergleich zum Vorwochenwert nach kontinuierlicher Abnahme in den letzten Wochen wieder leicht an, auch auf den Intensivstationen zeige sich ein leichter Zuwachs.

„Es hat ganz schön gedauert, aber es ist richtig, dass die Landesregierung unserer Forderung nach einem Abwassermonitoring endlich gefolgt ist“, sagte SPD-Fraktionsvize Lisa-Kristin Kapteinat. Dass die Zahlen wieder nach oben gingen, müsse zu denken geben: „Daher ist es gut, dass die Lage dadurch kontinuierlich im Blick ist. Wir sollten das Abwassermonitoring aber auch über Corona hinaus gezielter nutzen, um zum Beispiel auch einen Überblick über das vermehrte Auftauchen von Polio-Erregern im Abwasser großer Städte zu erhalten.“ Aufgrund der schnellen klimatischen Veränderungen würden Viren wieder eher zu einer Gefahr. „Daher brauchen wir viele Frühwarnsysteme“, so Kapteinat.

Meral Thoms, gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen-Landtagsfraktion, nannte das Instrument sinnvoll als zusätzlicher Indikator. „Bei den Corona-Inzidenzen gehen wir von einer hohen Dunkelziffer nicht erfasster Fälle aus. Um das Infektionsgeschehen möglichst genau einschätzen zu können, ist es richtig, unterschiedliche Datenquellen zu nutzen.“ Studien hätten gezeigt, dass Abwassermonitoring Dynamiken im Corona-Infektionsgeschehen mit mehreren Tagen Vorlauf aufzeigen könne: „Das Abwassermonitoring als Frühwarnsystem funktioniert unabhängig von Tests der Bevölkerung und erfasst diese insgesamt. Neue Covid-19-Varianten und deren Verbreitung können schnell überwacht werden.“ Die Grünen wollen sich Thoms zufolge für die Weiterentwicklung des Instruments einsetzen.

Unterdessen traten am Mittwoch in NRW Erleichterungen bei den Test- und Isolationspflichten nach einer Corona-Infektion in Kraft. Nach fünf Tagen können die Bürger die Isolation beenden. Ein Freitesten ist nicht mehr notwendig. Für Beschäftigte in medizinischen Einrichtungen gelten Sonderregelungen: Sie dürfen nicht arbeiten, bis ein negatives Testergebnis vorliegt.

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