Düsseldorf: Vergnügliches "Rössl" in Düsseldorf

Düsseldorf: Vergnügliches "Rössl" in Düsseldorf

Das "Weiße Rössl" ist ein biestiges Stück im Idyllengewand: Regisseur Christian Weise zeigt am Schauspielhaus, wie frisch Operette sein kann.

A bisserl ramponiert schaut's aus, die Kathi, mit ihren strubbeligen Zöpfen, dem Pelzwestchen über dem Dirndl. Doch die kautzige Briefträgerin hat es immerhin gleich zu Beginn auf den Gipfel geschafft, und so holt sie tief Luft, lässt den ersten Jodler des Abends erschallen und klettert hinunter ins "Weiße Rössl". Da sind gerade die Rentner eingefallen, eine Herde Missmutiger in beigen Blousons, die sofort bedient werden wollen, also setzen die Kellner ihr Lächeln auf — die Show kann beginnen.

Das "Weiße Rössl" ist ein biestiges Stück im Idyllengewand, eine Operette, die harmlos tut, obwohl darin städtischer Dünkel auf gastwirtliche Scheinheiligkeit trifft und ein Zahlkellner so lange schmachtet, bis das Rössl sein ist — die Devoten waren noch immer die schlimmsten Despoten. Doch bei einer guten Inszenierung muss all das unter der walzerseligen Oberfläche schlummern, muss es vordergründig heiter zugehen, müssen Kellner stolpern, ältliche Wirtinnen sich falsche Hoffnungen machen und dann doch die richtigen Paare zueinander finden. Nur wer die schöne Heuchelei ernst, den Kitsch wichtig nimmt, kann es aufnehmen mit der leichten Muse. Am Düsseldorfer Schauspielhaus gelingt das famos.

Dort wirft der Berliner Regisseur Christian Weise mit schlauem Humor, Tempo und pointierten Figuren ein pralles Stück Unterhaltung auf die Bühne, zieht ohne Derbheit alle Komikregister. Dazu hat ihm der Stuttgarter Bühnenbildner Jo Schramm eine raffinierte Alpenszenerie auf die Drehbühne gebaut. Luftiger Berggipfel, muffige Wirtsstube, Balkonzimmer, Badesee — alles ist ohne Umbau zu erreichen.

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Die Darsteller fühlen sich sichtlich wohl in der alpinen Attrappenwelt und schaffen Typen, die liebevoll bis garstig überzeichnet und doch lebendige Charaktere sind. Da macht dann Imogen Kogge mit ironischer Lust aus der Rössl-Wirtin eine drall-komische Figur, halb Feldwebel im Dirndl, halb jungmädchenhaft verliebte Henne. Doch hat sie bei Florian Jahr als galantem Rechtsanwalt mit Haifischlächeln keine Chance. Klaus Schreiber spielt treffend den gedemütigten Kellner Leopold, zerfließt wunderbar in Selbstmitleid und hat doch diesen unterdrückten Ehrgeiz, der erschauern lässt. Hendrik Arnst gibt voll Wonne den reichen Berliner Motzki, Anna Kubin hübsch überdreht das verwöhnte Töchterchen, mittendrin bruchlandet mit gewohnter Unbekümmertheit Moritz Führmann als schöner Sigismund. Das ist nur noch zu krönen durch den Auftritt des österreichischen Kaisers, den nur einer geben kann: Wolfgang Reinbacher. Und als der so sentimental "'s ist einmal im Leben so" anstimmt, ist dieses Stück plötzlich auch noch herzergreifend rührselig geworden.

Natürlich funktioniert das alles nur, weil Jens Dohle die Gassenhauer des "Rössl" so doppelbödig arrangiert, der Forsythe-Tänzer Alan Barnes hinreißende Choreografien erdacht hat und im rotierenden Zentrum der Bühne eine Salonorchester-Band grandios durch die Musikstile jazzt. Und dann brandet im endlich wieder ausverkauften Schauspielhaus der Applaus auf, die Schauspieler nehmen einander an den Händen, laufen auf ihr Publikum zu, das fordert Zugabe — auch einem Ensemble kann eine scheinbar harmlose Operette guttun.

(dok)
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