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Leverkusen: Museum Morsbroich zeigt Kunst junger Fotografen

Fotografie aus dem Rheinland : Die Fotografie kreist um sich selbst

Eine neue Generation von Fotografen aus dem Rheinland stellt sich im Leverkusener Museum Morsbroich vor. In ihrer Kunst befassen sie sich bevorzugt mit ihrem eigenen Metier.

Sie sind die Enkelschüler von Bernd und Hilla Becher, die Schüler von Andreas Gursky, Thomas Ruff oder Mischa Kuball und machen vieles anders. Den 18 Fotografiekünstlerinnen und -künstlern aus dem Rheinland, die sich jetzt im Leverkusener Museum Morsbroich vorstellen, ist gemeinsam, dass ihnen die Arbeit zum kunsttauglichen Problem wird.

Nur mittelbar reagieren sie auf gesellschaftliche Entwicklungen der Gegenwart. Vor allem geht es ihnen um den Unterschied zwischen Abbildung und Abgebildetem, um die Fotografie als konstruiertes Bild. Diese junge Fotografie versteht sich fast ebenso als Konzeptkunst wie fast alle Kunst von heute. Unsinnlich ist sie dabei zum Glück nicht.

Die Eingangsinstallation des US-Amerikaners und zeitweiligen Stipendiaten der Kölner Kunsthochschule für Medien Peter Miller gibt die Richtung vor. Man glaubt, ihm im Atelier über die Schulter zu schauen. Den Mittelpunkt bildet ein mehrfach belichtetes, unscharfes Blumenstilleben. Der Künstler spielt dabei mit der Ähnlichkeit des Wortes Bouquet mit Bokeh, dem Fachbegriff für unscharfe Aufnahmen, versteht sein mit vielerlei Stücken vollgestelltes Atelier aber auch als Selbstporträt. In seiner "Post-Photography" sucht er überlieferte Vorstellungen vom Medium Fotografie aufzubrechen.

Alwin Lay, Absolvent der Kölner Kunsthochschule und der Düsseldorfer Akademie, zeigt Collagen aus fotohistorischen und -technischen Verweisen und zielt wie Miller darauf, die Erwartungen der Betrachter zu durchkreuzen. Bereits im Treppenhaus hat man eine seiner Arbeiten erleben können: "Kodak 200 (mono)", einen auf die Wand gebrachten Latexdruck auf Vliestapete. Er bildet einen alten, analogen, einige Zentimeter aus seiner Patrone ragenden Film ab, wie man ihn einst in Kleinbildkameras verwandte - majestätische und zugleich wohl auch ironische Erinnerung an die gute alte, vordigitale Zeit.

Im Obergeschoss lässt der Ruff-Schüler Sebastian Riemer das Publikum rätseln. Drei große nebeneinanderhängende Porträts von Models in typischen Posen scheinen sich in Schollen aufzulösen, wirken je nach Sichtweise defekt und melancholisch-poetisch. "Die Fotos weisen über sich hinaus", merkt Riemer an - wohin genau, darüber ist er sich angeblich selbst nicht im Klaren. Seine Bilder fußen auf Überlegungen zur Theorie der Fotografie.

Manche der ausstellenden Künstler gehen so weit, auf eine Kamera zu verzichten und setzen entweder auf alte oder ganz neue Verfahren der Bild-Erzeugung. Zum Beispiel auf das Fotogramm, eine Methode aus der Frühzeit der Fotografie, in der man Schreibpapier mit Kochsalz und Silbernitratlösung tränkte, Gegenstände darauf legte und unter der Sonne belichtete. Der aus Neuss stammende Johannes Post, Absolvent der Kölner Hochschule, erschafft Bilder, indem er Motive scannt und neu arrangiert.

Die gesellschaftliche Wirklichkeit ist in den meisten Werken der Schau ausgespart. Die Künstler scheinen genug damit beschäftigt zu sein, bildnerisch um sich selbst und ihr Metier zu kreisen. Zumindest aber der Gursky-Schüler Moritz Wegwerth bildet politische Realität ab. In seinem 2,30 Meter breiten Inkjet-Druck "News" entlockt er dem totfotografierten Objekt Times Square in New York neues Leben. Er hat den tags und nachts turbulenten Platz abgelichtet, als gerade eine Bühne abgebaut wurde. Darauf hatte der Fernsehsender "ABC News" eine Diskussion zur Wahl für das Präsidentenamt entfesselt, und alle waren sich, wie der Künstler sagt, einig darin, dass Hillary Clinton das Rennen machen würde. Das Bild wirkt künstlich wie eine schlechte Fotomontage, doch Wegwerth verbürgt sich dafür, dass Photoshop nicht im Spiel war: "Es ist wirklich ein ganz absurder Ort."

Louisa Clement, auch sie Schülerin von Gursky, blickt gleichfalls stärker als die meisten übrigen Aussteller auf die Gegenwart. In Leuchtdias lässt sie aus Nahsicht Schaufensterpuppen erstrahlen, über deren vermeintliche Haut Finger mit ornamentalen Überzügen zu gleiten scheinen. Das wirkt statisch, bis sich die Finger auf einmal tatsächlich bewegen und das Standbild sich als Video im wohnzimmergerechten Bilderrahmen entpuppt. Die Künstlerin nennt ihre Serie "Avatar" und lässt wenig Zweifel daran, dass mit derlei künstlichen Personen Verständigung unmöglich ist.

"Next Generations" ist der Titel dieses anregenden Panoptikums. In vielen Fällen lassen die nächsten Generationen ihre Lehrer schon recht alt aussehen.