Lieblingsplatte-Festival in Düsseldorf: Diese Musik mag der Erfinder

Welche Alben der Zakk-Musikchef hört : Im Rap wird noch auf der Rasierklinge gelebt

Miguel Passarge erfand das „Lieblingsplatte“-Festival im Zakk. Nun stellt er seine persönlichen Lieblingsplatten vor.

Man kann in Düsseldorf mit wenigen Menschen so gut über Musik sprechen wie mit Miguel Passarge. Der Leiter des Musikprogramms im Kulturzentrum Zakk ist an allem interessiert: Natürlich hat der Dylan-Verehrer seine Vorlieben, aber er nimmt immer auch wahr, was neu ist und aufregend. Grenzen kennt er nicht. Sicher ist deshalb die Bandbreite der Bands so groß, die er jedes Jahr zum Lieblingsplatte-Festival einlädt. Passarge hat das Format erfunden, das bereits dreimal stattfand und am 7. Dezember in die vierte Runde geht: Deutschsprachige Künstler bringen die Lieblingsplatte aus ihrem Schaffen auf die Bühne. Es gab HipHop von Torch zu hören, Punkrock von den Fehlfarben, Krautrock von Michael Rother, Pop von Andreas Dorau. In diesem Jahr kommen etwa Element Of Crime und 2Raumwohnung. Der Ritterschlag erging, als die Band Blum­feld sich wiedervereinigte, weil es ihr bei dem ursprünglich als einmalige Angelegenheit geplanten Auftritt im Zakk so gut gefallen hatte.

Nun möchte man natürlich wissen, welche Lieblingsplatten denn wohl der Mann hat, der die „Lieblingsplatte“ erfand – so ganz persönlich: Was sind Ihre Herzensangelegenheiten? Passarge verrät sie uns – und zwar in chronologischer Reihenfolge und mit druckreifen Begründungen. Die Liste beginnt für einen „Dylanologen“ stilecht.

Bob Dylan: „Blonde On Blonde“ (1966)

„Der erste Doppelalbum der Rockgeschichte. Eine mystisch verwackelte Platte mit mythischer Aura; die grobkörnige Fotografie auf dem Cover deutet es an. Es gibt wunderschöne Songs darauf, das fast zwölf Minuten lange „Sad Eyed Lady Of The Lowlands“ etwa, das die komplette vierte LP-Seite einnimmt. Man weiß nicht so genau, auf wen sich der Titel des Albums bezieht: auf die Sängerin Nico, das Model Edie Sedgwick? Dylan hatte im Jahr zuvor seine Freundin Sara geheiratet, die war allerdings nicht blond. Er spielte die Stücke mit lokalen Sessionmusikern in Nashville ein. Es ist nicht der typische Folkrock-Sound, es liegt eine eigentümliche Spannung in dieser Musik, auf die Dylan seinen mäandernden Gesang legt.“

Leonard Cohen: „Songs Of Love And Hate“ (1971)

„Dieses Album hat in Bob Johnston denselben Produzenten wie „Blonde On Blonde“. Dylan und Cohen sind für mich die größten Songwriter aller Zeiten. Cohen hat einen anderen Duktus als Dylan: Er ist ätherischer, vergeistigter. Vielleicht kann man sagen, dass er der Rilke unter den Songwritern ist, Dylan wäre dann der Shakespeare. „Songs Of Love And Hate“ ist eine düstere und sehr tiefe Platte. Cohen singt zur gepickten akustischen Gitarre vertrackte und verträumte Lyrics. Große Songs sind da zu finden: „Avalanche“, „Famous Blue Raincoat“, „Love Calls Me By Your Name“.“

Wipers: „Youth Of America“ (1981)

„Das ist die zweite Platte der Wipers. Sie stammen aus Portland, Oregon. „Youth Of Today“ ist so etwas wie die amerikanische Version von Joy Divisions „Unknown Pleasures“. Das Album fängt die düstere Grundstimmung einer Jugend in der Reagan-Ära ein. Für mich sind die Wipers wichtiger als Joy Division. Greg Sage ist einer der besten Gitarristen überhaupt. Ihre Musik ist von Krautrock und Psychedelic inspiriert. Die Stücke sind lang, voller Effekte und sehr repetitiv. Man kann sich hineinfallen lassen. Die Wipers haben nachfolgende Bands wie Nirvana und die Melvins beeinflusst.“

Hüsker Dü: „Zen Arcade“ (1984)

„Hüsker Dü kommen aus dem Hardcore und haben sich allmählich immer mehr Richtung Gitarrenpop entwickelt. Die Gitarren sind hart, die Musik ist dennoch melodiös. „Zen Arcade“ kommt als Doppelalbum, was ungewöhnlich ist im Punkrock. Es ist ein Konzeptalbum, das den Werdegang eines jungen Amerikaners in der ersten Person erzählt. Grant Hart und Bob Mould waren die Köpfe dieser Band, große Songwriter, die einander offenbar brauchten, denn solo haben sie diese Größe nicht mehr erreicht. Auch Hüsker Dü haben sich von Krautrock inspirieren lassen.“

Blumfeld: „Ich-Maschine“ (1991)

„Mit der Einladung Blumfelds zum Lieblingsplatte-Festival habe ich mir 2017 selbst ein Geschenk gemacht. Mit dieser Platte begann die Hamburger Schule erst so richtig. Mich hat das damals umgehauen: Blumfeld zeigten mir, wie man mit deutscher Sprachen umgehen kann, wie klar und doch lyrisch. Blumfeld haben sich ja nach einer Geschichte von Franz Kafka benannt, und den las ich damals auch viel. Der Sound ist unfertig, roh, relativ hart. „Ghettowelt“, „Zeittotschläger“, „Lassuns nicht von Sex reden“: So geht Rockmusik in deutscher Sprache.“

21 Savage: „Issa Album“ (2017)

„Ich höre seit einigen Jahren sehr viel HipHop. Ich finde, das ist die Musikrichtung, die am ehesten am Puls der Zeit ist. Sie hat eine Dringlichkeit, die es im Rock zuletzt zu Zeiten des Grunge gab. Kendrick Lamar, Childish Gambino, Migos: Im Rap wird noch auf der Rasierklinge gelebt und getextet. 21 Savage wurde in London geboren und lebt in Atlanta. Sein Visum ist abgelaufen, und er lebt sozusagen ohne Erlaubnis in den USA. Im Februar wurde er deswegen festgenommen, dann aber gegen Kaution freigelassen. Große Platte.“

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