Warum Vorbehalte gerade Konjunktur haben

Spiel mit Unterlegenheitsgefühlen : Die Rückkehr des Ressentiments

Heimlicher Groll ist eine starke politische Kraft, die sich vor allem in Krisenzeiten Bahn bricht. Populisten wissen das zu nutzen.

Es ist schwierig geworden, über gewisse Themen ruhig zu diskutieren. Über Multikulti oder das dritte Geschlecht zum Beispiel, über vegane Ernährung, Impfpflicht, Klimawandel. Über Flüchtlinge sowieso. Diese Themen kitzeln oft etwas hervor, das jenseits der Fakten liegt. Etwas, das dazu führt, dass Menschen, die gegenteiliger Meinung sind, einander herabwürdigen und ausgrenzen statt mit sachlichen Argumenten zu fechten. Es tritt dann etwas zutage, das mit Gefühlen von Unterlegenheit und Trotz, mit lange empfundener Zurücksetzung und innerlichem Aufbegehren zu tun hat. Man kann das auch heimlichen Groll nennen. Oder mit dem französischen Wort: Ressentiment.

Nun sind Ressentiments keineswegs nur Gefühle, die den Einzelnen umtreiben. Sie sind auch ein gesellschaftliches Phänomen, etwas, das Menschen unterschiedlicher sozialer Schichten verbindet, zu einer Gruppe formiert und gegen andere Gruppen in Stellung bringt. Darum treiben Ressentiments die Risse in einer Gesellschaft tiefer und vergiften das Klima in einem Land. In Deutschland ist das gerade wieder machtvoll zu erleben. In Europa schon länger.

„Ressentiments sind eminent politische Gefühle“, schreibt die Soziologin Cornelia Koppetsch in ihrem neuen Buch „Gesellschaft des Zorns“. Anders als Neid oder Scham, die den Einzelnen auf sich selbst zurückwürfen, sorge das Ressentiment für ein kompaktes Wir-Gefühl. Der von Ressentiments erfüllte Mensch müsse nicht länger auf die eigenen Defizite blicken, sondern könne Ausschau halten nach Gegnern und feindlichen Mächten, an denen sich „Rachegelüste und das Verlangen nach Vergeltung entzünden könnten“.

Ressentiments speisen sich aus einfachen Wahrheiten und befördern Feindbilder, auf die sich der heimliche Groll projizieren lässt. Während der Euro-Krise waren das „die faulen Griechen“, heute sind es oft „die Flüchtlinge“, „die Politiker“, „die Eliten“ oder auch „die Wutbürger“, „die Abgehängten“, „die Jammerossis“. An solchen fest umrissenen Gruppen entlädt sich der lange genährte Vorbehalt. „Es geht dem Ressentiment nicht um konkrete Feinde, sondern um das Prinzip der Feindbildausdeutung an sich“, sagt der Philosoph und langjährige Grünen-Referent, Reinhard Olschanski. So könne das Ressentiment mobilisieren, emotionalisieren und sich wichtig machen.

Populistische Parteien nutzen Ressentiments, weil sie Emotionen schüren und komplizierte Sachverhalte auf einfache Schuldzuweisungen reduzieren. Es ist nun mal einfacher, „die Flüchtlinge“ für Niedriglöhne und den Druck auf dem Arbeitsmarkt verantwortlich zu machen, als sich mit den Dynamiken der Globalisierung und den Folgen von Sozialreformen wie der Agenda 2010 zu beschäftigen.

Doch wäre es weit gefehlt, Ressentiments nur im rechtspopulistischen Meinungsspektrum zu vermuten. Auch bei denen, die von Rechtspopulisten gern als „die Eliten“ angegriffen werden, gibt es „heimlichen Groll“. Etwa gegen jene, die ihren kosmopolitischen Lebensstil in Frage stellen und durch ihr lauthalses „Ausländer raus!“ tatsächlich Einfluss nehmen,  auf die Freizügigkeit in Europa zum Beispiel. Auch denen, die sich auf die neuen Anforderungen der globalisierten Welt eingestellt haben, die erfolgreich Selbstoptimierung betreiben und sich mit guten Gründen für eine offene Gesellschaft einsetzen, fällt es schwer, sich ohne Vorbehalte mit ihren politischen Gegnern zu beschäftigen. Sie sehen in ihnen oft nur Systemverlierer, die Grundwerte wie die Würde und Gleichheit der Menschen in Frage stellen und die Demokratie gefährden. Das verstellt den Blick auf die tatsächlichen Zumutungen der liberalen Moderne. Auf die realen Nachteile für Menschen, die in unattraktiven ländlichen Regionen leben, keinen Kreativberufen nachgehen, ihre Kinder nicht in bevorzugten Wohngebieten auf Schulen mit geringem Migrantenanteil schicken können.

Ressentiments sind Krisen­symptome. Sie brechen entlang der Risse auf, die sich in einer Gesellschaft wachsender Ungleichheit auftun. Darum sehen Experten wie Samo Tomsic, Philosoph an der Humboldt-Universität Berlin, einen ursächlichen Zusammenhang zwischen dem System Kapitalismus, das in Zyklen Krisen hervorbringt, und dem Aufkommen aggressiven Grolls. „Menschen, die den Konsequenzen ökonomischer Deregulierung und wiederkehrender wirtschaftlicher Krisen ausgeliefert sind, werden in Zeiten verschärfter politischer und ökonomischer Instabilität den negativen Affekten wie dem Ressentiment verfallen“, so Tomsic. „Das ist also ein geschichtlich wiederkehrendes gesellschaftliches Phänomen, das wir immer wieder erleben werden, solange sich am ökonomischen und politischen System nichts Grundlegendes ändert.“ Ressentiments suggerierten Sicherheit und lieferten einfache Pseudo-Wahrheiten. Sie vernebelten so den Blick auf die viel komplizierteren Zusammenhänge zwischen Wirtschaftssystem und individuellen Krisenerfahrungen. Tomsic glaubt daher, dass es auch in Folge der Umweltkrise zu einer Neubestimmung von Gemeineigentum kommen muss. „Vergesellschaftung heißt natürlich nicht, dass Menschen um ihren persönlichen Besitz enteignet werden“, so Tomsic, „es geht darum, zunächst ein Gemeinsames zu definieren, das allen gehört und über das gemeinsam entschieden wird.“ Wohnraum könne ein solches Gemeinsames sein oder auch natürliche Ökosysteme, die das Leben und Überleben aller garantierten. „Die umfangreiche Neubestimmung des Gemeinsamen würde auch dem Politischen wieder Vorrang vor dem Ökonomischen einräumen“, sagt Tomšič.

Ressentiments sind ein Zeichen dafür, dass soziale Gruppen einander nicht mehr vorbehaltlos wahrnehmen und jeweils das Gefühl haben, nicht genug Einfluss zu besitzen. Es geht also nicht nur um hassfreien Diskurs, sondern auch um ehrlichere Berücksichtigung von Interessen. Ehe das Klima vollends vergiftet ist.

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