Theatergruppe "Only Ask Valery!" probt "Ännie" in Düsseldorf

Besuch bei der Theaterprobe : Bühnen-Experiment für Jugendliche

Die Theatergruppe „Only Ask Valery!“ besteht aus sechs Schauspielern von Anfang 20. Sie inszenieren im FFT eine postdramatische Version des Stücks „Ännie“ von Thomas Melle.

Grell scheint das Arbeitslicht auf die Bühne des FFT. Rundherum sind Stuhlreihen aufgebaut. In einer Ecke steht ein Buffett, an dem sich Sven vor dem Probenbeginn noch schnell ein Brot schmiert. Pünktlich auf die Minute kommt als Letzter Leander, das jüngste Mitglied der Theatergruppe „Only Ask Valery!“ an. „Du schaust heute wieder gut aus“, sagt Daniel zum hochgewachsenen Leander, als sie sich zur Begrüßung umarmen. In der ersten Reihe fläzen Sami und Sven, warten auf den Probenbeginn und unterhalten sich über den Spliss ihrer Haare.

Fast versteckt im Dunkeln dahinter sitzt Michael Stieleke und beobachtet die Szenerie. Der Regisseur probt mit den sechs jungen Schauspielern das Stück „Ännie“ nach einer Vorlage des Dramatikers Thomas Melle. So locker wie zu Beginn geht es in der Probe nicht mehr zu. Denn der erfahrenen Regisseur Stieleke hat eine genaue Vorstellung von seiner Version von „Ännie“.

„Die Idee ist, dass wir hier einen post-dramatischen Ansatz versuchen und so wegkommen von festen Rollen“, sagt Stieleke. Dazu haben er und die sechs Schauspieler, die alle Anfang 20 sind, erst mal alle Rollen aus Melles Skript gestrichen. Was für die Zuschauer aber auch die Schauspieler bedeutet, dass es keine Figuren gibt, mit denen sie sich identifizieren können. Während im traditionellen Sprechtheater gerade diese Identifikation zur Dramatik des Stückes beiträgt, will Stieleke hier einen neuen Ansatz wagen.

„Dieses Stück ist ein Experiment“, sagt der Regisseur in einer Probenpause. Die Proben hätten gezeigt, dass der neue Ansatz funktioniere. Doch nicht nur die Sprechrollen werden im Sinne der Post-Dramatik geopfert, sondern auch die vierte Wand eingerissen. Diese imaginäre Wand zwischen Bühne und Publikum wird obsolet, indem bei „Ännie“ das Publikum rund herum um die Bühne sitzt. Und so selbst Teil des Stückes wird. Wie so oft bei post-dramatischen Stücken spielt hier auch Musik, Gesang und Tanz eine wichtige Rolle.

Die Geschichte der 16-jährigen Ännie ist trotz des ambitionierten Ansatzes für Jugendliche geeignet. Seit zwei Jahren ist das Mädchen verschwunden. Und die Spekulationen über ihren Verbleib nehmen mit der Zeit immer abstrusere Formen an. So avanciert Ännie zur Projektionsfläche der sie umgebenden Figuren. Denn anstatt der Wahrheit über ihren Verbleib näher zu kommen, erzählen die Figuren viel mehr über sich selbst. So legen sie ihre eigenen Abgründe, innersten Sehnsüchte und heimliche Ängste offen. „So entsteht ein Stück mit vielen Perspektiven auf Ännie, es gibt aber keine Wahrheiten“, sagt Michael Stieleke.

Ein Rad schlagend betritt nach der Probenpause Lisa die Bühne. Die 21-Jährige ist seit dem vergangenen Jahr Mitglied bei „Only Ask Valery!“. Vorher stand sie schon im Schultheater und an der Bürgerbühne in ihrer sächsischen Heimat Dresden auf der Bühne. Nach einem freiwilligen Sozialen Jahr am Schauspielhaus geht sie nun ihrer Passion im FFT nach. „Wir proben seit August in Blöcken von fünf Tagen“, sagt Lisa. Heute steht noch eine Szene auf dem Programm, in der sie alleine den Joy Division-Klassiker „Love Will Tear Us Apart“ singt.

„Es gibt Musik zwischen einigen Szene, damit der Zuschauer Zeit hat, sich auszuruhen und seine seine Gedanken zu sortieren“, erklärt der Regisseur. Schließlich gebe es in diesem post-dramatischen Stück keine Figuren an denen man sie orientieren könne. Lisa steht mit einem Mikro in der Hand langsam auf, geht singend zur Bühnenmitte. „When routines bites hard, and ambitions are low“, singt Lisa. So wie noch viele weitere Male an diesem Abend – mit Ian Curtis’ Stimme, sanft gesungen oder als Spoken Word-Version. Denn Michael Stieleke hat immer wieder Ideen oder Verbesserungsvorschläge. Diese nimmt Lisa mit einem sanften Lächeln und ohne Murren an, wenn Stieleke sie bitte, die Szene „noch ein letztes Mal“ zu proben. Aber schließlich sind alle hier dem Schülertheater längst entwachsen. Sie wollen ernstzunehmendes zeitgenössisches Theater machen. Und dafür muss man eben hart proben. Die Aufführungen werden dem jungen Team Recht geben.

Info Heute bis Samstag, jeweils 19 Uhr, im FFT.