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Köln: Im Kolumba macht Kunst glücklich

Köln : Im Kolumba macht Kunst glücklich

Das Museum des Kölner Erzbistums zeigt in seiner neuen Jahresausstellung, wie Kunst Lebenshilfe sein kann.

Man muss die Geschichte des 2007 im Herzen der Kölner Altstadt eröffneten Museums kurz erzählen und dann erst die Geschichte dieser Ausstellung. Kolumba ist einmalig. Er ist einer der ästhetisch überragenden Museumsneubauten jüngerer Zeit, von Peter Zumthor in zurückgenommenem Stil entworfen, errichtet über der Ruine der spätgotischen Kolumba-Kirche. Es gibt weder Hinweisschilder an den Wänden noch Audioguides für den Besucher; in diesem Schatzhaus der Kunst ist Überfüllung ausgeschlossen, weil Gruppenführungen nur außerhalb der regulären Öffnungszeiten möglich sind. Statt eine Cafeteria einzurichten hat man sich beim Neubau für ein lauschiges Lesezimmer entschieden, in dem erstmals philosophische Seminare gehalten werden.

Kolumba ist ein vom Erzbistum Köln finanziertes Museum, das sich ohne Zensur der Kunst öffnet und hingibt. Kardinal Joachim Meisner hat das Haus so gewollt und in seiner Freiheit intendiert. Sein Nachfolger Rainer Maria Woelki war auch schon da. Regie im Ausstellungswesen führt ein Kuratorenteam um Stefan Kraus. Jedes Jahr gibt es ein anderes Thema, Vorbereitungszeit: drei Jahre, Dauer: zwölf Monate. Gedankenschwere: garantiert.

Zeitnah will man sein mit den Themen, um die 60 000 Besucher, die jährlich kommen, in ihren Lebenswelten abzuholen. Dem zugrunde liegt ein ganzheitliches Verständnis des Menschen. "Wir sind Kunstvermittler und Brückenbauer", sagt Kraus. "Wir erklären Kunst durch Kunst, eine Ausstellung ist ein Ereignis in Raum und Zeit." Auch jetzt passt das Thema in die Zeit: "playing by heart" knüpft 50 Jahre nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil an das Dokument "Gaudium et Spes" von 1965 an, in dem es heißt: "Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Angst der Jünger Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen einen Widerhall fände. "

Stefan Kraus sagt: "Kultur ist Lebenshilfe. Vor dem Hintergrund dessen, was in der Welt gerade geschieht - Flüchtlingselend, Kriegsgefahr und Armut - wollen wir uns damit beschäftigen, wie Freude und Hoffnung in Kunst und Kultur sichtbar werden. Kunst, so drückt es Kraus aus, ist Form gewordenes Spiel mit Inhalten. Und: Kunst erlaubt sich das Undenkbare.

In "Playing by heart", das wörtlich übersetzt "auswendig spielen" heißt, geht es darum, Gegenbilder des Schmerzes zu entwerfen: Um Glück und Aufbruch, Gegenwart, Vitalität - aber auch um Heiterkeit, Humor und Witz. Befragt wird der Stellenwert der ästhetischen Bildung, des zweckfreien Spiels und der Anerkennung künstlerischer Arbeit in einer durch Ökonomie und Effizienz weitgehend dominierten Gesellschaft.

In der Ausstellung setzt man auf die Glückserfahrung, die die Aneignung eines Werkes erbringen kann. Nicht zuletzt ist "playing by heart" eine sehr musikalische Angelegenheit wie auch eine Erzählung über die Liebe.

Die Liebe begegnet dem Besucher in fast allen Räumen. Ob ein Maler wie Robert Klümpen ein Zelt malt, auf das er in großen Lettern "Je t'aime" aufsprüht, oder ein anderer wie Peter Tollens einfach nur intensive monochrome rote Bilder herstellt. Der Bildhauer Heinz Breloh bringt in glasierten Terrakotta-Skulpturen durch unterschiedliche Farbigkeit Eros, Gewalt, Tod und Auferstehung zum Klingen, und sogleich entsteht ein Dialog.

Auf andere Weise erregen die beiden Eyecatcher im Obergeschoss Aufmerksamkeit: Ein wundersamer Gesell lehnt verloren an der Wand, zusammengesetzt aus Blechtonne, Holz, Forsythienzweigen und Textilien.

Der Künstler Michael Buthe war selbst ein Wanderer zwischen den Welten. Seine vielleicht als Alter Ego gedachte Skulptur könnte ein Flüchtling sein - ausgestattet mit den Resten von Natur, Technik und Kultur jedenfalls ein markantes Gleichnis für das Unterwegssein und das Verlorensein in der Welt.

Für diese Arbeit sucht der Museumschef noch Sponsoren. Ihr Nachbar im Raum soll auch für die Sammlung angekauft werden. Es ist die verrückte, wilde, in der Form an Achterbahn-Strecken erinnernde "Serpentinata" von Bernhard Leitner. Technisch betont, akustisch massiv und raumgreifend ist die Ton-Raum-Komposition aus Schläuchen, 48 Lautsprechern und 48 Endverstärkern. Um hier die Brücke zum Thema schlagen zu können, braucht es Geduld: Irgendwann folgt dem Zischen und Rauschen eine menschliche Stimme, es werden Texte von Novalis vorgetragen.

Aus zehn Jahrhunderten stammen die Werke dieser Ausstellung, sinnbildlich und intelligent sind sie miteinander verknüpft. Das erlebt man gleich beim Eintritt: Jeremias Geisselbrunn hat die Muttergottes mit Kind aus Alabaster im Jahr 1659 geformt, nach ihrer Zerstörung wurde sie 1995 restauriert: Das Jesuskind hält einen Ball oder die Weltkugel in der Hand, der Blick zwischen Mutter und Kind ist liebevoll.

Dieses Bildnis hat den Künstler Stefan Wewerka dazu inspiriert, einen Stuhl für Maria zu schreinern, der sich an den Torso mit Sockel schmiegt. Eine Liebesgabe war dies und beredtes Zeugnis dessen, wie Christus im Kolumba in die Herzen der Menschen einzieht.

(RP)