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Theaterkritik "Schwarzwasser" in Köln

„Schwarzwasser“ : Elfriede Jelineks Gespenster-Spaziergang in Köln

Intendant Stefan Bachmann inszeniert „Schwarzwasser“ über den Strache-Skandal auf Ibiza. Auch darin geht es um ein Virus. Eigentlich hätte das Stück bereits im März Premiere aufgeführt werden sollen.

Es ist nicht lange her, dass der österreichische Politiker Heinz-Christian Strache, damals Chef der rechtspopulistischen FPÖ, auf Ibiza in eine Falle gelockt wurde, die ihn alle Ämter und die Partei die Regierungsbeteiligung kostete. Im Mai letzten Jahres ereignete sich das denkwürdige Zusammentreffen des Politikers und eines Kompagnons mit einer vermeintlichen russischen Oligarchen-Nichte. Beide präsentierten sich dabei als durch und durch korrupt und unseriös.

Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek hat dieser Skandal offenbar so schwer erschüttert, dass sie kurze Zeit später ein Stück darüber fertig hatte. Im März sollte „Schwarzwasser“ im Schauspiel Köln Premiere feiern. Wegen der Corona-Maßnahmen funktioniert es jetzt als Spaziergang durch ein gespenstisch leeres Theater.

Auf Ibiza floss der Alkohol zumeist in Verbindung mit dem Energiedrink Red Bull – und wenn die Besucher kurz ihre Mund-Nase-Maske lüften, vernehmen sie dessen süßlichen Geruch in fast allen Innenräumen.

Intendant Stefan Bachmann hat sein Ensemble als Partyleichen inszeniert, die zwar am Kater nach dem Rausch zu leiden scheinen, aber doch immer wieder zu erstaunlicher Kraft und Stärke finden. Getreu dem wie immer dichten Jelinek-Text sind sie Mitglieder der Glaubensgemeinschaft, die schon einmal einen ganzen Kontinent in Schande und Unglück zu stürzen vermochten. Ihr Glaube stützt sich auf Begriffe wie Nation und Rasse, alles Fremde ist ihnen widerwärtig.

Die Monologe, die Bachmanns Darsteller aus einem Kinder-Swimmingpool unter den Zuschauertribünen, einer Karaoke-Kabine im Container-Provisorium des Kölner Depots und einem Heizungsraum halten, irrlichtern wie die Rhetorik der Rechtspopulisten, die in fast allen europäischen Ländern wieder Fuß gefasst haben. Sie reden in Andeutungen, und ihren Hass auf Geflüchtete und eine angebliche Lügenpresse, ihren Willen zur Macht – mit, aber auch gerne ohne Wahl – hört man eher zwischen den Zeilen heraus, wenn er nicht doch mal kurz offen hervorbricht. Auf die Außenwänden sind besonders prägnante Sätze gesprayt: „Eintritt macht frei! Man wird doch mal wieder laut werden dürfen!“

In Jelineks Stück gibt es das Bild des rechten Gedankenguts als Keim oder Virus, der nicht auszurotten ist, immer wieder erstarkt, neue Wirte findet. Deshalb macht es Sinn, den Text mit der aktuellen Situation zu verschränken. Die Zuschauer wandern vorbei an Garderoben, die mit Warn- und Regelschildern versehen sind.

Keine Normalität in Sicht.

Nächste Termine Donnerstag, 8. Oktober, 22.30 Uhr, und Mittwoch, 14. Oktober, 21.30 Uhr