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Kabarettist Christian Ehring mit neuem Solo-Programm nach Bühnenpause

Solo-Programm „Antikörper“ : Christian Ehring meldet sich zurück

Seit zehn Jahren moderiert Kabarettist Christian Ehring die Satiresendung „Extra 3“ des NDR. In dieser Zeit gedieh das TV-Magazin prächtig und wechselte ins Erste Programm der ARD. Nach einer langen Bühnenpause meldet sich Ehring nun mit einem Solo-Programm zurück.

Christian Ehring kommt geimpft und mit dem Fahrrad zum Interview. Seine Bühnenpause, Ende 2018 verkündet, dauerte wegen der Pandemie deutlich länger als geplant. Doch inzwischen steht sein neues Solo-Programm „Antikörper“ und rund 100 Auftritte sind in Planung - wenn das Virus und seine Varianten es zulassen. „Ich hoffe, dass es weitergeht und bin auch ziemlich heiß drauf“, sagt Mister „Extra 3“. Bevor es Anfang September losgeht, endet für den 48-Jährigen die Fernseh-Sommerpause am 29. Juli mit einer besonderen Sendung: Seit genau zehn Jahren führt er dann durch das Satiremagazin.

Die Bühnenpause habe er dringend nötig gehabt: „Es gab Jahre, da hatte ich über 300 Termine. Ich hatte mich aus meinem Privatleben weitgehend zurückgezogen. Das musste sich ändern, bevor mich daheim keiner mehr erkennt“, berichtet der Kabarettist. Es entwickelte sich aber anders als geplant: „Corona hat mich da doch kalt erwischt. Der ganz normale Wahnsinn mit Home-Schooling und Homeoffice. Ich habe versucht, das Beste daraus zu machen.“

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Das neue Programm „Antikörper“ handelt von einem fiktiven Freund, der in der Corona-Pandemie „abdriftet“ und von der Unfähigkeit, darüber zu reden. „Es geht um die Spätausläufer dieser Krise. Die Freundschaften, die 2015 in der Flüchtlingskrise nicht zerbrochen sind, die sind durch Corona auf eine neue Probe gestellt worden.“

Ehring ist Arztsohn, geboren in Duisburg-Rheinhausen, aufgewachsen in Krefeld. Er ist verheiratet und Vater von drei Kindern, hat Germanistik und Philosophie auf Lehramt studiert, aber nicht abgeschlossen. „Zu der Zeit sind damals ohnehin keine Deutsch- und Philosophielehrer eingestellt worden“, sagt er.

Schon während des Studiums trat er mit den „Scheinheiligen“, seiner ersten Kabarettgruppe, bundesweit auf. „Mit 20 war Richard Rogler mein Vorbild, sein Programm "Freiheit aushalten" war damals stilbildend.“ Dann wurde er von Kay Lorentz gefragt, ob er als Kabarettist ans Düsseldorfer Kom(m)ödchen kommen würde und wurde schon mit 26 Jahren Ensemblemitglied.

Nebenher schrieb er Chanson-Texte für Dieter Hallervorden. „Das war schon ein Erlebnis der besonderen Art, plötzlich Dieter Hallervorden auf dem Anrufbeantworter zu haben.“

Obwohl er wegen „Extra 3“ beim NDR in Hamburg viel zu tun hat, ist er dem Rheinland treu. Nach Duisburg, Krefeld und Köln wohnt er nun in Düsseldorf. „Ich finde Hamburg schön, ziehe es aber vor, hierzubleiben. Ich bin wohl doch heimatverbunden - und hier vernetzt.“ Ein bis zwei Tage in der Woche wohnt er in Hamburg im Hotel, für seine Auftritte in der „Heute Show“ pendelt er nach Köln.

Beeindruckt hat ihn in letzter Zeit Thorsten Sträters Engagement, die Depression als psychische Krankheit aus der Tabuzone zu holen: „Die Chuzpe muss man erstmal haben, dem Sender zu sagen: Ich mach 'ne Nummer über Depression und Suizid. Da kamen mir die Tränen, weil ich es so gut, so gelungen fand. Vielleicht ist die Zeit gerade reif dafür.“

Eigene Social-Media-Kanäle hat Ehring nicht: „Ich habe innerlich so eine Suchtstruktur. Ich würde damit zu viel Zeit verbringen und mich in unergiebige und unerquickliche Diskussionen verstricken. Ich würde mich verzetteln. Es ist Psychohygiene und Arbeitsökonomie zugleich, dass ich mich da raushalte.“

Die Auseinandersetzungen seien ohnehin schon „rauer und brachialer“ als früher. „Ich bekomme wahnsinnig viel Kritik und Gegenwind, wüste Beschimpfungen aller Art. Es gibt nach jeder Sendung Hunderte von Emails. Das ist völlig normal.“ Bislang ist er glimpflich davon gekommen: „Cancel Culture im Sinne von "Der darf hier nicht mehr auftreten" - das ist mir noch nicht passiert.“ „Die ganz normalen Drohungen“ erhalte er zwar auch, Polizeischutz hat er bislang auch nicht benötigt.

Dennoch: Aufregung und Hysterie haben zugenommen. „Dieter Nuhr bekommt das wohl eher aus der links-grünen Blase ab, andere eher von rechts. Es ist alles irgendwie nicht schön, aber auch Teil des Berufs. Zu empfindlich, zu mimosenhaft sollte man nicht sein“, sagt der Wahl-Düsseldorfer.

Donald Trump trauert der Comedian als Themen-Lieferant nicht hinterher: „Trump fand ich ganz schwierig für die Satire. Es ist schwer, eine Karikatur zu karikieren. Diese vier Jahre waren wirklich kompliziert. Es gab immer die latente Gefahr der Verharmlosung: Wenn man sich über seine Dummheit lustig macht, dabei aber die faschistoiden Tendenzen übersieht.“

Nun steht die Bundestagswahl vor der Tür. Welcher Kanzlerkandidat ist aus Ehrings Sicht der satiretauglichste? „Vermutlich alle drei. Im Moment haben sich alle auf Baerbock eingeschossen. Die tun sich aber alle nicht viel. Würfel-Armin mit seinem Klausuren-Skandal, Scholz mit seinen strategischen Erinnerungslücken. Die bieten alle durchaus Potenzial. Ich lass' mich überraschen.“

(chal/dpa)