Kampf gegen Kindeswohlgefährdung 12.480 Kinder aus Familien genommen

Düsseldorf · Immer häufiger greifen Jugendämter in NRW zum Mittel der sogenannten Inobhutnahme. Die Maßnahmen dauern immer häufiger länger als drei Monate. Experten sind alarmiert.

Josefine Paul, Ministerin für Kinder, Jugend, Familie, Gleichstellung, Flucht und Integration des Landes NRW, bei einer Plenarsitzung.

Josefine Paul, Ministerin für Kinder, Jugend, Familie, Gleichstellung, Flucht und Integration des Landes NRW, bei einer Plenarsitzung.

Foto: dpa/David Young

Um eine Gefährdung von Kindern und Jugendlichen auszuschließen, greifen die Behörden immer häufiger zu drastischen Maßnahmen. Laut einem aktuellen Bericht von NRW-Familienministerin Josefine Paul (Grüne) für den Familienausschuss des Landtags wurden Kinder und Jugendliche im vergangenen Jahr insgesamt 12.480 Mal aus den Familien genommen und in Einrichtungen untergebracht. Das ist ein Anstieg um 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Auch die Zeitspanne, die Kinder fremduntergebracht werden, ist gestiegen: 90 Tage und mehr dauerte die Maßnahme in 2079 Fällen – ein Anstieg um knapp 40 Prozent zum Vorjahr.

„Das Kindeswohl hat für die Arbeit der Jugendämter oberste Priorität. Dafür braucht es das Zusammenwirken aller“, sagte Helmut Dedy, Geschäftsführer des Städtetages NRW, unserer Redaktion. Jugendämter seien auf die Unterstützung von Schulen, Polizei, Ärztinnen und Ärzten vor Ort angewiesen. Dass alle Stellen sensibilisiert worden seien und mehr zusammenarbeiteten, zeige sich auch an den gestiegenen Zahlen.

Dedy zufolge ist die Inobhutnahme das letzte Mittel, wenn andere Maßnahmen in den Familien nicht mehr greifen. „In der Vergangenheit hat die Unterbringung der Kinder und Jugendlichen gut funktioniert, weil auch der Allgemeine Soziale Dienst der Jugendämter und Betreiber von Einrichtungen der erzieherischen Hilfe gut zusammenwirken.“ Unbegleitete minderjährige Geflüchtete zu versorgen, sei in vielen Städten eine sehr große Herausforderung. Sowohl die Allgemeinen Sozialen Dienste als auch die Betreiber der Einrichtungen kämen auch dadurch immer mehr an ihre Grenzen. „Hinzu kommt in diesem Bereich ebenfalls ein gravierender Fachkräftemangel für qualifiziertes Betreuungspersonal. Dadurch werden die Jugendämter immer stärker belastet und die Träger der Einrichtungen sind kaum mehr in der Lage, weitere Plätze zu schaffen“, warnte Dedy. Die Städte täten ihr Bestes, alle Kinder und Jugendlichen gleichermaßen gut unterzubringen. „Es wird aber auch versucht, zusätzlich mit Brückenlösungen weitere Plätze für unbegleitete minderjährige Geflüchtete zu schaffen, indem räumliche und personelle Standards vorübergehend flexibilisiert werden. Die Landesjugendämter sollten alle Möglichkeiten dazu zeitnah prüfen.“

Dennis Maelzer, familienpolitischer Sprecher der oppositionellen SPD-Fraktion, sagte unserer Redaktion: „Laut eigener Aussage der Landesjugendämter können die vorgelegten Maßnahmen zu einer Qualitätsverschlechterung führen. Damit dürfen wir uns nicht abfinden.“ Während die Bedarfe kontinuierlich stiegen, sei die Zahl der Plätze in der stationären Jugendhilfe zuletzt immer stärker zurückgegangen. „Wenn wir aufgrund des Personalmangels Kinder und Jugendliche nicht mehr adäquat versorgen können, dann müssen alle Alarmglocken schrillen.“ Maelzer verlangte, dass die Erzieherausbildung vergütet werden müsse. „Das gilt auch für Ausbildungen, die in Vollzeit in der Schule absolviert werden. Nur so werden wir deutlich mehr Auszubildende für die Erziehungsberufe gewinnen können. Das wäre die beste Werbekampagne für die Jugendhilfe. Die Ministerin muss endlich aktiv werden.“

Der Kinderschutzbund NRW sprach angesichts des Anstiegs bei den Inobhutnahmen von einer besorgniserregenden Entwicklung. Die Landesvorsitzende Gaby Flösser sagte unserer Redaktion, die aktuelle Entwicklung folge einem Trend, der seit mehreren Jahren zu beobachten sei. „Zurückzuführen ist der Anstieg vor allem zum einen auf vermehrte Einreisen unbegleiteter Minderjähriger aus dem Ausland, zum anderen auf vermehrte Meldungen von Kindeswohlgefährdungen.“ Auch Flösser übte scharfe Kritik an der Regierung. „Die Reaktion des Landes auf die Zahlen ist genauso erschreckend: Die Standards für die Erteilung einer Betriebserlaubnis werden durchweg heruntergefahren, das sozialpädagogische Fachkräftegebot bis zur Unkenntlichkeit aufgeweicht.“ Gerade für die besonders schutzbedürftigen Kinder und Jugendlichen werde damit jedweder pädagogisch-qualitative Anspruch an die Einrichtungen und Träger in Frage gestellt. „Eine angekündigte Fachkräfteoffensive kommt in jedem Fall zu spät.“