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Unique Records Düsseldorf nach dem Tod von Henry Storch

Legendäre Plattenfirma : Ina Schulz führt Unique in die Zukunft

Zwei Jahre nach dem überraschenden Tod von Henry Storch wurde das Label verkauft. Am Profil der Marke hat sich nichts geändert.

Ina Schulz öffnet das schwere Tor zur Dorotheenstraße, und Sekunden später ist der Autolärm ebenso vergessen wie die Abgas-geschwängerte Luft. Im Innenhof nur Vogelgezwitscher und Frieden. Was für ein herrlicher Arbeitsplatz! Drinnen brennt eine Kerze, im Hintergrund läuft leise Musik. Schulz setzt in der kleinen Küche erst mal Tee auf und erzählt, dass sie derzeit dabei ist, sich von Altlasten des Unique-Labels zu trennen. Vor dem Küchenbereich lagern tausende alter Unique-Tonträger, die zum Recyclinghof sollen. „Davon verkaufen wir vielleicht alle paar Jahre noch mal ein Exemplar“, sagt Schulz, dafür lohne es sich einfach nicht, die CDs und LPs zu lagern.

Die 35-Jährige will Platz schaffen für Neues. Auch an den Schreibtisch ihres verstorbenen Kollegen, der ihrem bis heute gegenüber steht, müsse sie irgendwann ran. Manches darauf ist bis heute unberührt. Ein dicker Aktenordner zum Beispiel trägt den Staub der vergangenen zwei Jahre. Daneben lagert ein Stapel LPs, die 2018 Teil der Ausstellung „30 Jahre Unique Records“ im KIT waren. Eine Würdigung, die der Labelgründer schon nicht mehr miterleben konnte.

Die Nachricht vom Tod ihres Kollegen traf Ina Schulz ebenso unvorbereitet wie alle anderen. Sie war auf dem Weg ins Büro, als der Anruf kam. Zunächst war die Lage noch unübersichtlich, aber als sie in Flingern angekommen war, hatte sie Gewissheit. „Der Tag war einer der chaotischsten und wildesten meines Lebens“, erinnert sich Schulz. In den ersten Stunden habe sie keine Träne vergossen, sondern einfach funktioniert.

Irgendwann musste sie es dann aussprechen: Henry ist tot. „Danach konnte ich zwei Tage nicht mehr aufhören zu heulen.“ Im Laufe des Tages fanden sich im Unique-Büro immer mehr Menschen ein, denen Henry etwas bedeutet hatte. Freunde, Kollegen und Künstler von Unique Records. Es wurde sehr viel Kaffee getrunken. Und sehr viel geraucht.

Als der erste Schmerz verflogen war, musste sich Schulz überlegen, wie es mit dem Label weitergehen sollte. Sie war ja nun die letzte verbliebene Mitarbeiterin. „Die logische Konsequenz nach Henrys Tod wäre eigentlich gewesen, nicht mehr ins Büro zu kommen. Ich war ja als Freiberuflerin für Unique tätig gewesen. Und mein Auftraggeber war verstorben.“

Schulz fuhr trotzdem jeden Tag nach Flingern und erledigte das, was anlag, so gut es ging. Sie machte Abrechnungen, verfasste Pressetexte, kümmerte sich um das Produktmanagement. „Henrys Tod war das eine“, sagt die 35-Jährige. „Aber den Schlüssel für das Büro abzugeben und nie mehr wiederzukommen, das wäre das Schlimmste für mich gewesen.“

Wenn Ina Schulz heute von Unique Records spricht, sagt sie „wir“. Wen genau meint sie damit? „Wenn ich wir sage, meine ich vor allem die Künstler.“ Die müsse man bei einem so kleinen Label, bei dem man jeden Cent umdrehen muss, stark mit einbeziehen. Die vergangenen zwei Jahre wären ohne den Rückhalt der Künstler nicht möglich gewesen, so Schulz. Ungefähr zehn Künstler veröffentlichen aktuell auf Unique Records. Die Düsseldorfer Band Love Machine ist dabei, Suzan Köcher‘s Suprafon, Mañana People und Botticelli Baby. „Die meisten unserer Bands kommen aus der Region, mit ihnen findet ein reger Austausch statt“, sagt Schulz. Die 35-Jährige liebt diesen Austausch. Sie liebt es, gemeinsam mit den Musikern Ideen zu entwickeln – und ab und an zu sehen, dass ein Plan aufgeht. Wie viele Leute in diesem Business ist Ina Schulz eine Überzeugungstäterin.

Dass die vergangenen Jahre nicht einfach waren für das Düsseldorfer Label, dürfte dennoch kaum überraschen. „Natürlich hätte ich gerne jemanden eingestellt, der mich unterstützt“, sagt Schulz. Allein die Finanzen hätten es nicht hergegeben. Das könnte sich allerdings schon bald ändern. Vor einigen Wochen wurde Unique Records verkauft: an Schubert Music Europe, ein Unternehmen mit Büros in Berlin und Warschau. Geschäftsführer Andreas Schubert ist ein alter Bekannter von Storch. Sein Angebot für Unique war nicht das einzige, auch andere waren interessiert. Die Entscheidung fiel im Dezember vergangenen Jahres.

Ina Schulz freut sich nun auf die neue Situation, vor allem darauf, wieder Kollegen zu haben. Eine zweite Meinung einzuholen sei ihr persönlich immer wichtig. Sie wird den ein oder anderen Arbeitsbereich abgeben, sich mehr um die klassischen A&R-Aufgaben kümmern. Und sie wird einige weitere Labels, die unter dem Dach der Schubert-Familie ansässig sind, betreuen. All das wird sie von nun an in Festanstellung tun. „Ein großer Luxus“, findet Schulz. „Ab sofort kann ich mich hundertprozentig auf das konzentrieren, wofür ich eigentlich da bin.“

Was das ist, ist für sie keine Frage. Unique Records.