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Vor 100 Jahren wurde Werner Schmalenbach geboren

100. Geburtstag : Wie Schmalenbach um einen Picasso pokerte

Der Gründungsdirektor der Kunstsammlung NRW wurde vor 100 Jahren geboren und starb vor zehn Jahren in Düsseldorf. Das Land NRW und Kunstbegeisterte aus aller Welt haben ihm viel zu verdanken.

Wenn er Besuchern der Kunstsammlung NRW ein Gemälde erläutert hatte, die linke Hand oft nachlässig in der Hosentasche, wies er am Ende mit der rechten noch einmal auf das Bild: fabelhaft, dieser Max Ernst! „Beim ersten klaren Wort“ von 1923 streckt sich durch die Öffnung in einer Wand eine Damenhand, zwischen gekreuztem Zeige- und Mittelfinger hält sie eine rote Kugel. Ein Band verbindet die Kugel auf Umwegen mit einer Art Stabheuschrecke, die senkrecht auf der Wand ruht. Schmalenbach wusste solche Schöpfungen lebhaft zu deuten und ins Schaffen des Künstlers einzuordnen, ohne ihnen den Zauber des Rätselhaften zu nehmen – fabelhaft! Man hörte ihm gern zu.

In diesem Jahr besteht dreifacher Anlass, die Verdienste von Professor Werner Schmalenbach in Erinnerung zu rufen. Vor 100 Jahren, am 13. September 1920, wurde er in Göttingen geboren, vor 30 Jahren, am 1. Oktober 1990, nahm er nach 28 Jahren und damit einige Jahre nach der Pensionsgrenze schweren Herzens Abschied von seinem Amt als Direktor der Kunstsammlung NRW in Düsseldorf. Und vor zehn Jahren, am 6. Juli 2010, starb er.

Werner Schmalenbach hat seine Aufgabe immer als Glück empfunden. Welchem Kunstexperten widerfährt es schon, mit einem damals märchenhaften Etat von zwei Millionen D-Mark pro Jahr eine Kunstsammlung von internationalem Rang aufbauen zu dürfen? Zwischen 1962 und 1990 erwarb er damit für das Land Nordrhein-Westfalen rund 200 Bilder, von Picasso bis zu Andy Warhol. Zusätzlich ließ ihm der WDR seit 1964 insgesamt 15 Millionen D-Mark Sonderspenden zukommen – ein öffentlich-rechtliches Mäzenatentum, das dem Sender später allerdings untersagt wurde.

Schmalenbachs Sammeltätigkeit in staatlichen Diensten, die das eingesetzte Kapital über die Jahre um ein Vielfaches vermehrte, wurde vor allem anfangs misstrauisch beäugt. Manche nahmen es ihm übel, dass er nur Bilder, keine Skulpturen oder Objekte erwarb, manche empfanden die Preise, die er mit Zustimmung seines Kuratoriums zahlte, als zu hoch, andere zweifelten an den Kriterien, nach denen er seine Einkäufe tätigte.

Auf derlei Vorwürfe hatte der selbstbewusste Schmalenbach stets schlagende, oft launige Antworten parat. Warum keine Skulpturen? „Lieber eine Sache ganz machen statt zwei Sachen halb.“ Gerne antwortete er in Anekdoten, zum Beispiel einer, die sich um das wertvollste Bild der Kollektion dreht, Picassos Gemälde „Zwei sitzende weibliche Akte“ von 1920. Schmalenbach erzählt die Geschichte des Erwerbs in seinem Buch „Die Lust auf das Bild“. In New York begegnete ihm auf der Straße ein Bekannter, ein Kunsthändler, der gelegentlich mit seinem Düsseldorfer Berufskollegen Wilhelm Grosshennig zusammenarbeitete. Der Bekannte erzählte Schmalenbach, dass die riesige Kunstsammlung des Automobil-Magnaten Walter P. Chrysler Jr. nach dessen Scheidung möglicherweise zum Verkauf stehe, da sei vielleicht etwas für Düsseldorf zu holen. Schmalenbach bekam Zutritt und verliebte sich sogleich in den Picasso. Wenige Tage nachdem er wieder in Düsseldorf war, berichtete ihm Grosshennig aufgeregt, dass Chrysler zum Verkauf bereit sei: für 2,2 Millionen D-Mark, also mehr als ein Düsseldorfer Jahresetat. Schmalenbach pokerte und erklärte, sein endgültiges Angebot belaufe sich auf 1,7 Millionen. Nach einem halben Jahr kam die Antwort aus den USA: Chrysler sagte zu. Damit widerlegte der Museumschef den bis dahin oft gehörten Satz „Schmalenbach kauft zu teuer“.

Eine kritische Frage dagegen, die bis heute nicht verstummt, ist die Frage nach Schmalenbachs Kriterien: Warum ist dieses Bild besser als jenes, dieser Künstler bedeutender als jener? Zwar hatte er an der Universität Basel Kunstgeschichte, Archäologie und Ethnologie studiert, doch aus der Kunstgeschichte war er eigenen Angaben zufolge früh ausgestiegen. Statt auf einen wissenschaftlichen Umgang mit Kunst setzte er mehr auf Intuition und vor allem auf Praxis, also auf Vergleiche: Wer am meisten gesehen hat, der hat das beste Urteil. Das lief darauf hinaus, dass Schmalenbach sich selbst zur letzten Instanz erklärte, wenn er es auch nicht so direkt sagte.

Aus heutiger Sicht hat er Recht behalten. Die Kunstsammlung NRW, aufgebaut auf einer 1960 auf Betreiben des damaligen Ministerpräsidenten Franz Meyers erworbenen Kollektion von 88 Bildern und Zeichnungen Paul Klees, zählt zu den weltweit bedeutendsten Sammlungen von Malerei des 20. Jahrhunderts. Allein elf exquisite Picassos, dazu ein riesiger Jackson Pollock, Bilder von Kandinsky, Kirchner, Beckmann, Chagall, George Grosz, Dalí, Miró, Mondrian, Schlemmer, Francis Bacon, Matisse, Roy Lichtenstein, Robert Rauschenberg, Yves Klein – Schmalenbach kaufte große Künstler, denen er oft auch persönlich begegnet war, aber vor allem kaufte er große Kunst. Das einzelne Werk bedeutete ihm alles. Wenn ihn ein Bild ansprach, griff er zu – nicht um eine Lücke in seiner Kollektion zu füllen, sondern um ein weiteres „master piece“ an Land zu ziehen. Der Begriff Meisterwerk war ihm „zu bourgeois“. Den Vorwurf, dieses Verfahren sei elitär, konterte er stets mit dem Bekenntnis dazu, dass Museumsbesucher es verdient hätten, das Allerbeste zu sehen, und zugleich mit dem Hinweis auf das umfangreiche didaktische Angebot seines Hauses.

Als wir Schmalenbach einmal fragten, ob es Erwerbungen gebe, die er aus der Rückschau lieber nicht getätigt hätte, nannte er eines der wenigen plastischen Stücke in seiner Malereisammlung: „Ohne Titel“ von Lee Bontecou, Stücke zerschlissenen Zelttuchs über einer rohen Eisenkonstruktion. Ironie der Kunstgeschichte: Ausgerechnet die heute 89-jährige Amerikanerin Bontecou wurde in den vergangenen Jahren wiederentdeckt.

Zur Kunst des ausgehenden 20. und des beginnenden 21. Jahrhunderts hatte Schmalenbach kein Verhältnis, schon Beuys war ihm fremd. Er glaubte, dass die Blütezeit der Kunst erst einmal vorüber sei, dass es vielleicht irgendwann eine neue Blüte geben werde, wer weiß. In seinem letzten Interview, das er, bereits vom Tod gezeichnet, unserer Zeitung in einer Klinik in seinem langjährigen Wohnort Meerbusch gab, lehnte er jegliche Stellungnahme zur Gegenwartskunst ab. Es sprudelte aber aus ihm heraus, sobald wir uns den bis heute gefeierten Helden seiner Zeit zuwandten. Über sie hat kaum einer so klar, so verständlich und zuweilen auch kritisch geschrieben wie Werner Schmalenbach in seinem sich auf die Düsseldorfer Sammlung gründenden Buch „Bilder des 20. Jahrhunderts“.

Rückhalt fand er angesichts seines Arbeitspensums stets in seiner Familie. Dass sich hinter seinem Selbstbewusstsein auch Demut verbarg, mag man den letzten Sätzen seines 1996 erschienenen Buches „Die Lust auf das Bild“ entnehmen: „Die Bilder, die ich gekauft habe, liebe ich unvermindert. Und dennoch leugne ich nicht, dass ich mehr als sie alle Goya liebe und Vermeer van Delft. Das ist ein widersprüchliches Geständnis, mit dem weder ich selbst noch der Leser etwas anzufangen vermag.“