Theatertage in Mülheim

Mülheim : Wer darf rein, wer bleibt draußen?

Willkommenskultur, Gewalt, Roboter-Wahn: Die 44. Mülheimer Theatertage sind unvermindert aktuell.

Bei den Mülheimer Theatertagen werden seit 1976 die von einer Jury ausgewählten acht bedeutendsten Uraufführungen des Jahres gezeigt. Jeweils am Ende des dreiwöchigen „Stücke“-Festivals erhalten der beste Autor oder die beste Autorin den wiederum von einer Jury ermittelten und mit 15.000 Euro dotierten „Mülheimer Dramatikerpreis“. 2018 ging er an Thomas Köck für „paradies spielen“.

Eine sichere Wahl offenbar, denn in diesem Jahr ist ein weiteres Werk des Autors zu sehen, aufgeführt vom Schauspiel Leipzig. „atlas“ thematisiert die Fremdenfeindlichkeit in Deutschland vor der Wiedervereinigung und schlägt eine Brücke in die Gegenwart: Eine junge Frau macht sich mit einem vergilbten Foto auf die Suche nach ihren Wurzeln (28.5., 20.30 Uhr, 29.5., 19.30 Uhr, 30.5., 11 Uhr). In Konstantin Küspert ist ein weiterer ehemaliger Preisträger vertreten. Für „europa verteidigen“ erhielt er 2017 den Publikumspreis der Stücke. Jetzt zeigt das ETA-Hoffmann-Theater Bamberg seine politische Auseinandersetzung „Der Westen“. Darin spürt er in 22 kurzen Szenen historischen und zeitgenössischen Webfehlern nach und gräbt dabei tief in der europäischen Geschichte (24./25.5., 19.30 Uhr, Stadthalle).

Die Mülheimer Theatertage gelten als wichtigstes Forum für neue deutschsprachige Stücke. Eröffnet werden sie am Samstag von Isabel Pfeifer-Poensgen, Ministerin für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW, und Mülheims Oberbürgermeister Ulrich Scholten. Direkt im Anschluss gastiert das Schauspiel Köln mit Sibylle Bergs „Wonderland Ave.“, inszeniert von Ersan Mondtag. Darin entwirft die für ihre spitze Zunge berühmte Autorin und „Spiegel“-Kolumnistin eine urkomische und bitterböse Utopie. Roboter regieren die Welt und haben neben den mechanischen auch die intellektuellen Aufgaben übernommen (11.5., 19.30 Uhr, Stadthalle). Mit „Disko“ von Wolfram Höll gestaltet das Schauspiel Leipzig eine zweite ausgewählte Inszenierung, eine bizarre Parabel auf die deutsche Willkommenskultur. Wer darf auf Gnaden des Türstehers rein, wer bleibt ausgesperrt vor der Tür? Die Clubnacht nimmt ein mörderisches Ende (14./15.5., 19.30 Uhr, Stadthalle).

Oftmals nominiert und stets am Puls der Zeit: Elfriede Jelinek. In „Schnee Weiss – Die Erfindung der alten Leier“ greift sie die #MeToo-Debatte auf und verankert sie an den bis in die 70er Jahre zurückreichenden systematischen sexuellen Übergriffen im österreichischen Skisport. Ihr wie stets an Sprachgewalt und Assoziationen reiches Stück wurde am Schauspiel Köln von Regisseur Stefan Bachmann uraufgeführt (17. 5., 19.30 Uhr, Stadthalle). Das Schauspiel Stuttgart zeigt „Die Abweichungen“ von Clemens J. Setz, ein Spiel um Selbst- und Fremdwahrnehmung, um Lebensentwürfe und Lebenslügen (27.5., 19.30 Uhr, 28.5., 18 Uhr, Stadthalle). Die Dramatikerin Enis Maci, Jahrgang 1993, verknüpft in ihrem globalen Drama „Die Mitwisser“ drei reale Begebenheiten, die mit Gewalt verbunden sind. Eine Inszenierung von Pedro Martins Beja fürs Schauspielhaus Wien (31.5./1.6., 18 Uhr, Theater an der Ruhr).

Info www.stuecke.de, Karten unter Telefon 0180 6700733

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