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Empfehlungen für sehenswerte Inszenierungen in NRW: Theater an allen Orten

Empfehlungen für sehenswerte Inszenierungen in NRW : Theater an allen Orten

Das Dortmunder Schauspiel überlässt Jonathan Meese seine Bühne, das Berliner Ensemble kommt zum Gastspiel nach Duisburg. Eine Übersicht für die Region.

Um seine Theaterlandschaft und das vielfältige Angebot wird Deutschland beneidet. Wohin lohnt die Fahrt? Hier Empfehlungen für sehenswerte Inszenierungen:

Theater Bonn: „Die Räuber“

Ganze 22 Jahre alt war Friedrich Schiller, als seine „Räuber“ uraufgeführt wurden. Die Uraufführung wurde zum Skandal – und zum rauschenden Erfolg. Auch Regisseur Simon Solberg inszeniert am Theater Bonn einen Aufruhr. Er spiegelt die Gemütslage rebellischer 22-Jähriger von heute und bringt einen dynamischen Thriller auf die Bühne. Die Suche nach Freiheit steht im Zentrum. Neben den Widerständen, denen sie dabei begegnen, zeigt Solberg auch die Irrwege, die die Revoluzzer beschreiten. Die Räuberbande übertreibt es mit ihrem zivilen Ungehorsam; die verfeindeten Brüder Franz und Karl scheinen auf dem Weg zu den politischen Rändern, der eine mit Hass und Selbstbeschau, der andere mit blindem Idealismus. Schiller-Texte im Rammstein-Stil, Gangsta-Rap und tolle Choreografien: Die Wut und die Kraft des Klassikers werden hinübergerettet ins 21. Jahrhundert. Das ist Schiller pur, doch Solberg betet nicht die Asche an, sondern bewahrt die Glut des alten Freiheitskämpfers.

Schauspiel Dortmund: „Lolita
(R)evolution (Rufschädigendst) –
Ihr Alle seid die Lolita Eurer Selbst!“

Jonathan Meeses performativer Abend entzieht sich jeglichen Kriterien der Theaterkritik. Er fordert das Primat der Kunst und die Abschaffung von Politik. „Ich bin nicht mehr atelierfähig“, ruft der gehypte Agent Provocateur der bildenden Kunst. Das Atelier hat er gegen die Bühne eingetauscht. Es gelingt, die Aktionskunst der 1960er Jahre zu erneuern und in die Gegenwart zu transportieren – verstörend, provozierend, grenzüberschreitend. Meese zelebriert eine Performance irgendwo in der Tradition von Dada und Fluxus, ein Happening an der Grenze zwischen Kunst und Politik. Vielleicht ist es auch eine schwarze Messe des Nationalsozialismus, eine Teufelsaustreibung mit den Worten und Methoden des Braunen Satans mit ungezählten Zitaten aus Film, Pop-Art und modernen Mythen. Man muss das Stück nicht mögen, aber es ist eine der Kunstaktionen des Jahres. Das Dortmunder Schauspiel hat ein weiteres Mal die Grenzen zeitgenössischen Theaters verschoben.

Theater Duisburg: „Panikherz“

In der kleinen Nische, die die Popwelt für Intellektuelle bereithält, wurde Benjamin von Stuckrad-Barre zum Idol. Dann stürzte er ab: Essstörungen, Kokain, Alkohol. Ausgerechnet Udo Lindenberg, der Schwarm seiner Jugend, half ihm heraus aus dem tiefen Tal der Suchtprobleme. „Stuckiman“, wie ihn Lindenberg nennt, schrieb eine Autobiografie: narzisstisch, überbordend, exzessiv wie sein halbes Leben. Oliver Reese setzt sie in seiner Inszenierung vom Berliner Ensemble, die im März am Theater Duisburg gastiert, als Revue um. Doch die Inszenierung ist mehr als eine Revue. Sie ist ein Blick in den Kopf des Autors: in die Wirrnis eines Ex-Junkies, die dieser immer wieder in kreatives Chaos umzusetzen vermochte. Eine halbe Stunde lang droht Stuckrad-Barres Lebensbeichte in Musical-Seligkeit unterzugehen. Dann wird sie zu einem grandiosen Lied- und Wortkonzert mit einem exquisiten Ensemble.

Schauspiel Essen: „Der Stein“

Schuld und Verdrängung, Lebenslügen und die vergebliche Suche der Nachfolge-Generation nach der Wahrheit stehen im Mittelpunkt von Marius von Mayenburgs Stück. Einst in jüdischem Besitz, hat die Dresdner Villa zwischen 1933 und 1993 dreimal den Besitzer gewechselt. Nach der Wende kehrt die West-Familie in den Osten zurück und macht Ansprüche geltend. Etwas Geschichtsklitterung tut in turbulenten Zeiten not: Warum zum Beispiel nicht das NSDAP-Parteiabzeichen zum Bundesverdienstkreuz umwidmen? In zahlreichen kurzen Szenen, die zwischen verschiedenen Zeitebenen wechseln, werden die politischen Lebenslügen der opportunistischen Familie aufgedeckt. Ein wenig verkopft inszeniert, aber von einem gut aufgelegten Ensemble gespielt.

Theater an der Ruhr Mülheim:

„Sokrates der Überlebende“

Andrea Marescalchi ist Lehrer – wie Sokrates. Er ist ein hochengagierter Idealist. Doch der Lehrplan lässt nur die knappe Aufzählung von Fakten zu, nicht aber die Vermittlung eines Wertesystems. Rhetorisch brillant platziert der Lehrer zumindest drei Themengebiete: die Massaker des 20. Jahrhunderts, die romantische Liebe bei Kleist und den Tod des Sokrates einschließlich der Disputation über die Unsterblichkeit der Seele. Für eine Erklärung fehlt die Zeit. Einer seiner Schüler ist so desillusioniert, dass er den Massakern ein weiteres hinzufügt. Nur Marescalchi überlebt den Amoklauf. Die Vorlage von Antonio Scurati reichert den Plot um Motive aus Cees Nootebooms „Die folgende Geschichte“, Platons „Phaidon“ und einen Dialog zwischen Sokrates und Alkibiades an. Mit ihrer eigenwilligen Ästhetik und ihrem pochenden Soundtrack wird die Inszenierung zu einem intensiven Theatererlebnis.

Schauspiel Wuppertal: „Atlas“

„Schon damals trieben die Toten im Wasser“, sagt in Thomas Köcks mit dem Mülheimer Dramatikerpreis 2019 ausgezeichnetem Stück eine der Boat People, die vor 40 Jahren vor dem Terror des Vietcong in die Bundesrepublik Deutschland flüchteten. Ihre bei der Flucht verloren gegangene Tochter landet Ende der 1980er Jahre als Vertragsarbeiterin in der DDR. Der dortige unterschwellige Rassismus wuchs mit der Aussicht auf die Wiedervereinigung Deutschlands, im Rahmen derer die vietnamesischen Vertragsarbeiter in die Illegalität rutschten. Auch die deutsche Wiedervereinigung hatte ihre Verlierer. „Wir sind das Volk?“ Es gibt kein Wir, nirgends. Thomas Köcks kunstvoller lyrischer, geschichtspessimistischer Text beschreibt nicht nur die Geschichte dreier Generationen einer Flüchtlingsfamilie, sondern er ist auch eine Reflexion über die Wiederholbarkeit von Geschichte und die Funktion und den Charakter von Zeit.