Interview mit Ai Weiwei zum Auftakt seiner bisher größten Ausstellung

Interview : „Unsere Generation ist ohne Zuhause.“

Der chinesische Künstler Ai Weiwei im Gespräch über seine gigantische Übersichts-Ausstellung in Düsseldorf, über Heimat und Heinrich Heine und über die Revolution des Individuums.

Ai Weiwei (Jahrgang 1957) ist in Düsseldorf angekommen, wo er nach eigenen Angaben die größte Ausstellung seines Lebens zeigt. Im Gespräch gibt sich der politische Weltkünstler und Dissident, der seit seiner Freilassung aus der Haft (im Jahr 2011, 81 Tage lang) unter ständiger Beobachtung der chinesischen Regierung steht, offen und sentimental. Für die Düsseldorfer Ausstellung hat er ein Foto von sich inszeniert, das ihm wichtig ist und das alle Plakate im Stadtbild ziert. Es zeigt ihn in einer ähnlichen Pose wie einst Joseph Beuys. Ganz schwarz ist er darauf gekleidet, einen Fuß hat er zum Schritt angesetzt, der linke Arm ist halb angewinkelt.

Ich finde, das ist ein besonderes Foto. Welche Aussage verbinden Sie mit dem eigens für Düsseldorf inszenierten Bild?

Ai Ich brauchte eine Botschaft für Deutschland. Denn es ist Deutschland, das mir die frühesten und breitesten Platformen für meine Kunst bot. Ich war auf der documenta (2007), dann in München (2009). Die wichtigsten Stationen meiner Karriere. Das verschaffte mir die Aufmerksamkeit der deutschen Gesellschaft. Und in Berlin erhielt ich auch die Gelegenheit, mein Studio zu errichten. Meine Beziehungen zu Deutschland sind, wie Sie sehen, sehr stark. Und diese hier ist die größte Ausstellung, die ich jemals hatte. Meine fünf riesengroßen Arbeiten, darunter das Flüchtlingsboot, können hier zusammen gezeigt werden. Das gab es in dieser Form noch nie, und das wird es nie wieder geben.

Dass das möglich geworden ist, liegt auch an der Direktorin der Kunstsammlung, an Susanne Gaensheimer.

Ai Auf jeden Fall. Sie ist eine Heldin für mich. Denn sie ist eine Frau mit klaren Ansagen und Visionen. Wir kennen uns schon lange. Sie hatte mich auch für den deutschen Pavillon in Venedig verpflichtet, wir vertrauen einander.

Der Bezug des Fotos ist unschwer zu erkennen. Von Joseph Beuys gibt es ein ähnliches aus dem Beginn der 1970er Jahre.

Ai Doch ich änderte die Bedeutung. Bei Beuys steht unten in Schreibschrift gedruckt: Wir sind die Revolution („La rivoluzione siamo noi“) . Bei mir lesen Sie: „Wo ist die Revolution?“. Das hat ein berühmter Designer in seiner Schrift gesetzt. Ich will all dem Nachdruck verleihen, was ich zeige, damit erkannt und nicht vergessen wird, dass es die wichtigste Ausstellung meines Lebens ist.

Ihre Beziehung zu Deutschland begann, als Sie zehn Jahre alt waren….

Ai In dem Alter bekam ich von meinem Vater, der ein Poet ist, einen Gedichtband zu lesen. Es war von Heinrich Heine das Versepos „Deutschland. Ein Wintermärchen“. Und ich fand darin so viel Schönes, Wertvolles, auch Humorvolles, das mich zum Lachen brachte. Der Typ ist verrückt, ich liebe ihn.

Nun sind Sie in der Stadt angekommen, in der Heinrich Heine geboren und sehr präsent ist.

Ai Ich wusste das gar nicht. Völlig unerwartet sah ich Bilder und Erinnerungen an Heine in der Lobby meines Hotels. Ich fühle mich verbunden mit ihm.

Von Heine bleibt die Erkenntnis „Das Gefährliche steckt im Kopf“.

Ai Oh ja, das ist so wahr. Und dabei sind wir selber das Problem. Wir haben die Kreativität. Und wir sind immer auch Teufel und Engel. Irgendwo in einer Ecke von uns.

Wo fühlen Sie sich zuhause, und welches Heimatgefühl möchten sie Ihrem zehnjährigen Sohn vermitteln?

Ai Es gibt keinen Platz, an dem ich mich zuhause fühlen kann. Diese Antwort ist ganz klar, je näher ich meinem Grabstein komme. Wäre mein Leben ein Buch, dann blieben noch ein paar wenige Seiten. Das Buch ist fast aus.

Ist das Ihr Ernst?

Ai Ich kann es spüren, da kommt das Ende vom Leben, nachdem du 60 geworden bist. Viele meiner Freunde sind jung gestorben. Wenn du alt stirbst, bekommst du einige Probleme. In China sagen wir: Ein guter Mensch stirbt jung. Aber natürlich hat es auch in China einen hohen Wert, wenn du alt stirbst.

Und ihr Sohn, was sagen Sie ihm?

Ai Es gibt keine feste Verortung, keine Straße und kein Platz, an den er sich erinnern würde. Unsere Generation ist ohne Zuhause, das bin nicht nur ich. Das alles ist normal. Wir haben als Zuhause den Planeten und sind Bürger dieses Planeten.

Wann waren Sie zuletzt einmal glücklich?

Ai Jetzt, in diesem Moment bin ich glücklich, weil diese komplexe Show an meinem Wunschort Deutschland realisiert wurde. Die Ausstellung erzählt eine Geschichte, sie liefert Argumente und zeigt Probleme auf, auch eine Menge Kampf.

Finden wir in der Ausstellung die Zeugnisse Ihres eigenen aufreibenden Lebens?

Ai Ja, mein Leben wird gewissermaßen erzählt, aber mehr als das kann ich mein Leben wiedererkennen, dadurch dass alle großen Arbeiten erstmals vereint sind. Manche Stücke habe selbst ich nie in ihrer Gesamtheit gesehen.

Lassen Sie uns über Kunst sprechen. Aus Ihrem Werk spricht Sorge und Traurigkeit. Eine Million Tränen werden zu Stahl…

Ai Wir wissen alle, wofür Eisen stehen kann. Gerade in Düsseldorf können wir es an allen Ecken der Stadt sehen. Eisen steht für vieles, für Struktur, Gebäude, Industrie - aber natürlich steht es auch für Beschädigung, Verletzung - auch für Krieg.

Mich würde Ihr kompositorisches Vorgehen interessieren. Wie wird aus einer Idee Kunst?

Ai Der Prozess wird gelenkt durch meine Kenntnisse, mein Wissen, meine Erfahrung. Und es kommt einfach zusammen, alles ist so offensichtlich, so klar. Ich muss gar nicht besonders kreativ sein. Wissen Sie, ich bin der Schöpfer von jemand anders. Leute sehen mich in meinem Berliner Studio mich nie als Kreativer bewegen. Es ist ein bisschen wie bei den Bauern, die aufs Feld gehen und ihre Arbeit tun.

Die 81 Tage in Haft, unter totaler Kontrolle im Gefängnis, werden Sie nie vergessen. Sind die sechs Boxen S.A.C.R.E.D. als Mahnmal zu verstehen?

Ai Es ist ein Souvenir für unsere moderne Gesellschaft. Es hat mit Schmerz zu tun. Und mit maximaler Restriktion.

Ihre Kunst steckt voller Alpträume. Suchen diese Sie noch heim bei Tag und Nacht?

Ai Nicht mehr. Denn ich wurde dadurch erlöst, dass ich mich um die Flüchtlingssituation kümmern musste.

Sie sind selber ein Flüchtling…

Ai Das bin ich. Mein Leben war in Gefahr. Aber es geht mir viel besser als den anderen, ich kann Filme drehen, Bücher schreiben und in Museen meine Kunst zeigen. Aber ich verlor mein Zuhause.

Und haben kein neues Zuhause.

Ai Es ist nicht möglich, Zuhause ist etwas, das du nicht mitnehmen kannst. Wenn du einmal verloren bist, kannst du versuchen, es wiederherzustellen, aber es ist nur eine Kopie deines Zuhauses.

Was ist hier in der Ausstellung die Botschaft?

Ai Die Botschaft steht auf dem Foto: Wo ist die Revolution? Dabei meine ich nicht eine Revolution der Gesellschaft, sondern die des Individuums. Wie kann ich mich selbst erkennen? Die Stimme in unserem Herzen ist wie ein Vogel. Das Vögelchen sitzt im Käfig. Wir sind verpflichtet, ihm die Freiheit zu schenken, den Käfig zu öffnen.

Mehr von RP ONLINE