Neue Ausstellung im Kit: Taking Root

Schau mit elf Künstlerinnen und Künstler : Natur verschlingt Mensch

„Taking Root“ heißt die zauberhafte Ausstellung im KIT. Thema der Kunstwerke sind Herkunft und Heimat.

Im KIT funkelt ein Schwarz, wie es nur der Nachthimmel zustande bringt. Ein schönes, ein lebendiges Schwarz. Eines, das vorgibt, stockduster zu sein, während es sachte Sternenbild um Sternenbild enthüllt. Wer lange genug hinaufblickt, beginnt sich die Augen zu reiben, weil es droben immer heller leuchtet, und mit etwas Glück zischt sogar eine Sternschnuppe vorbei, und die Wünsche haben freie Bahn. Béatrice Dreux hat unzählige Schwarztöne und Glitzerpunkte auf ihre großformatigen Bilder aufgetragen. Sie verleihen einem Oktopus Gestalt. Der Künstlerin gelten die intelligenten Kraken als Symbol für Weisheit. „Ein Oktopus weiß von Geburt an alles“, sagt sie. Die Archäologie ist ihr eine wichtige Inspirationsquelle, und so gräbt Dreux in der Geschichte der Götter, Menschen und Tiere und spürt von dort Verbindungen zu gegenwärtigen Fragestellungen auf. „Manchmal lohnt es sich, sehr weit weg zu gehen, um wieder denken zu können“, sagt sie.

Béatrice Dreux ist eine von elf Künstlerinnen und Künstlern, deren Werke aktuell im KIT, Kunst im Tunnel, zu sehen sind. Kuratiert wurde die zauberhafte und zugleich kraftvolle Ausstellung „Taking Root“ (Wurzeln schlagen) von dem Autor und Kunsthistoriker Juriaan Benschop. Der Niederländer reist viel und schaut auf neue künstlerische Positionen, deren Ausdruckskraft bereits an Fahrt aufgenommen hat. Wenn er sich auf den Weg macht, hat er meist ein übergeordnetes Thema im Kopf. Die künstlerische Vielfalt, die er auf seinen Ausflügen sammelt, soll helfen, klarer zu sehen. Im Fall von „Taking Root“ geht es um Orte und Lebensräume, die Herkunft sind oder Heimat werden können. Die Obhut gewähren und manchmal befremden. „Ich finde es interessant zu sehen, wie unterschiedliche Künstler in Zeiten nationaler Begrenzung miteinander in Beziehung treten“, nennt Benschop den Ausgangspunkt für sein Ausstellungkonzept.

In der Kunst geht es heute viel um Herkunft und Heimat. Die Suche nach Fixpunkten wird zum Mantra erhoben in einer Welt, die von weitreichenden Erschütterungen heimgesucht wird. „Taking Root“ jedoch trägt die dicke Schicht politischer Betrachtungen ab und konzentriert sich auf Ursprüngliches. Reflektiert, wo wir Menschen Wurzeln schlagen können und von welchen Überzeugungen unsere Daseinsgestaltung getragen wird. „Ich habe mich gefragt: Was ist die menschliche Natur? Sind wir Teil der Umwelt oder nicht?“ sagt Benschop.

Die lettische Künstlerin Katrina Neiburga präsentiert in der Ausstellung einen Film, „Pickled Long Cucumbers“, der die Idee von einer Rückkehr zur Natur durchspielt. Oft ist es amüsant, was es zu sehen gibt, manchmal aber möchte man sich schütteln. Ein Mann, eine Frau und ein kleines Kind leben im Wald. Sie baden im Fluß, sinken hinab in Sumpflöcher, wälzen sich im Morast oder hocken nackt am Feuer. Die Natur verschlingt den modernen Menschen, der jedoch hartnäckig Spuren hinterlässt. Wie traurig, dass die Kinder dagegen ihrer Umwelt ganz und gar ausgeliefert sind. Ida Lindgren, eine schwedische Künstlerin, zeigt kurze Filmsequenzen von kleinen Kindern, die selig schlummern, während die alttestamentarische Geschichte von Abraham erzählt wird, der bereit ist, seinen Sohn Isaak Gott zu opfern. Lindgren zerlegt das Urvertrauen der Kinder. Die Aggression, die mit einem solchen Akt verbunden ist, kommt verstohlen daher, weil kein plakatives Mittel sie antreibt. Sie schleicht sich quasi von hinten an.

Die Kraft liegt in der Zurückhaltung – das ist neben der spannenden Bandbreite der präsentierten Werke eine weitere Stärke der Ausstellung. Rubica von Streng lässt in ihren Gemälden die Landschaften in die Figuren fließen und die Figuren in die Landschaften. Sie verdünnt die Ölfarben stark, so dass das Rot, das sie nutzt, Stille verbreitet, wo es sonst Signalwirkung hat. „Ich komme aus Berlin und wurde geboren, als die Mauer fiel“, sagt Rubica von Streng. „Als ich aufwuchs, habe ich die Vereinigung gespürt, aber auch immer wieder Diskrepanz.“

Ein Thema, das auch in den Werken des jungen österreichischen Künstlers Eiko Gröschl aufblitzt. Während seiner Spaziergänge durch Wien pflückt er Szenen von den Straßen, aus den Parks und den Landschaften, die er dann später in kleinen Gemälden auf das Wesentliche reduziert: ein Badender vor dem riesigen Bug eines Schiffs oder Zugvögel an einem eisblauen Himmel, der auf die Felder hinabgefallen zu sein scheint. Ein bisschen verloren sind Eiko Gröschls Menschen und Kreaturen. Aber doch immer in Bewegung.

Und somit nie ohne Hoffnung.

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