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Abi-Jahrgang 2020 - Lebenszufriedenheit wie in einem Kriegsgebiet

Arbeitsmarkt- und Berufsforscher : Gemütsverfassung wie im Krieg

Wissenschaftler des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) haben die Stimmungslage des Pandemie-Abi-Jahrgangs 2020 untersucht. Die Ergebnisse sind desaströs, sie belegen die Bedeutung der Präsenzlehre.

Die Lebenszufriedenheit des ersten Pandemie-Abitur-Jahrgangs 2020 ist so stark gesunken, wie es sonst für Kriegsgebiete typisch ist. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des renommierten Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), das der Bundesagentur für Arbeit angegliedert ist. Den Forschern zufolge sank der in einer Umfrage gemessene Zufriedenheitswert Ende 2020 im Vergleich zu Ende 2019 von 7,3 auf  6,8. „Ein solcher Rückgang in der allgemeinen Lebenszufriedenheit ist untypisch, denn Studien aus der Vor-Covid-Zeit finden beispielsweise eine konstante Lebenszufriedenheit in der Oberstufe und sogar eine höhere Zufriedenheit bei Studierenden im ersten Semester als am Ende der Schulzeit“, schreiben die Forscher.

Weiter heißt es: „So hohe Einbrüche in der allgemeinen Lebenszufriedenheit, wie sie beim Abiturjahrgang 2020 vorliegen, lassen sich sonst nur bei dramatischen Ereignissen und schweren Schicksalsschlägen im Lebenslauf beobachten, etwa bei Betroffenheit einer Region von Krieg, bei Verwitwung oder bei Eintreten einer Behinderung nach einem Unfall.“

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Dabei war der Abijahrgang 2020 noch von der Pandemie weniger betroffen als die nachfolgenden, weil Schulschließungen die Abiturienten erst am Schuljahresende einholten. Deutlich wird in der Studie aber, dass insbesondere auch die Zeit nach dem Abitur den Schülern viel abverlangte.

Dazu das IAB: „Nicht nur die (Teil-)Schließungen von Schulen, Universitäten, Berufsschulen und Betrieben dürften ihre Lebenszufriedenheit stark beeinträchtigt haben, sondern auch die Kontaktbeschränkungen und Ausgangssperren dürften insbesondere für jüngere Menschen einschneidend gewesen sein.“ Als besonders belastend erlebten demzufolge jene die Pandemie, die nach dem Abitur ein Überbrückungsjahr geplant hatten und noch keine festen Pläne für ihren Bildungsweg geschmiedet hatten. Auch Abiturienten, die ein Studium aufnahmen  und sich dann im Onlinemodus wiederfanden, finden sich am Ende der Skala. Vergleichsweise glimpflich kamen jene durch die Pandemie, die eine Berufsausbildung anfingen.

Hier spiegelten sich den Forschern zufolge die Prioritäten bei der Pandemiebekämpfung wider, die das Wirtschaftsleben in weiten Teilen weiter ermöglichten, während Hochschulen fast ausschließlich Digitallehre anboten: „Somit konnten die Befragten des Abiturjahrgangs 2020 zumindest im Ausbildungsbetrieb andere Menschen treffen, während Studierende fehlende soziale Kontakte weniger gut kompensieren konnten.“ Das IAB warnt vor den Konsequenzen, die allesamt wissenschaftlich belegt seien: „Die enormen Belastungen des Distanzlernens resultieren aus häuslicher Enge, Einsamkeit sowie aus teils mangelhafter technischer Ausstattung.“ Langfristige Folgekosten ergäben sich beispielsweise für die Therapie von Essstörungen, Depressionen und Angststörungen.

Das Fazit der Wissenschaftler ist eindeutig: „Daraus folgt aus der bildungswissenschaftlichen Perspektive die dringende Empfehlung, die Schulpflicht und Präsenzlehre in Zukunft dauerhaft umzusetzen.“ In den Expertengremien dürften nicht überwiegend Virologie, Mikrobiologie, Human- und Veterinärmedizin gehört werden, „sondern auch die sorgenvollen Stimmen aus anderen Disziplinen wie der Ökonomie, Pädagogik, Psychologie und Soziologie“.

(kib)