„Very british“: Ausstellung im Haus der Geschichte

Haus der Geschichte : Warum wir die Briten so mögen

Die unterhaltsame Ausstellung „Very British“ im Haus der Geschichte spürt dem Verhältnis von Deutschen und Engländern nach.

Was für ein Timing! Was für ein Gespür für Themen! Die Ausstellung „Very British“, die mit dem Brexit startet und sich dann chronologisch und thematisch aus deutscher Perspektive durch Jahre und Jahrzehnte arbeitet, entlang an Stereotypen und Irritationen, vorbei an großen emotionalen Momenten, die uns Deutsche immer wieder tief berührten (Royals) oder auch aufregten (Fußball), trifft den Nerv unserer Zeit. Es sind Schlaglichter auf eine sehr einseitige Liebesbeziehung: Die Deutschen lieben die Briten und alles, was britisch ist, meint Hans Walter Hütter, Präsident der Stiftung Haus der Geschichte. Anders herum herrsche eher britische Zurückhaltung. Was gibt es für ein treffenderes Bild für das Brexit-Phänomen – just in time.

Da die Ausstellung von exzellenten Historikern konzipiert wurde, die korrekt bleiben wollen, hält Hütter den Ball flach: Als man erstmals über „Very British“ sprach, Anfang 2016, sei von Brexit noch keine Rede gewesen. Erst vier Monate später fand die entscheidende Abstimmung statt. „Dass die aktuelle Debatte die Aufmerksamkeit auf uns lenkt, ist uns nicht unwillkommen“, freut sich Hütter.

Er hat aber auch Glück gehabt. Für Dezember 2018 war „Very British“ geplant. Die Ausstellungsfirma machte Pleite. Eine neue Firma, ein neuer Termin mussten her, Leihgeber, darunter die Queen, erneut angefragt werden. Alles klappte, und passend dazu vertagte die britische Regierung den Vollzug des Brexit. Wenn jetzt etwas passiere – wovon bei einer Laufzeit bis März 2020 zu rechnen sei – werde die Ausstellung aktualisiert, verspricht Hans Walter Hütter.

Die Schau beginnt mit einem Knall. Die blaue Eingangswand mit den Europasternen ist quasi geborsten, ein Mini Cooper mit Union Jack auf dem Dach wurde herausgeschleudert (das Kultauto wird inzwischen von BMW produziert).

„Dear EU, It‘s time to go“, titelte der „Daily Mirror“, es ist Zeit zu gehen; in der Bildzeitung liest man „OUTsch!“. Neben diesen Zeitungen hängen Theresa Mays Abschiedsbrief an Donald Tusk, die knappen Abstimmungsergebnisse über den Brexit und allerlei bedauernde Zeilen aus deutschen Zeitungen. Auf dem Boden dramatische Bremsspuren.

Der Raum ist blau, so blau wie das „Sapphire Blue“ von Margaret Thatcher, das Kleid von Aquascutum, das mit obligater Handtasche in der Vitrine zu sehen ist. Die „Eiserne Lady“ setzte 1984 mit dem Ruf „I want my money back“, ich will mein Geld zurück, den Britenrabatt durch und reiht sich ein in die lange Sequenz der EU-Skeptiker.

„Der Brexit war kein Unfall“, sagt Ausstellungsleiter Thorsten Smidt, er habe eine lange Geschichte, beginnend mit Winston Churchills Beharren auf Eigenständigkeit der Briten. Der Europa-Visionär dachte größer als Europa: „Wir sind mit Europa, aber kein Teil von Europa. Wir gehören nicht einem einzigen Kontinent, sondern allen.“

Auf den starken Brexit-Einstieg folgen sechs nicht minder spannende Kapitel. Es geht um die Rolle der Briten in der Nachkriegszeit; um das Verhältnis der Deutschen zu den Royals; um den durch das Weltkriegstrauma geprägten, klischeevollen Blick der Briten auf uns und Versuche der Versöhnung. Deutschland gegen England – auch im Fußball eine emotionale Paarung; Kapitel sechs hat die Wirtschaftsmacht England im Visier; das Schlusskapitel bestreiten die Beatles und die Stones, James Bond, Monty Python und nicht zuletzt „Dinner For One“ – als Synonyme für die in Deutschland so geschätzte britische Kultur.

Im spannenden Kapitel „Gegenwärtige Vergangenheit“ tritt das mediale Zerrbild des hässlichen Deutschen, der Kommandos schnarrend im Stechschritt der Nazis unterwegs ist, gegen das Messgewand des Erzbischofs von Coventry, auf dem Bilder von Dresden und Coventry zu sehen sind, und das berühmte Nagelkreuz von St. Nikolai in Kiel als Versöhnungsgesten an.

Auch beim Fußball ploppen Weltkriegs-Stereotype auf, sobald es zu deutsch-britischen Begegnungen kommt. „Achtung! Surrender. For you Fritz, Euro 96 Championship is over“, ätzt der „Daily Mirror“ 1996 – ergebt euch, rufen die britischen Stahlhelmträger. England flog gegen die Deutschen raus und die wurden dann Europameister. 1966 holten die Briten ihren einzigen WM-Titel – gegen Deutschland. Der lederne Finalball kam am Montag per Kurier an, bleibt zwei Wochen in Bonn, wird dann von einem Stück Wembley-Rasen in Gießharz ersetzt.

Mit einer Winke-Queen, einer Hörbar mit 40 unvergesslichen Hits, George Harrisons Beatles-Anzug, Sean Connery und Emma Peel sowie dem beschwingten „Always look on the bright side of life“ der Monty Pythons endet dieser Parcours very British. Das Königreich mag vielleicht bald nicht mehr zu Europa gehören – zu Deutschland aber gehört es unbedingt.

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