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Miley Cyrus in Köln: Die faszinierendste Nervensäge der Welt

Miley-Cyrus-Konzert in Köln : Die faszinierendste Nervensäge der Welt

US-Superstar Miley Cyrus trat in der Kölner Arena auf. Die 21-Jährige begeisterte 10000 Fans. Neben eigenen Stücken brachte sie verblüffende Coverversionen von den Beatles und den Smiths.

Eben noch fühlte man sich gefangen im Werbespot für das Energiegetränk Red Bull. Man sah einer hüpfenden 21-jährigen Multimillionärin zu, die keine Zeit hat, alt zu werden, weil sie ja über die Freuden ewigwährender Pubertät predigen muss. Die Bühne wirkte wie das Studio einer Kika-Sendung: Plüsch-Affen tanzten im Goldflitter-Regen herum, neben ihnen neongrelle Monster, die nur aus Kopf und Beinen bestanden.

Aber plötzlich wird es ruhig, die Kulisse wird abgedunkelt, und Miley Cyrus, die im Rest der Show ausgetestet hatte, wie nackt man sein kann, obwohl man sich angezogen hat, steht in schwarzem Anzug da und guckt traurig. Sie wolle nun ein Lied für ihren toten Hund Floyd singen, sagt sie in breitestem Nashville-Amerikanisch. Sie hoffe, es gehe ihm gut im Himmel. Dann beginnt sie "Lucy In The Sky With Diamonds", eine bombastische Coverversion des Beatles-Klassikers; sie wirft sich in dieses Lied, taucht ein, schwimmt. Die 10.000 im Schnitt 16 Jahre alten Fans schreien und filmen, es ist alles zu viel für sie, und selten erlebte man etwas, das so absurd und großartig zugleich war.

Miley Cyrus trat in der Kölner Arena auf, und wer dabei war, weiß, wie sich die Gegenwart anfühlt. Dieser faszinierende Abend war radikal auf ein Publikum zugeschnitten, das dankbar die Selbstermächtigungsfantasien eines Stars annimmt, der sich um das Gesetz der Perfektion, das sonst in diesen Hallen herrscht, nicht kümmert. Cyrus lässt ihre Stimme nicht elektronisch unterstützen, man hört, dass sie schief singt, wenn sie schief singt. Sie kultiviert auch in den Ansprachen an die Fans eine ruppige, aber rührende Ehrlichkeit. Sie hält nichts von gutem Geschmack, weil ja auch die Welt nicht nur schön ist. Und zu großen Teilen kam es einem vor, als sehe man jemandem zu, der die schlimmsten Stellen aus dem Roman "Schoßgebete" von Charlotte Roche pantomimisch aufführt und dazu Musik von Lady Gaga in doppelter Geschwindigkeit laufen lässt.

Es gab Augenblicke des Schulterzuckens, Szenen größter Peinlichkeit, und die Nerven wurden extrem belastet. Aber: Keine der 110 Minuten war langweilig. Das Wesen von Miley Cyrus ist es, hinauszustürmen in die Welt und andere zu umarmen, auch wenn sie nicht umarmt werden wollen. Bei ihr ist es den ganzen Tag lang superkurz vor zwölf, und ihr Prinzip sind Schamlosigkeit und Unverschämtheit. Sie rutscht über ein vergoldetes Auto, lässt sich von Prachtkerlen in einem überdimensionierten Bett bedienen, bringt die Eltern im Publikum zum Verzweifeln und deren Kinder zum Seufzen. Zwischendurch verblüfft sie mit musikalischer Hingabe. Sie singt "There's A Light That Never Goes Out" von den Smiths, "Jolene" von ihrer Patentante Dolly Parton und "Summertime Sadness" von Lana Del Rey. Sie steht in ihren Cowboy-Stiefeln mit dem Dollarzeichen aus Strass-Steinchen da und singt diese alten Lieder. Es ist unfassbar.

Miley Cyrus hat schon eine komplette Superstarkarriere hinter sich, als Hauptfigur der Disney-Serie "Hannah Montana" nämlich. Die Tochter des christlichen Countrysängers Billy Ray Cyrus war das Gesicht des keuschen, vorpubertärten Amerika, das mit Stolz seinen Purity Ring als Symbol der Reinheit bis zur Ehe trägt. Aber all das ist nun vorbei, nun baut sie sich aus den bewährten Provokationsmechanismen der Pophistorie etwas Neues.

Miley Cyrus ist eine Entertainerin, was ihr indes fehlt, sind große Songs. Sie hat "Wrecking Ball" und "Party In The USA", aber mehr hochklassige Stücke sind da nicht. Wenn sie jemanden findet, der ihr Stücke mit der Durchschlagskraft der Kompositionen etwa für Rihanna schreibt, ist sie unschlagbar.

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(RP)