Duisburg: Kult-Film "Gegen die Wand" als Oper

Duisburg : Kult-Film "Gegen die Wand" als Oper

Scheinheirat unter jungen Türken mit traurigen Folgen: Ludger Vollmers Opern-Version von Fatih Akins Film kam im Duisburger Haus der Deutschen Oper am Rhein heraus. Wen-Pin Chien dirigierte, Gregor Horres inszenierte.

Wenn die gute alte Oper ein geschlossenes System ist, dann ist diese hier der offene Vollzug. Sie darf sich in der Welt umsehen, die Sprache von heute sprechen, sie darf auch ins Kino, guckt sich einen berühmten Film an und mietet von ihm sogar den Titel. Sie bringt moderne Tanzformen auf die Bühne, wobei athletische Männer Pirouetten auf dem Kopf vollführen, Salti springen und ihre Beine im Staccato auf den Boden knallen. Andere junge Männer treten mit Kappen und Mikro auf und singsprechen einen Rap. Zwischendurch geht es um die spröde Liebe zweier emotional angeschlagener Türken; beiden kämpfen gegen Bollwerke und Windmühlenflügel, vor allem gegen die eigene Familie - und weil das mit unserem Vokabular nicht immer in Worte zu fassen ist und unseren Horizont übersteigt, wird in der Oper zweisprachig gedacht und gesungen: auf Deutsch und Türkisch.

"Gegen die Wand" des Komponisten Ludger Vollmer segelt im Windschatten von Fatih Akins gleichnamigem, preisgekröntem Film, der vor zehn Jahren den Goldenen Bären bei der Berlinale gewann. 2008 brachte Vollmer seine Musiktheater-Version in Bremen heraus, doch die Rheinoper in Duisburg scheint vorderhand der ideale Aufführungsort zu sein. Dort gibt es viele türkische Bürger, die von den Themen Ehre, Familie, Gehorsam, Zwang und Sehnsucht ein Liedchen singen könnten. Aber auch Deutsche zählen zur Zielgruppe, damit sie lernen, wie herzlich, zugleich bedrückend die Bande in einer türkischen Familie geknüpft sein können. In der Oper sind es Daumenschrauben - Sibel geht an den Schmerzen fast zugrunde, weswegen sie sich eigene zufügt. Ihre Scheinheirat mit Cahit ist die Verzweiflungstat einer Borderline-Patientin, die sie als Befreiung missdeutet.

In der Tat bietet Vollmer ein pädagogisches Werk mit hohem Lerneffekt, er trägt ein komplexes Thema an uns heran. Und die Rheinoper tut alles, um die Kundschaft durch strategische Maßnahmen zu erweitern: Junge Leute dürften sich durch die eingefügten Breakdance- und Rap-Sequenzen stark angesprochen fühlen; Duisburger Schüler haben an der Produktion mitgearbeitet und sie in ihren eigenen Erlebniswelten fotografisch nachgestellt; statt des Rheinopernchors singt ein (die Szene optisch stark verjüngendes) Studenten-Ensemble der Robert-Schumann-Musikhochschule Düsseldorf sowie der Extrachor der Oper. Damit sich Türken zum Besuch animiert und heimisch fühlen, hat Vollmer türkische Originalinstrumente ins Orchester geholt.

So ist "Gegen die Wand" fraglos eine sehr intensive Völkerverständigungs-Maßnahme und gewiss auch ein respektabler Marketing-Coup. Zwingendes Musiktheater bietet es nur ansatzweise. Die Figuren bleiben fad, unergründlich und geheimnislos, fast versinken sie hinter dem Aufwand, der sie umgibt; und die beiden Hauptdarsteller lassen uns den ganzen Abend über spüren, dass sie einander in der Psychiatrie kennengelernt haben. Sibel und Cahit brüten, was die Runzelstirn hergibt, aber leider ohne Ertrag. Die Wand des Titels ist sozusagen der Beton über ihrem Gehirn - wir erleben sie als Gefangene ihres Lebens. Die Tristesse des Stoffs bemächtigt sich auch der Inszenierung von Gregor Horres, die sich sehr krampfig um ein Bett dreht, das einzige mobile Requisit des Abends.

Recht dünn schließlich die Musik: viele motorisch-ostinate Sequenzen mit orientalischem Duktus, exotischer Rhythmik und übermäßigen Sekunden als Ausdruck volkskundlicher Einfühlung. In den besten Momenten löst sich die Aufführung vom Stück und beginnt zu schwingen - am stärksten, wenn die vier jungen Rapper über das Thema Liebe räsonnieren und mit den schweigenden Darstellern eine Übereinkunft der Blicke herstellen: Wir ahnen, was ihr fühlt, aber wir haben auch kein Rezept für euch! An die Qualität der Filmküsse reichen die erotischen Kontakte von Sibel und Cahit übrigens problemlos heran.

Sirin Kiliç ist mit der weiblichen Hauptrolle gleichsam verheiratet, dies ist ihre dritte Produktion des Stücks. Die Stimme klingt authentisch und expressiv, aber auch rau und fast ein wenig abgesungen. Dagegen versteht Günes Gürle als Cahit erstaunlich schönes Belcanto zu investieren. In weiteren Partien gefallen vor allem Tansel Akzeybek als Sibels aggressiver Bruder Yilmaz und Conny Thimander als liederlich-provokativer Niko. Die Duisburger Philharmoniker spielen unter Wen-Pin Chien angemessen.

Also Oper als offener Vollzug. Trotzdem wirkt das Werk wie eingesperrt in seine Idee. Aus jenem Windschatten zum Film kommt es nicht heraus. Freundlicher Beifall.

(RP)
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