Sommerrundgang in der Kunstakademie Düsseldorf

Junge Kunst : Sommerrundgang mit Trauerflor

Meisterschüler stellen in der Kunstakademie Abschlussarbeiten vor. Überschattet wird der Rundgang vom Tod Eberhard Havekosts.

Der Alptraum eines jeden Prüflings ist für Steve Joußen Wirklichkeit geworden. Drei Tage vor dem Abschluss seines Studiums an der Düsseldorfer Akademie starb unerwartet sein Professor, der international bekannte Maler Eberhard Havekost – ein Lehrer und Mensch, der ihm viel bedeutete.

Joußen konnte den Tod aus heiterem Himmel noch immer nicht fassen, als er uns gestern kurz vor seiner Prüfung, die Havekosts Kollege Martin Gostner übernahm, seine Arbeiten beim Sommerrundgang der Akademie erläuterte. Es hätte für ihn keinen besseren Professor geben können, sagte er, seine Ehefrau zitierend. Havekost sei wie er selbst eigenbrötlerisch gewesen, habe wie er keinen Platz im Rampenlicht angestrebt. „Es gab mit ihm immer nur Einzelgespräche“, so lobt der Schüler seinen Lehrer, und: „Er ist im Gespräch über meine Arbeiten auf Details eingegangen, die mir gar nicht bewusst waren. Ich habe mich so darauf gefreut, ihm meine Bilder zu zeigen.“

Havekost hat nur in Teilen erlebt, was Joußen jetzt als Abschlussarbeit vorstellt: eine Reihe von farbigen, skizzenhaften Szenen, die er mit einem Stift auf einem Tabletcomputer malte und dann ausdruckte. Ernste, teilweise aggressive, verzweifelte Köpfe fügen sich in eine Wasserwelt mit Haifisch ein, keiner lacht. „Ich finde, es gibt nicht viel zu lachen heutzutage“, bekennt Joußen. „Das ist keine gesunde Lebenseinstellung, aber ich bin halt so gestrickt.“ Ursprünglich bevölkerten solche Gestalten Joußens Skizzenbücher. Havekost, so erinnert er sich dankbar, habe ihm dann geraten, alles, was ihm für die Skizzenbücher durch den Kopf ging, auf Leinwand zu bannen.

Malerei beherrscht insgesamt wieder den Rundgang, daneben behaupten sich Objektkunst, Fotografie und Videoarbeiten. Eliza Ballesteros aus der Klasse Rita McBride hat sich in ihrer Installation „The Jester X“ dem Archetyp des Harlekins verschrieben. Im Atelier und davor auf dem Flur verbinden sich drei Glocken mit einer aus Rauten bestehenden schwarzen Spur. „Der Harlekin“, so sagt die Künstlerin, „kann immer noch als Metapher dienen. In unserem postfaktischen Zeitalter ist er an die Macht gelangt.“ Heißt der Harlekin womöglich Trump? „Eventuell“, antwortet Eliza Ballesteros ausweichend; so genau mag sie sich nicht festlegen.

Auch Paulina Hoffmann aus der Klasse des Semesterprofessors Lothar Hempel möchte ihre Abschlussarbeit nicht bis ins Letzte erklären, sondern lieber die Betrachter zum Spekulieren anstiften. Vier je drei Meter lange, einen Meter breite, mit durchsichtiger PVC-Folie überzogene Stahlgestelle füllen ihr Atelier in der Akademie. Wer sich zwischen den Bahnen hindurch bewegt, dem wird leicht schwindlig, weil er nicht einzuschätzen weiß, wo genau die Grenze zwischen den Plastikbahnen und den schmalen, begehbaren Zwischenräumen verläuft. „Das sind kalte, brutale Materialien“, bekennt Paulina Hoffmann; sie erzeugten Unsicherheit, kein Wohlfühlklima: „Ich möchte etwas schaffen, das ein Gefühl auslöst, welches einen Gegensatz bildet zu Natur oder zu anderer Kunst.“

Als Fotograf vertritt Teye Gerbracht, Schüler von Martin Gostner, eines der nach wie vor weitestverbreiteten Genres der bildenden Kunst. In überwiegend kleinen, düsteren Formaten erzählt er in seiner Serie „Gespenster“ von verlassenen Orten, die einen das Gruseln lehren. Auf seiner Suche nach Motiven durchstöberte er teils verfallene, teils nur vergessene Villen im Elsass, in Belgien, Palermo und Skandinavien. Wie der große norwegische Dramatiker Henrik Ibsen für die Bühne unheimliche Atmosphären schuf, in denen das Unheimliche nicht angesprochen wird, so lauert auch in Gerbrachts Fotografien der Schrecken, ohne dass er sich fassen ließe. Und wie in Caspar David Friedrichs Malerei verstecken sich in überwältigenden Landschaften winzige Menschlein. In einer ausnahmsweise zum Großformat erhobenen Szene, die im Siebengebirge entstand und für die mehrere Negative analog übereinandergelegt wurden, brennt ein Feuer im Wald. Unweit davon markiert ein Grabportal einen Eingang jenes unterirdischen Minensystems, welches das Siebengebirge unbemerkt von der Öffentlichkeit bis heute durchzieht.

Gerbracht betreibt als Fotograf ein Wechselspiel zwischen lebendig und morbide, zwischen jenem weiblichen Akt, der hier und da in einem einstmals bewohnten Raum liegt, und der Leblosigkeit, die ringsum herrscht. Damit will er ein Fenster in eine „optisch andere Welt“ aufstoßen. „Wir haben das Ornament verloren“, beklagt er, „und erleben heute eine neue Sehnsucht danach.“ Auf einer originalen Kirchenbank kann man sich in Gerbrachts gespenstische Welt vertiefen.

Ganz diesseitig geht es hingegen bei Jake Madel aus der Klasse Ellen Gallagher zu. Im hohen Raum 223 der Kunstakademie hat er eine Wand vom Boden bis zur Decke mit 43 graffitiartigen Leinwänden behängt: wild, grell in jeder Beziehung, durchzuckt von Schriften und Zeichen. „Alltagsleben“, sagt Madel lapidar – das 21. Jahrhundert im Blitzlichtgewitter.

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